Die Endstation Neugereut liegt inmitten einer Wohngegend. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Endhaltestelle Neugereut liegt inmitten einer Wohngegend – einer „toten Wohngegend“, wie eine Passantin sagt. Während der Einzelhandel ums Überleben kämpft, profitiert eine Gruppe in gelben Warnwesten von den menschenleeren Gassen.

Stuttgart - Stolze 20 Minuten braucht die Stadtbahn U2 vom Hauptbahnhof zur Endstation Neugereut. Was einen dort erwartet, sind vor allem negative Vorzeichen: keine Cafés, keine Restaurants, kein Kiosk, nicht mal ein Getränkeautomat. Die Stadtbahnhaltestelle liegt inmitten einer Wohngegend – einer „toten Wohngegend“, wie eine dortige Passantin sagt.

Im 400 Meter entfernten Einkaufszentrum sieht es ähnlich aus: Nur wenige Menschen sind unterwegs, einige Läden stehen leer. „Die Geschäfte in Neugereut sterben aus“, sagt Cornelia Guilliard, Inhaberin von „Lädle Tee und Geschenke“. Guilliard betreibt ihren kleinen Laden schon lange. Das verschafft ihr einen Wettbewerbsvorteil: Sie hat Stammkunden, kennt deren Namen, weiß, was sie wollen. „Zwei Kunden aus Degerloch kommen in der Weihnachtszeit immer zu mir nach Neugereut“, erzählt sie.

Das Einkaufszentrum profitiert nicht von der Endstation

Jedes Jahr ab dem 1. November verkauft Guilliard Weihnachtsdekoration. Das war nicht immer so: Angefangen hat alles mit einem Lotto-Zeitschriften-Laden. Als der benachbarte Teeladen schließen musste, hat Guilliard das Teegeschäft in ihren Verkauf integriert. Später erweiterte sie ihr Sortiment um die Weihnachtsdekoration. Das Ergebnis: ein bunt gemischter, heimeliger, kleiner Laden. „Wir müssen so viel anbieten. Wenn die Leute schon kommen, wollen sie auch alles haben“, begründet Guilliard ihr Sortiment.

Seit die Schlecker-Filiale im Neugereuter Einkaufszentrum vor einigen Jahren schließen musste, fehlt es an vielen Produkten, so Guilliard. Der Edeka im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes habe einfach keine derart breite Produktpalette. Ihre Schlussfolgerung: Die Einwohner machen ihre Besorgungen woanders und kaufen dort dann gleich alles ein.

„Das Problem ist die Größe der Ladenflächen“

Von der 400 Meter entfernten Endstation profiert das Einkaufszentrum nicht. In der Nähe gibt es zwar eine große Schule, Lehrer und Schüler kommen auf ihrem Weg von der Haltestelle aber nicht am Einkaufszentrum vorbei. Das heißt: keine Laufkundschaft für die Geschäfte. Kommen die Schüler in der Mittagpause ins Einkaufszentrum, kaufen sie ihr Essen häufig bei Edeka oder im Dönerladen. Die anderen Geschäfte gehen leer aus.

Ralf Bohlmann, Bezirksvorsteher des Stadtbezirks Mühlhausen, ist sich der Lage im Neugereuter Einkaufszentrum durchaus bewusst. „Das Problem ist die Größe der Ladenflächen“, so Bohlmann. Auf der einen Seite seien die Flächen zu klein für große Anbieter. Auf der anderen Seite seien kleinere Anbieter oft nicht in der Lage, genug Umsatz zu erwirtschaften, um zu überleben. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt er.

Im Rahmen des Bund-Länderprogrammes „Soziale Stadt“ soll die Situation verbessert werden. Das Ziel des Projekts: Das Neugereuter Einkaufszentrum attraktiver machen. „Wir wollen die Aufenthaltsqualität erhöhen und wieder mehr Leben ins Zentrum bringen“, sagt Karin Lauser, Koordinatorin des Projekts in Neugereut. Wie das funktionieren soll, erklärt Bezirksvorsteher Bohlmann: Der Marktplatz wird ungebaut, die Wege werden barrierefrei, große Bäume werden durch kleine Bäume ersetzt.

