Serie Chöre in Stuttgart Das Singen mit allen Sinnen erfahren

Von Armin Friedl 

Der Akademische Chor der Uni Stuttgart probt in einem Hörsaal Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky
Der Akademische Chor der Uni Stuttgart probt in einem Hörsaal Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Der Akademische Chor der Universität Stuttgart kommt mit seinem Orchester an diesem Samstag in den Beethovensaal der Liederhalle mit einem Bruckner-Programm. Dort können die Sängerinnen und Sänger ihr Können ins richtige Licht rücken.

Stuttgart - Machen Akademiker auch akademische oder besser: intellektuelle Musik? Auf jeden Fall wählen sie mal einen Hörsaal als Probenraum, suchen oder finden also dort ihre Muse, wo sonst das wissenschaftliche Wort das Sagen hat. Allein schon das können nicht alle Chöre bieten. Und was proben sie dort für eine Musik? Für das anstehende Konzert an diesem Samstag um 20 Uhr im Beethovensaal der Liederhalle probt der Akademische Chor der Universität Stuttgart im Tiefenhörsaal in der Keplerstraße 17 ein Programm mit Werken von Anton Bruckner.

Für Freunde der klassischen Musik ist das ein absolutes Gourmet-Programm: Die neunte Sinfonie, das „Te deum“ und der 150. Psalm von Bruckner. Und da weiß der Klassik-Kenner natürlich: Bruckners Neunte, ein Fragment, kommt ohne jeglichen Gesang aus. Das „Te Deum“ wird deshalb gerne bei Aufführungen hinzugefügt. Bruckner selbst hat diese Lösung ins Spiel gebracht. Er ahnte, dass ihm die Kraft nicht mehr reichen wird, den Schluss-Satz selbst zu vollenden. Dieses „Te Deum“ nun ist ein Chorstück par excellence und es vollendet einen schönen Vergleich in der klassischen Musikwelt: Auch Beethoven hat neun Sinfonien geschrieben, und die Neunte endet mit einem Chorsatz: „Freude, schöner Götterfunken“, die Europa-Hymne.

Nicht mehr tatenlos auf der Bühne

„Das bin ich dem Chor schuldig“, erklärt Veronika Stoertzenbach. Sie muss es wissen. Seit mehr als 25 Jahren leitet sie den Chor. Und das Orchester der Uni Stuttgart. „Vor allem der Chor hat sich immer beklagt, dass er so lange tatenlos auf der Bühne sein muss“, so Stoertzenbach. Jetzt können sie ihr Können aber ins richtige Licht rücken.

Dass dies überhaupt möglich ist, liegt eben daran, dass Stoertzenbach sowohl den vokalen als auch den instrumentalen Klangkörper leitet. Denn Bruckner aufzuführen, ist eine Mammutaufgabe, allein schon, was die Zahl der Beteiligten an einer Aufführung betrifft. Mehr geht kaum noch in der klassischen Musikwelt. Und viel Zeit bleibt den jungen Künstlern nicht: Denn sowohl der Chor als auch das Orchester besteht vor allem aus Studierenden, die aufgrund ihrer Ausbildung und Karriere häufig nich allzulang in einer Stadt verweilen können. Und in der naturwissenschaftlich-technisch geprägten Ausrichtung der Stuttgarter Uni kann solch eine musikalische Beschäftigung nur ein Hobby bleiben. „Wir können nur semesterweise proben“, so Stoertzenbach, „also von April bis Juli und von Oktober bis Februar. Dann aber konsequent einmal wöchentlich und dazu noch ganz konzentriert an einem Wochenende vor den Aufführungen.“

