Wenige Minuten vom Marienplatz entfernt: Die Endstation in Heslach-Vogelrain. Foto: Beate Pundt

Im Heslacher Betriebshof der SSB werden die Stadtbahnen gründlich gereinigt. Verschütteter Kaffee, manchmal auch Fäkalien und sogar Drogenspritzen – für den nächsten Betriebstag müssen die Wagen blitzblank gemacht werden.

Stuttgart - Wer am Marienplatz in die U14 einsteigt, um stadtauswärts zu fahren, wundert sich fünf Minuten später. Eben an der Seilbahn vorbei, hält die Bahn in Heslach-Vogelrain. „Endstation“ tönt es hier aus den Lautsprechern.

Endstation? Warum die Haltestelle Vogelrain eine Endhaltestelle ist, erschließt sich dem Stadtbahnfahrer nicht auf den ersten Blick. Stammheim oder Fellbach. Das sind Endhaltestellen, wie man sie kennt: weit außerhalb der Stadt. Dabei ist die Erklärung ganz simpel: Dass es in Heslach eine Endhaltestelle gibt, liegt am Betriebshof der SSB. Es ist der Ort, an dem die Stadtbahnen zu Hause sind. Wer aufmerksam Bahn fährt, dem ist das flache, blassgelbe Gebäude hinter der Haltestelle vielleicht schon aufgefallen. Unauffällig schlängeln sich die Stadtbahnen hier täglich aus der Halle und starten frisch gereinigt in den Tag. 45 Stadtbahnen sind in Heslach zu Hause; inklusive der Stadtbahn-Oma aus dem Jahr 1982, die das Privileg hat, in diesem Gebäude dauerhaft ein Gleis zu besetzen. Irgendwann soll sie ins Museum nach Cannstatt und bis das entschieden wird, steht sie eben hier.

Verschütteter Kaffee ist das übliche Programm

An diesem Nachmittag sind fast alle Gleise in der Halle leer. Es ist still in dem großen Gebäude. Die meisten Stadtbahnen sind unterwegs. Erst zwischen 19 und 20 Uhr kommen die ersten Wagen zurück. Dann wird es stressig, denn um 4 Uhr muss eine Handvoll Bahnen schon wieder startklar sein. Betriebshofmeister Matthias Lindner kümmert sich darum, dass der Laden läuft: dass die verschmutzten Stadtbahnen gereinigt, die defekten repariert und für die Bahnen genügend Fahrer zur Verfügung stehen. Die Halle ist Waschanlage, Werkstatt und Wartezimmer in einem. Insgesamt koordiniert Lindner in Heslach 45 Fahrzeuge und die Mitarbeiter des Standorts – 18 für die Reinigung und 14 für die Instandhaltung. Und dazu noch 190 Fahrer. Wie die Heinzelmännchen arbeiten seine Mitarbeiter hier schichtweise und verrichten Arbeiten, die man vor allem dann bemerkt, wenn sie nicht gemacht werden. Die erste Schicht des Reinigungsteams startet um 5.50 Uhr. Zehn Minuten bevor die Nachtschicht ihren Dienst beendet.

Vor allem für die Reinigungskräfte ist es manchmal eine abenteuerliche Arbeit. Seit vier Jahren ist Lindner Betriebshofmeister in Heslach und hat einige Geschichten auf Lager. „Da findet man so einiges“, erzählt Lindner. Und damit meint er nicht die stehen gelassene Cola, den verschütteten Kaffee und die liegengebliebene Zeitung. „Die gehören zum üblichen Programm.“ Wenn Wasen oder Weihnachtsmarkt ist, geht es in der Bahn zur Sache. „Da finden wir Körperflüssigkeiten aller Art“, berichtet der 35-Jährige. Urin und Kot, Erbrochenes und Blut. Das nimmt er nicht persönlich. Ganz im Gegenteil - Lindner sieht das sehr sachlich: „Da ist eben auch Alkohol im Spiel und das enthemmt die Leute“, sagt er. Und als Fundbüro dient der Betriebshof obendrein, berichtet der Betriebshofmeister: „Wir finden regelmäßig Handys oder Handtaschen und auch mal eine Hose“, sagt er und schüttelt schmunzelnd den Kopf.

Mit der Kickers-Bahn zum VfB-Spiel

Auch der eine oder andere Betrunkene hat den Betriebshof schon von innen gesehen. „Die Leute liegen dann schlafend hinter irgendeinem Sitz und werden bei der Grobschmutzreinigung gefunden“, erzählt er. Auch Spritzen von Drogenabhängigen fänden sich ab und an. Ist Stuttgart deshalb das neue Berlin? Lindner schüttelt den Kopf. Insgesamt gehe es doch gemächlich zu. Auch Vandalismus sei bei den Stadtbahnen kaum ein Thema. In Berlin, da sei das sicher anders, sagt er. „Da sind die Scheiben der Bahn so verkratzt, dass man nicht mehr durchschauen kann.“ Das sei im Stuttgarter Kessel nicht üblich. „Die Schwaben haben es gerne ordentlich“, weiß er.

Stolz auf die alten Damen

Und weil Fußball im Kessel auch eine große Rolle spielt, seien Fußball-Fans ein ganz eigenes Thema für Stuttgarter Stadtbahn, erzählt Lindner: „Wir haben aus Versehen schon unsere mit der Stuttgarter-Kickers-Reklame beklebte Bahn zum VfB-Spiel geschickt.“ Da seien die weiß-roten Fans extrem empfindlich, aber bei der SSB habe einfach keiner darüber nachgedacht. „Glücklicherweise hat die Polizei Alarm geschlagen und uns rechtzeitig gebeten, eine neue Bahn zu schicken“, so Lindner. „Mal sehen, wie das in der zweiten Liga wird“, sagt der 35-Jährige in Anspielung auf den Abstieg des VfB: „Die Gegner sind dann ja andere – das könnte interessant werden.“

Eine Besonderheit in Stuttgart seien außerdem die historischen Bahnen: „Die Zahnradbahn und die Seilbahn sind bei uns in den täglichen Verkehrsbetrieb integriert“, erzählt Lindner nicht ohne Stolz. Dabei würden die beiden „alten Damen“ den Mitarbeitern des Betriebshofes einiges abverlangen. „Die beiden brauchen extrem viel Aufmerksamkeit“, sagt er. Die Arbeit an den Stadtbahnen verteilt sich dabei auf drei Betriebshöfe. Neben dem in Heslach steht noch einer am anderen Ende der U-14-Linie in Remseck und ein dritter im Industriegebiet in Möhringen. Der in Heslach ist jedoch der älteste, seit 1926 existiert er. Damals wurde er in der Nähe des Südheimer Platzes errichtet und erst 44 Jahre später, im Jahre 1970, auf die freie Wiese am Vogelrain umgesiedelt, wo die Stadtbahnen heute verschmutzt ein- und sauber wieder ausfahren.

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