Seit 2010 sorgt die Stadtbahnendstation in Mönchfeld dafür, dass das strukturschwache Viertel im Stuttgarter Norden nicht ganz den Anschluss verpasst. Foto: mim

Grüne Wiesen und prächtige Weinberge: Wer in Stuttgart ein hübsches Plätzchen zum Wohnen sucht, wird in Mönchfeld fündig. Doch in punkto Lebensqualität sind die Menschen hier geteilter Meinung, denn die Idylle hat die Infrastruktur vertrieben.

S-Mönchfeld - In Mönchfeld wird der Stadtbahn der grüne Teppich ausgerollt. Wie eingewebt liegen die Gleise im Gras, hohe Bäume säumen auf einer Seite den Weg. Ein kleiner Vorgeschmack auf die gute Stube des 3.000-Seelenortes im Stuttgarter Norden.

Denn in Mönchfeld ist die Natur zuhause. Große Wiesen, dichte Sträucher und Bäume prägen die Wohnanlagen. Und kleine Wege durchs Grüne laden zum Spazierengehen ein. Vor allem: Die Weinberge sind nur einen Sprung weit von der Stadtbahn entfernt. Hier an den steilen Hängen bietet sich Wanderern ein prächtiger Panorama-Blick auf den angrenzenden Stadtteil Mühlhausen im Neckartal. „Es ist ein Traum hier“, schwärmt eine 88-Jährige, die seit mehr als 50 Jahren in Mönchfeld lebt. „So klein, grün und gemütlich: Eine schönere Gegend gibt es nicht!“

„Die Stadtbahn ist das Beste, was uns passieren konnte“

Dennoch hängt auch etwas Verschlafenes in der Idylle. Wer durch die Straßen läuft, hört mal einen brummenden Rasenmäher oder sieht wie Bettdecken zum Lüften über ein Balkongeländer gehängt werden, viel mehr bewegt sich an einem gewöhnlichen Vormittag in Mönchfeld nicht.

Nathalie Weichel ist mit ihren beiden Kindern eine der wenigen Passanten, die an diesem Morgen an den aneinander gereihten Mehrfamilienhäusern vorbeigehen. „Es ist schon eine sehr ruhige Gemeinde“, erzählt die 33-Jährige, die vor Längerem schon mit ihrer Familie aus Mönchfeld weggezogen ist und jetzt in Stuttgart-West lebt. Um ihren ältesten Sohn in seinen gewohnten Kindergarten zu bringen, kommt sie noch jeden Morgen mit der U7 in das kleine Viertel im Stuttgarter Norden. „Früher gab es hier wenigstens noch Schlecker und Bonus“, sagt Weichel zur dortigen Infrastruktur. „Die sind aber auch nacheinander gegangen. Jetzt ist hier nicht mehr viel geboten.“

„Die Stadtbahn ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt selbst Eva Ballier, die Mönchfeld immerhin schon mehr als 60 Jahre die Treue hält. Seit 2010 die Stadtbahnlinie U7 eingerichtet wurde, die über den Stuttgarter Hauptbahnhof bis nach Ostfildern fährt, kommt die 84-Jährige leichter zu ihren regelmäßigen Gymnastik-Stunden in Zuffenhausen. Trotzdem: „Was hier fehlt, ist das Leben.“

Zum Beispiel am Mönchsteinplatz, eigentlich das Herz des Stadtteils. Der Platz wird eingerahmt von der Katholischen Kirche St. Johannes-Mariae-Vianney und dem breit angelegten, zweistöckigen Laden-Zentrum. Beide Gebäude stammen noch aus der Anfangszeit des Viertels, das zwischen 1957 und 1964 unter dem Druck der Wohnungsnot auf ursprünglichem Ackerland aus dem Boden gestampft und für über 6.000 Menschen zur neuen Heimat geworden war.

Es gibt Hoffnung

Inzwischen hat sich die Einwohnerzahl des Mühlhausener Stadtteils aber mehr als halbiert, eine pulsierende Ortsmitte gibt es nicht mehr. Der Versuch, 2016 auf dem Mönchsteinplatz wieder einen Wochenmarkt zu etablieren, scheiterte. Nach nur einem Jahr war schon wieder Schluss, weil zu wenige Kunden gekommen waren. Nur Senioren vom nahe gelegenen Pflegeheim St. Ulrich schauen immer wieder gerne auf dem Platz vorbei. Bei schönem Wetter setzen sie sich auf die Holzbänke, genießen die warmen Sonnenstrahlen und sehen dem Schattenspiel der Baumzweige zu. „Hier ist wenigstens Ruhe und nicht viel Theater“, beschreiben manche auch die Lebensqualität vor Ort.