Szenische Aufführungen im Züblin-Haus

Was dann aufgeführt hat, kann sich sehen lassen: Mozarts „Zauberflöte“ etwa, szenisch eingerichtet, oder Teile aus Orffs „Carmina burana“, inszeniert mit Figurenspiel. „Musik soll nicht nur das Reproduzieren von Noten sein“, so Stoertzenbach, „sondern sie soll mit allen Sinnen erfahrbar werden. Das ist auch mein persönlicher Zugang zu den Werken.“ Als repräsentativer Aufführungsort steht dazu immer wieder auch das Züblin-Haus in Stuttgart-Möhringen zur Verfügung. „Wir suchen uns Stücke aus den verschiedenen Sparten, also geistliche Musik, Oper oder Operette. Wer also mindestens über zwei Semester mitmacht, lernt zwei verschiedene Disziplinen kennen“, so Stoertzenbach. Und dann locken noch interessante Auslandsreisen.

Der Zusammenklang mit dem Orchester

Einfach mal drauflos singen ist also eher nicht möglich bei den wöchentlichen Chorproben. Hier wird an Details gefeilt bezüglich Aussprache, Dynamik oder Verständlichkeit. Wann ist ein s-Laut ein scharfer s-Laut, wann ist ein Vokal hell? – Das muss hier nicht der Einzelne für sich, sondern das müssen die Stimmgruppen untereinander und im Zusammenklang ausmachen. Für diese Feinabstimmung ist inzwischen auch Ina Stoertzenbach zuständig, die Tochter der langjährigen Dirigentin. Und nachdem sie an der sängerischen Feinarbeit gefeilt hat, probt die Mutter den Zusammenklang mit dem Orchester.

Thomas Topalis ist neu im Chor: „Ich finde es toll, wie hier an den Einzelheiten geprobt wird. Aber ich gebe zu: Ich bin ein Perfektionist. Aber es ist doch fantastisch zu erleben, wie man hier bei 120 Stimmen eine größere Textverständlichkeit hat als bei vielen kleineren Ensembles. Viele Chöre erlebe ich inwzischen als ziemlich klanglos“. Den Lohn der Mühen lobt auch Edith Luschmann: „Wer vor allem frisch drauflos singen will, ist hier halt nicht im richtigen Chor. Aber das ist etwas, was hier von Anfang an klar gemacht wird. Helen Blackler: „Man wächst mit der Aufgabe, das empfinde ich als sehr erfüllend. Vor allem gefällt mir der kreative Umgang mit den Themen und der Musik“.

Der Chor als Kontaktbörse

Um das Wesen des Akademischen Chores zu verdeutlichen, hat Stoertzenbach vor dem Beitritt ein Vorsingen angesetzt. Stoertzenbach: „Es geht da nicht um eine angestrebte Professionalisierung. Aber es soll schon ein Entscheidungsschritt hin zu unserem Chor deutlich werden“. Denn für künftige musikalische Profis gibt es in Stuttgart ja die Musikhochschule. „Es ist etwas ganz anderes, mit Studenten zu arbeiten, die Musik als Hauptberuf wollen. Bei uns steht von Anfang an fest, dass die Musik nicht die Hauptbeschäftigung sein wird. Da ist die Motivation und die Begeisterung viel größer.“ Wobei es dann aber schon sehr gut passt, wenn Gesangssolisten für die Aufführungen direkt von der Musikhochschule kommen.

Christian Dieterich gefällt dieses Gesamtpaket: „Schon vor meinem Studienbeginn war mir klar, dass ich in diesen Chor will. Singen ist mir sehr wichtig, das habe ich auch schon vorher in örtlichen Vereinen gemacht.“ Andere haben von diesem Angebot am Werbestand des Chores zur Immatrikulierung erfahren. Ein anderer Effekt darf nicht unterschätzt werden: Der Chor als Kontaktbörse. „Zu Beginn meines Studiums kannte ich niemand“, so Topalis. Und Stoertzenbach ergänzt: „Der Chor ist wichtig für den studentischen Austausch, auch international“. Auch deshalb gibt es attraktive Auslandsreisen.

Karten für den Auftritt an diesem Samstag um 20 Uhr im Beethovensaal der Liederhalle gibt es bei easyticket unter 0711 2555555.

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