Serie: Chöre in Stuttgart Die sind mit den Beatles groß geworden

Von Armin Friedl 

Ulrich Mangold probt mit dem Chor der Musikakademie für Senioren im Paul-Gerhardt-Saal. Foto: Friedl
Ulrich Mangold probt mit dem Chor der Musikakademie für Senioren im Paul-Gerhardt-Saal. Foto: Friedl

Die Musikakademie für Senioren macht der Ü-65-Generation Angebote zur Neuorientierung mit Sang und Klang.

Stuttgart - Die Stuttgarter Chorlandschaft ist einzigartig. Spitzenchöre gehören dazu wie Ensembles, die von den vielen engagierten Laien getragen werden. In einer Serie stellen wir einige Beispiele des vielgestaltigen Chorschaffens vor.

Diese Tage jetzt laden nicht gerade zum Verweilen im Freien ein. Entsprechend ist jetzt der Zierteich vor dem Paul-Gerhardt-Saal im Westen mit einer leichten Eisfirnis überzogen. Drinnen in dem Gebäudekomplex ist es jedoch nicht nur kuschlig warm, sondern es wird auch noch herzerfrischen und temperamentvoll gesungen: Immer Mittwoch vormittags probt dort der Chor der Musikakademie für Senioren.

Hier stehen die Männer vorne

Es ist ein Problem bei nahezu allen Chören: Die Frauen zieht es eher dort hin zum Mitmachen als die Männer. Das ist hier nicht anders. Der Dirigent Ulrich Mangold hat deshalb die Sitz- beziehungsweise Stehordnung der etwa 70 Chormitglieder geändert: Alle Männer stehen hier in den vorderen Reihen. Das Resultat ist ein ziemlich robustes Klangerlebnis, vor allem, wenn man ziemlich nahe am Chor steht. Dieser Chor hat eben viel Lust am großen musikalischen Bogen, hier steht nicht die intellektuelle Auseinandersetzung mit Noten im Vordergrund, sondern das möglichst unmittelbare Erleben von Musik. „Hier kommt die Generation zusammen, die mit der Musik der Beatles groß geworden ist“, erklärt Mangold zur Liedauswahl. Dazu gehören Klassiker wie etwa die Titelmelodie der einstigen Fernsehshow „Musik ist Trumpf“ oder „New York, New York“. Zu diesen Gelegenheiten ist dann auch bei den Proben ein Schlagzeuger auf der Bühne, der den Gesang dezent nach vorne treibt.

Freiräume für die Chormitglieder

Hinzu kommen aber ebenso Kantaten von Johann Sebastian Bach oder Stücke von Fanny Mendelssohn. Auch Weihnachtliches steht auf dem Wunschzettel der Chormitglieder, vor allem jetzt während der Adventstage. Und da haben die Frauen des Chores erkennbar andere Vorlieben als die Männer, wenn Mangold Freiraum lässt für die Titel, die als nächstes gesungen werden sollen. „Dieser Chor ist ein Angebot für alle Mittsechziger“, so Mangold, „also für jene, die noch nicht sehr lange aus dem Berufsleben raus sind. Sie wollen jetzt das nachholen, was sie lange nicht unternehmen konnten, was sie schon immer machen wollten oder sie orientieren sich neu.“

Ein Ü-65-Angebot also gewissermaßen. Deshalb bleibt auch der Begriff Senioren stehen. „Musikakademien gibt es einige“, erklärt Mangold, „als Musikakademie für Senioren benennen wir aber klar unsere Zielgruppe. Da sind wir einzigartig“. Deshalb sind ebenso die Proben in den Vormittagsstunden angesetzt, denn die meisten Chöre proben abends.

Stimmlich ist noch vieles möglich

„Unser Einzugsgebiet ist im Prinzip das S-Bahn-Netz“, erklärt Mangold. Zwar ist der Stammsitz der Paul-Gerhardt-Hof neben der gleichnamigen Gemeinde, doch die Akademie mit ihrem Angebot – neben dem Chor gibt es noch ein Orchester und eine Jazzband – ist weder an die Gemeinde noch generell an eine Konfession gebunden, wobei gegen beidseitige Neugier natürlich nichts einzuwenden ist. „Wir sind froh darüber, dass wir hier zu Gast sein können“, so Mangold.

„Die Akademie will das Singen fördern, wir bieten dazu auch Kurse zur Stimmbildung an in kleineren Gruppen. Denn nach wie vor ist für die Ü-65er stimmlich noch vieles möglich“, erklärt Mangold weiter zum Konzept, „aber öffentliches Konzertieren steht nicht im Vordergrund. Auch wenn es da viele Anfragen gibt.“ Gesungen wurde zuletzt im Rahmen der Messe „Die besten Jahre“ der Messe Stuttgart oder im Haus des Waldes mit einem adventlichen Konzert.

Mangold gefällt die Gruppe an sich: „Da ist eine höchst spannende Mischung von Leuten zusammen. Einige waren beruflich international viel unterwegs, andere sind ganz bodenständig hier geblieben. Manche haben schon alle Oratorien gesungen, andere fangen hier erst an mit Singen. Das ist sehr spannend in den Wechselwirkungen. Hier sind alle sehr gut drauf“, so Mangold.

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