Heroisches Ringen: eine von vielen verfälschenden Darstellungender Schlacht am Little Bighorn 1876 Foto: imago/StockTrek Images

Im Jahr 1876 verliert die US-Kavallerie eine Schlacht in den Indianerkriegen. Das Debakel wird danach immer wieder neu gedeutet und zum Mythos, den sich jeder Amerikaner zurechtbiegen kann.

Stuttgart - Massakriert, abgeschlachtet, niedergemetzelt – schnell packte man Hinguckwörter in die Schlagzeilen. Zwar hatte die US-Presse erst mit ein paar Tagen Verspätung begriffen, was für eine Geschichte sie da am Wickel hatte, aber jetzt zog sie das Thema hoch: Im fernen Westen, im Krieg gegen die Indianer, hatte die Kavallerie eine blutige Niederlage erlitten.

 

Am 25. Juni 1876 waren am Little Bighorn River in Montana mehrere Kompanien der 7. US-Kavallerie von einer Streitmacht aus Kriegern der Lakota und Cheyenne restlos niedergemacht worden. Unter den 274 Toten befand sich auch Oberstleutnant George Armstrong Custer, der Befehlshaber der 7th Cavalry, der zuvor verkündet hatte, seine Einheit werde mit allem fertig werden, was sich ihr in den Weg zu stellen wage.

Ein Krieg im Westen

Nicht nur solcher markigen Sprüche wegen war der 1839 geborene Custer der Wunschsoldat der Medien. Der forsche, eitle, impulsive, ständig bei Autoritäten aneckende Offizier, der in selbst entworfenen Uniformen Hasardeursoperationen befahl, schrieb gleich noch selbst die Reportagen darüber und hielt Vorträge über seine Eskapaden und Strategien. So war er zuvor schon zu einem der Helden des Bürgerkriegs geworden. Nun hätte er im Westen die Siedler vor den Indianern und auch die Indianer vor den Siedlern schützen sollen.

Für die Rancher, Farmer und Geschäftsleute dort, für Jäger, Landvermesser und Goldsucher konnte der Dauerzwist im Einzelfall tödlich enden. Im Großen und Ganzen aber schien klar, dass die Indianer früher oder später in wenige Reservationszonen abgedrängt sein würden.

So geklärt schien die Lage, dass Stimmen mehr Gewicht bekommen hatten, die einen faireren Umgang mit den Indianern forderten. Das versetzte all jene in Unruhe, die nach mehr von deren Territorium gierten. Der Aufstand, dem Custer zum Opfer fiel, war die Reaktion auf neuerliche weiße Vertragsbrüche, auf den massenhaften Zustrom von Goldsuchern in die Black Hills, in heiliges Indianerland.

Heimtücke und Romantik

So wurde das Massaker am Little Bighorn in einer ersten Frucht seiner faszinierenden Legendenkraft zum Beleg für die Gefährlichkeit, Brutalität und Hinterhältigkeit der Indianer. Denen hatten Indianerhasser bislang als bestialische Grausamkeit vorgeworfen, dass sie mit Guerillataktiken gegen eine überlegene Macht vorgingen. Nun bestand die Heimtücke darin, dass sie in offener Feldschlacht angetreten waren, also zuvor ihr wahres militärisches Potenzial verheimlicht hatten. Nur ein toter Indianer sei ein guter Indianer, war das Motto dieser Fraktion.

Noch während das Militär im Westen mit gesteigerter Härte gegen die Indianer vorging, verwandelte sich der Mythos von Custers Niederlage. Wichtiger als der momentane Schrecken über die Schlagkraft einiger Präriestämme war das langfristige Problem, wie die Nation ihre Vernichtungspolitik gegenüber den Indianern rechtfertigen sollte. Da kam eine romantisierende Variante der Schlacht gerade recht: Am Little Bighorn waren demnach verfeindete Mächte auf Augenhöhe gegeneinander angetreten, Kämpfer, die um ein Land rangen. Der Sieg der Indianer bewies, dass sie nicht von vornherein die Chancenlosen waren. Der Tod der Kavalleristen bezeugte Einsatz, Risiko und Blutzoll auf weißer Seite. Langfristig hatten einfach die Besseren gewonnen.

Kneipenbilder und Hollywoodfilme

Journalisten, Heftchenschreiber, Theaterleute und Maler strickten an diesem Mythos. Cassilly Adams (1843–1921) etwa kam 1884 eine Geschäftsidee: mit einem großes Bild von Custers Ende durchs Land zu ziehen und Eintritt zu verlangen. Das Bild bekam er hin, seine Geschäftspartner bei der Tour patzten. Das Werk landete in einem Saloon und nach dessen Pleite bei einer Brauerei. Die ließ Lithografien davon an alle Pinten verteilen, in denen es Budweiser-Bier gab. Bald hingen 150 000 Exemplare von „Custer’s last Fight“ in Saloons und Wohnzimmern der USA, bis heute zählt man über eine Million Kopien. Lange Zeit war dies wohl fernab jeder Kunstkritik das bekannteste Kunstwerk der Nation. Jede Menge Nachahmer lieferten noch dramatischere Custer-Bilder.

Auch Hollywood hat Custer populär gehalten. Erlaubt schien den Produzenten alles, was einen Nerv beim Publikum traf. Am spektakulärsten fälschte Raoul Walsh, einer der großen Alleskönner der Traumfabrik, die Historie in „They died with their Boots on“ aus dem Jahr 1941. Errol Flynn spielt da einen gewitzten, charmanten Abenteurer, der zwar tapfer gegen die Indianer reitet, aber ihr aufrechter Bewunderer ist. Er versucht, Goldgräber und Geschäftemacher von den Black Hills fernzuhalten (der echte Custer hat das Goldfieber aktiv angeheizt). Sein Opfertod bringt in der Filmvariante die Wende, die Profitmacher stehen in Schande und sind nun Historie. Die Zukunft gehört einem fairen Umgang mit den Indianern.

Symbolfigur des Genozids

Ein paar Jahrzehnte später dreht sich der Custer-Mythos für den progressiveren Teil Amerikas und für Hollywood erneut. Mitten in den realen politischen Kämpfen der Indianer um Bürger- und Landrechte wird Custer zur Symbolfigur eines Willens zum Genozid, der langfristig auch zur weißen Katastrophe werden könnte. Das amerikanische Projekt könnte am ungesühnten Unrecht moralisch kollabieren. In Arthur Penns Spielfilm „Little Big Man“ von 1970 findet man so einen Custer, gespielt von Richard Mulligan.

Heute existieren in den USA alle drei Custer-Mythen weiter, je nach politischer Verortung dessen, der die Schlacht am Little Bighorn bedenkt: Custer, das Opfer bestialischer Wilder; Custer, der tapfere Blutzeuge eines Ringens auf Augenhöhe; Custer, der Mittäter an einem Völkermord. Der hochfahrende Oberstleutnant würde sich bestätigt sehen. Er präsentierte sich, als werde, wann immer er aufs Pferd stieg, Geschichte geschrieben.

Die „Stars & Stripes“ -Serie

Lesen Sie hier:

Folge 1 Offenkundige Bestimmung

Folge 2 Die Lüge von Pocahontas

Folge 3 Custers letzter Kampf

Folge 4 Die große Gefahr aus Mexiko

Folge 5 Onkel Tom und Onkel Remus

Folge 6 Die Helden des Weltkriegs

Folge 7 Der Griff nach den Sternen

Folge 8 In der grünen Hölle von Vietnam

Kommende Abschlussfolge

9/11
● Von der Ohnmacht und Wut eines Riesen und angeblichen Lügengespinsten