Am vergangenen Samstag erzielte Kenan Karaman (links) gegen den 1. FC Nürnberg das 1:0 für den FC Schalke 04. Der 30-Jährige spielt seit 2022 für die Königsblauen. Foto: dpa/David Inderlied

Die Fußballkarriere des Kapitäns des FC Schalke 04 begann beim MTV Stuttgart. Gemeinsam mit seinem besten Freund zeigte er einst sogar dem großen VfB die Grenzen auf.

Der Bolzplatz an der Röckenwiesenstraße ist ein unscheinbares Spielfeld im Stuttgarter Westen. Nebenan stehen Schaukel und Rutsche, Bäume säumen die Anlage. Ende der 1990er Jahre verbrachte hier ein schüchterner Junge namens Kenan Karaman nahezu jede freie Minute. Immer an seiner Seite: Nico Springer, sein bester Freund aus Kindestagen. Hier, zwischen den Wohnsiedlungen des Hasenbergs, begann die fußballerische Karriere der beiden gebürtigen Stuttgarter – für Karaman sollte sie zwischenzeitlich bis ins deutsche Oberhaus führen. Heute spielt er eine Etage darunter beim Zweitligisten FC Schalke 04.

 

„Wir haben jeden Tag auf dem Bolzplatz gekickt, Kenan war ein richtiger Knipser“, erinnert sich Springer, der zusammen mit Karaman in den Kindergarten ging. Noch heute bestehe gelegentlicher, freundschaftlicher Kontakt, obwohl sich die beiden im Alter von 15, 16 Jahren aus den Augen verloren hätten. „Wenn man Profi werden will, ist es leider so: Jeder kämpft für sich.“ Der heute 31-Jährige sollte das am eigenen Leib erfahren – zuvor aber erlebten sie eine unbeschwerte Fußballzeit.

Im Alter von fünf Jahren fingen die beiden beim MTV Stuttgart an. Georgios Metaxarakis, damals wie heute Jugendleiter beim Verein vom Kräherwald, erinnert sich an Karamans ersten Tag im Training: „Die anderen waren unruhig und haben Blödsinn gemacht, er war eher schüchtern und hat konzentriert zugehört.“ Schon damals habe Metaxarakis gewusst: „Der will was werden.“ Viele Jahre später, bereits als gestandener Profi, offenbarte ihm sein ehemaliger Schützling: „Ich hab‘ immer davon geträumt, vor großem Publikum zu spielen und diese Stimmung zu erleben.“

„Wir waren eine unglaubliche Mannschaft“

Dass er eines Tages tatsächlich in der Bundesliga und im Trikot der türkischen Nationalmannschaft auflaufen würde, damit hatte Metaxarakis nicht gerechnet. „Er war natürlich ein super Kicker, aber nicht das allergrößte Talent“, sagt er und fügt unumwunden an: „Der Unterschied zu Nico war wie Tag und Nacht.“ Springer, ebenfalls Stürmer, sei das vielleicht größte Talent gewesen, dass er in seiner Zeit beim MTV je erlebt habe. Seite an Seite sorgte das Offensivduo für Furore im Bezirk – und das jahrelang. „Jeder von uns hat 70 bis 80 Tore pro Saison gemacht“, erzählt Springer. Den Rücken hielt den beiden damals ein gewisser Carl Klaus frei, der Torhüter steht heute bei Union Berlin unter Vertrag. „Wir waren eine unglaubliche Mannschaft.“ Selbst der Platzhirsch der Stadt sei den Kickern vom Kräherwald nicht gewachsen gewesen: „In einem Spiel gegen den VfB haben Kenan und ich jeweils vier Tore geschossen, wir haben die richtig hergespielt.“

Die Bolzplatzkönige hier im Trikot des MTV Stuttgart: Kenan Karaman (hinten, zweiter von links) und Nico Springer (Mitte vorne). Foto: privat