„Sterben wird das Einkaufszentrum nicht“

„Durch die kleinkronigen Bäume fällt mehr Licht auf die Einkaufsstraße und die Taubenplage geht zurück, weil sich die Tiere nicht mehr so gut einnisten können“, erklärt Bohlmann. Bis wann die Veränderungen abgeschlossen sein werden, kann der Bezirksvorsteher noch nicht genau sagen. „Ursprünglich war Ende 2017 geplant. Wegen der Wetterlage könnte sich alles aber bis zum Frühjahr ziehen“, sagt er.

Einer Sache ist sich Bohlmann aber bewusst: „Sterben wird das Einkaufszentrum nicht.“ Stattdessen werden sich bestimmte Läden etablieren: Anbieter von Lebensmitteln, Nagelstudios, kleine Wirtschaften und Kneipen – wie anderorts eben auch. „Das ist vielleicht nicht das, was man sich wünscht“, weiß Bohlmann. Trotzdem gibt er nicht auf und gibt den Neugereutern eine klare Botschaft mit auf den Weg: „Es gehören immer auch die Anwohner dazu, die im Einkaufszentrum einkaufen müssen.“

Zum Hundetraining nach Neugereut

Anderen kommt die ruhige Gegend rund um die Endstation Neugereut gelegen – so auch Hundetrainerin Nadine Mühleisen. Zwischen Bad Cannstatt und Untertürkheim betreibt sie ihre eigene Hundeschule. Zum „Mantrailing“ kommt Mühleisen mit ihren Kursteilnehmern und deren Hunden regelmäßig nach Neugereut. „Die Wohngegend hier ist gut geeignet für das Training, weil es viele Gassen und Wege gibt“, sagt sie. In diesen Gassen werden menschliche Geruchsspuren gelegt, die die Hunde anschließend aufspüren sollen. Denn genau darum geht es beim „Mantrail“: die Ausbildung zu Menschensuchhunden.

„Für Laien kann das, was wir da machen, ganz schön komisch aussehen“, weiß die Hundetrainerin. Der Hundeführer lässt sich von seinem Vierbeiner – mal schneller, mal langsamer – durch die Straßen ziehen, stets auf der Suche nach der richtigen Spur. Immer im Schlepptau: Trainerin Nadine Mühleisen. Nur die gelbe Warnweste der Trainingsteilnehmer mit der Aufschrift „Suchhunde im Training“ informiert über den Zweck des Schauspiels.

„Der größte Feind beim ‚Mantrail’ ist der Wind“

Die eigentliche Spur bleibt unsichtbar, denn es genügt, wenn die zu suchende Person eine Strecke zurücklegt und dadurch eine Geruchsspur hinterlässt. Um den Vermissten zu finden, muss der Hund seinen Geruch über einen Gegenstand aufnehmen. Egal ob Schal, Armband oder Tasche – wichtig ist nur, dass der Gegenstand nach der Person riecht. „Es reicht schon, wenn man das Teil einmal in der Hand hatte“, erklärt Mühleisen. Schwierig wird es hingegen, wenn das Kleidungsstück frisch gewaschen ist.

Hat der Hund den Geruch der Person in der Nase, kann die Suche losgehen. Dabei müssen die Tiere hoch konzentriert sein. Andere Gerüche, Fußgänger und Radfahrer lenken ab. Ist die vermisste Person gefunden, gibt es eine Belohnung.

Für Nadine Mühleisen ist „Mantrailing“ einerseits eine Möglichkeit, die Tiere zu beschäftigen und auszulasten. Anderseits sind Menschensuchhunde vielfältig einsetzbar. „Wenn beispielsweise eine Person mit Alzheimer vermisst wird, kann man sie mithilfe eines Suchhunds wieder aufspüren“, erklärt sie. Für Mühleisen ist die menschenleere Gegend rund um die Endstation Neugereut also ideal, um Mensch und Hund zu Lebensrettern auszubilden.

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