Schönes Plätzchen und hartes Pflaster zugleich

Dass in Mönchfeld schönes Plätzchen und hartes Pflaster durchaus ein und dasselbe sein können, weiß Petra Müller nur zu gut. Vor acht Jahren hat die 54-Jährige mit ihrem Mann in einem der Räume des Laden-Zentrums einen Getränkemarkt eröffnet. Also genau dort, wo schon mehrere Märkte dicht machen mussten. „Wir kämpfen alle hier“, sagt Müller und zieht sorgenvoll die Augenbrauen nach oben. „Ganz egal ob Bäckerei, Uhrenfachgeschäft, Friseur-Salon, Schneiderei oder Bistro“. Die Endhaltestelle der Stadtbahn sei zwar ein Magnet, der auch junge Leute und Familien anziehe, um hier im Grünen zu wohnen. „Gleichzeitig ist die Endstation aber auch gewissermaßen das Tor zur Welt, durch das man wieder schnell wegkommt.“

Froh über den beschaulichen Ort sind vor allem die Älteren, die auch dem Getränkemarkt die Treue halten und dankbar sind, dass es ihn überhaupt noch gibt. Auf die Bedürfnisse dieser Kundschaft hat sich Petra Müller eingestellt und ein Stück weit das Konzept eines Tante-Emma-Ladens wiederbelebt. Gleich am Eingang sind Kisten mit Obst und Gemüse aufgereiht. Und in den Regalen stehen kleine Päckchen Salz, Zucker und Mehl. Außerdem gibt es Küchentücher, Essiggurken und Eier im Angebot. „Manche kommen sogar nur deswegen hierher“ , sagt Müller.

Inzwischen kennt sie fast jeden ihrer Kunden, grüßt sie mit Namen und hilft immer wieder, die Getränkekisten zum Auto zu bringen. „Das ist es halt auch wieder: Hier ist alles noch persönlicher.“ Jetzt huscht ein kleines Lächeln über ihr Gesicht, das Dankbarkeit verrät. „Es gibt sogar Kunden, die melden sich ab, wenn sie in den Urlaub gehen. Denn hier fällt es auf, wenn jemand zwei, drei Tage nicht vorbeischaut.“

In einigen Jahren soll ein neues Quartier entstehen

Für Bezirksvorsteher Ralf Bohlmann ist Mönchfeld deshalb trotz seiner dürftigen Infrastruktur weit mehr als nur das Sorgenkind unter den Mühlenhausener Stadtteilen. „Mönchfeld hat noch den Charme eines kleinen Stadtteils, wo man sich gegenseitig unterstützt“, findet er. In kaum einem anderen der insgesamt fünf Stadtteile gebe es mehr Ehrenamtliche, behauptet er.

Er hat noch mehr gute Nachrichten für die Bewohner des Stadtteils: In drei bis fünf Jahren soll es direkt neben dem Mönchsteinplatz ein neues Quartier geben. Hier wird ein neues Katholisches Gemeindezentrum entstehen, das die Kirche gleich integriert. Nur der Glockenturm soll unverändert erhalten bleiben. Hinzu kommen eine große Kindertagesstätte für vier Gruppen sowie drei Wohntürme mit rund 50 seniorengerechten Wohnungen und insgesamt 15 städtisch geförderten Wohneinheiten. „Wir versprechen uns von dem neuen Quartier schon auch einen Schub“, sagt der Bezirksvorsteher. „Wenn der Mönchsteinplatz durch das Quartier wiederbelebt wird, überlegen es sich die Eigentümer des Laden-Zentrums vielleicht doch noch und verkaufen die Immobilie. Dann bekommen wir langfristig doch noch eine andere Ladenstruktur.“

Ganz gleich, wie sich der Ortsteil auch entwickelt; eines bleibt Mönchfeld wohl immer erhalten: Der unbestechliche Charme als grünes Wohnzimmer mit Panorama-Blick.

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