Im Alter von elf Jahren folgte der nächste logische Schritt: Die beiden wechselten zu eben jenem VfB – die unbeschwerte MTV-Zeit war damit vorbei. Karaman wurde bald ausgemustert, genauso wie Springer. Für letzteren wiederholte sich Jahre später, in der U16, dieses Schicksal: Erneut vom VfB berufen, wurde er bald wieder vor die Tür gesetzt. „Das war ein Knacks für mein Selbstvertrauen“, gibt Springer rückblickend zu. Währenddessen war Karaman bei den Stuttgarter Kickers gelandet, kehrte dann als Stützpunktspieler an den Kräherwald zurück. Bei der TSG Hoffenheim schaffte er schließlich den Sprung zu den Profis und debütierte in der Bundesliga. „Sein Weg war eine Odyssee“, beschreibt Metaxarakis den Werdegang von Karaman, „aber er hat nie aufgegeben, das war immer seine große Stärke. Er ist ein Kämpfer.“ Heute geht er als solcher beim FC Schalke 04 voran, ist Kapitän und absoluter Führungsspieler der Königsblauen. „10 bis 15 Prozent des Erfolgs sind Talent, aber der Wille, den Kenan hatte, war stärker als bei den anderen“, sagt Metaxarakis. Noch heute hat er guten Kontakt zu Karaman, der auch dem MTV verbunden geblieben ist und bereits zur Autogrammstunde am Kräherwald aufkreuzte.

Der (Alb-)traum vom Profifußball

Für Springer war der Traum von der Profikarriere derweil bald ausgeträumt. Nach dem zweiten Aus beim VfB hatte er ein Angebot vom Karlsruher SC, seinen Eltern zuliebe konzentrierte er sich aber stattdessen auf die Schule. Vom Profigeschäft war er da längst desillusioniert: „Beim VfB habe ich die Liebe zum Fußball verloren, es ging nur darum, sich gegen andere durchzusetzen.“ Heute habe er mit der Sache abgeschlossen. Manche Bekannte und Freunde von ihm, die ein ähnliches Schicksal erlebten, trauerten dagegen noch immer der verpassten Chance nach. „Daran kannst du zugrunde gehen“, sagt der 31-Jährige. 2019 war er noch einmal zum Verein zurückgekehrt, bei dem für ihn und Karaman alles begann, dem MTV. Nach zwei Bezirksliga-Spielzeiten hängte er die Fußballschuhe aber endgültig an den Nagel, mittlerweile ist er Vater geworden.

Was bleibt, ist die bittersüße Erinnerung an ein Erwachsenwerden auf dem Fußballplatz. Vor langer Zeit, sie waren 15 Jahre alt und gingen bereits getrennte Wege, trafen sich Karaman und Springer zufällig am Bolzplatz ihrer Kindheit wieder. Spontan ließen sie die gute alte Zeit noch einmal aufleben. Gegen das eingespielte Duo hatten die Gegner, gestandene Männer Anfang 20, keine Chance. „Es war wie damals, als wir als Kinder gegen deutlich Ältere gespielt haben. Die konnten nicht fassen, dass wir sie so in Grund und Boden spielen“, erzählt Springer amüsiert von der Rückkehr der Bolzplatzkönige von der Röckenwiesenstraße.

Serie „Fußball-Spurensuche“

Heute sind sie auf der großen Fußballbühne unterwegs, teils bis zur Champions League. Wo und wie aber hat es für sie eigentlich einmal klein angefangen – noch vor 50 statt 50 000 Zuschauern? Noch als Nachwuchskicker statt als Profizirkus-Akteur? Unsere Lokalsportredaktion hat sich für prominente Namen mit Stuttgarter Wurzeln auf eine sportliche Spurensuche begeben. Die Ergebnisse stellen wir in loser Folge im Rahmen einer Serie vor. Teil zwei: Kenan Karaman, einst MTV Stuttgart, aktuell Kapitän des FC Schalke 04.