Wie alle Pferde auf der Jugendfarm ist auch Lokka treuherzig, geduldig und feinfühlig. Wenn sie sich nicht sicher ist, was sie machen soll, bleibt sie einfach stehen. Foto: Alexandra Kratz

Unsere Mitarbeiter wagen den Selbstversuch und begeben sich auf unbekanntes Terrain. Im Zweiten Teil unserer kleinen Serie hat Alexandra Kratz eine Reitstunde auf der Jugendfarm Elsental absolviert.

Kaltental/Dachswald - Die mittelgroßen Pferde sind am gefährlichsten, hatte meine Kollegin gesagt. Wenn man von einem kleinen Pferd falle, sei die Fallhöhe nicht so dramatisch. Und wenn man von einem großen Pferd falle, habe man zumindest genug Zeit zum Reagieren, um sich dann abfangen zu können. Meine Kollegin hatte als Kind Reitunterricht, auch auf der Jugendfarm Elsental. Ich habe zwar irgendwann schon einmal auf einem Pony gesessen (und im Urlaub sogar schon einmal auf einem Kamel), das war dann aber auch schon alles. Dennoch bin ich frohen Mutes, als ich an diesem Morgen das traumhaft schöne Gelände zwischen Kaltental und dem Dachswald betrete. Es ist kalt, aber die Sonne scheint endlich mal wieder. Und auch der Tags zuvor noch sehr nasse Boden ist über Nacht ein wenig abgetrocknet.

Anke Wirtz ist meine Reitlehrerin. Die 28-Jährige war früher selbst ein Farmkind und hat das Reiten im Elsental gelernt. Mittlerweile arbeitet sie für das Pferdemagazin Cavallo. Dennoch ist sie nach wie vor regelmäßig auf der Farm. Wirtz ist Reitlehrerin und bringt den Kindern alles rund ums Pferd bei. An diesem Tag bin gewissermaßen ich das Kind. Mein Pferd heißt Lokkadis, kurz: Lokka. Die Isländer-Stute ist ein Schimmel und – wie hätte es anders sein können – mittelgroß.

Zuerst muss der Reiter das Pferd putzen

Nun gut, zunächst wird sowieso erst einmal geputzt. Im Elsental hat jedes Pferd seinen eigenen Eimer mit Bürsten, Hufkratzer und anderen Utensilien. Bürsten kann ich, glaube ich zumindest. Schließlich hatte ich früher einen Hund, da funktioniert die Fellpflege so ähnlich. Lokka genießt die Zuwendung sichtlich. Sie ist sogar so entspannt, dass sie pupst. Zumindest meint meine Reitlehrerin, dass das ein Zeichen dafür ist, dass Lokka sich wohlfühlt. Mähne und Schweif werden nicht gekämmt. Das machen auf der Farm nur die Betreuer alle paar Wochen. „Sonst würde man zu viele Haare rausrupfen und dann gibt es bald nichts mehr zu kämmen“, sagt Wirtz.

Die Hufen machen mir Angst. Die müssen täglich ausgekratzt werden, das habe ich schon gehört und gelesen. Wirtz stellt sich vor das entsprechende Pferdebein, fährt mit der Hand an dem Bein herunter und nimmt dann den Huf hoch. Dann wird der Dreck locker gekratzt und mit einer Drahtbürste herausgekehrt. Wirtz übernimmt zwei Hufe, die anderen beiden mache ich. Lokka weiß schon, wie es geht und hebt das entsprechende Bein an, ohne dass ich viel machen muss.

Das Aufsitzen wird am Holzpferd geübt

Das Pferd ist geputzt, aber wie kommt man drauf? Das soll ich erst einmal an einem Holzpferd ausprobieren. Meine Schuhe sind verkehrt. „Unsere Kinder müssen immer knöchelhohe Schuhe mit Absatz tragen, damit sie nicht durch den Steigbügel rutschen“, sagt Wirtz. Verflixt, ich hatte extra für meine Reitstunde meine knöchelhohen Schuhe mit Absatz gegen flache Turnschuhe getauscht. Dieses eine Mal muss es also auch so gehen. Beim Holzpferd ist das Aufsteigen auch kein Problem. Es steht still und ist nicht allzu hoch. Lokka ist auch brav, aber eben doch deutlich größer. Aufgestiegen wird von links, das hat so Tradition. Also kommt der linke Fuß zuerst in den Steigbügel. Die eine Hand greift den Sattel, die andere ein großen Büschel Mähne. Dann mit Schwung das rechte Bein über den Pferderücken hieven und langsam in den Sattel rutschen – geschafft.

Auf dem Pferd fühle ich mich deutlich sicherer als daneben. Denn nun kann mir Lokka nicht mehr auf die Füße treten. Das war vorher meine große Angst. Die Zügel soll ich so halten, dass ich „Kontakt“ habe, sagt Wirtz. Allerdings nicht wie eine Hundeleine, sondern zwischen Ringfinger und kleinem Finger und dann zwischen Zeigefinger und Daumen. Jetzt kann es endlich losgehen. Das Glück dieser Erde liegt auf den Rücken der Pferde? Stimmt, es fühlt sich toll an, von Lokka getragen zu werden. Anke Wirtz steht in der Mitte des Reitplatzes und führt das Pferd an der Longe. „Gerade sitzen, die Beine bilden eine Linie mit den Schultern“, gibt mir meine Reitlehrerin Anweisungen. Ich soll die Augen schließen, um ein Gefühl für den Rhythmus zu bekommen. Das klappt gut. Sogar von meiner Lehrerin bekomme ich Lob.

Im Trab über den Reitplatz

Ohne Longe, also ohne Kontakt von Anke Wirtz, weiß Lokka allerdings nicht immer was mit mir anzufangen. Die Isländer-Stute ist feinfühlig und reagiert auf jede Bewegung des Reiters. Aber Lokka wird nicht unruhig oder gar störrisch, wenn ihr etwas unklar ist. Sie bleibt einfach stehen. Doch mit der Zeit verstehen wir uns immer besser. Und am Ende der Reitstunde traben wir beide sogar gemeinsam über den Reitplatz auf der Jugendfarm im Elsental.

Bisher in unserer Serie erschienen:

Rikscha-Fahrstunde im Rosental: Eine Rikscha ist kein Fahrrad

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