Der Rassismus in den USA hat viele Facetten. Eine ist die Mär, fröhliche, unmündige Schwarze hätten die weiße Herrschaft einst gerne akzeptiert.
Stuttgart - Verantwortungslose Schwachköpfe, ahnungslose Träumer: die Fürsprecher der Sklaverei in den USA wählten klare Worte, wenn es um ihre Gegner ging. Die auf Abschaffung der Sklaverei Drängenden wüssten gar nicht, sagten sie, wie gut es den Feldarbeitern und Haushaltskräften im Süden gehe. Sie begriffen nicht, dass Sklaverei für Schwarze kein System bedrängender Ketten, sondern eines behütender Fürsorge sei.
Lässt sich eine dreiste Verzerrung der Wirklichkeit als alternative Wahrheit durchsetzen? Diese politische Grundfrage der modernen Mediengesellschaft prägt schon das Ringen um die Sklaverei in den USA, das 1861 in den Bürgerkrieg mündet. Die Plantagenherren des Südens etablieren einen Mythos: den von den kindlich naiven, unselbstständig impulsiven, minderbemittelten Dunkelhäutigen, die gütig-strenge Anleitung brauchen, um nicht in destruktive Barbarei zurückzusinken. Wie groß die Verbitterung vieler Afroamerikaner über den Rassismus in ihrem Lande ist, kann man man nicht verstehen, wenn man diesen durch die Epochen sickernde Vorstellung nicht im Blick hat.
Fackelwurf ins Pulverlager
1852 erscheint in Washington ein Roman, der im Süden als Fackelwurf ins Pulverlager aufgefasst wird: „Onkel Toms Hütte“. Dessen Autorin Beecher Stowe greift das Bild der für Sklaven durchaus erträglichen Verhältnisse auf. Aber die dauern hier nur kurz an, dann geraten die schwarzen Figuren in unerträgliche Verhältnisse, dann müssen sie den anderen Süden erleben.
„Onkel Toms Hütte“ wird schnell nach der Bibel zum meistverkauften Buch des 19. Jahrhunderts. Gern wird die Legende kolportiert, der US-Präsident Abraham Lincoln habe 1862, mitten im Bürgerkrieg, bei einer Begegnung mit Stowe gesagt: „Sie sind also die kleine Frau, deren Buch diesen großen Krieg entfacht hat“.
Entrechtung und Einschüchterung
Der Norden siegte. Auf eines aber war er nicht vorbereitet: Was mit rund vier Millionen Ex-Sklaven passieren sollte und wie man deren Bürgerrechte schützen sollte. Dass man den Süden schnell sich selbst überließ, dass der Neuaufbau dort auf Diskriminierung, Entrechtung und Einschüchterung der Schwarzen setzte, blendete man geflissentlich aus. Dabei half der im Dämmer des Unterbewusstseins besser als im Licht des klaren Verstandes aufgehobene Mythos, im Süden habe oft ein besonderes Einvernehmen zwischen Schwarzen und Weißen geherrscht, symbolisiert in der aufopferungsvollen Fürsorge schwarzer Ammen und Hausdiener für die weißen Herrenkinder. Nach Abschaffung der Sklaverei, so die schäbige Illusion, könne sich diese gegenseitige Wertschätzung noch viel freier entfalten.
Eigentlich hatte Stowe mit würdigen schwarzen Figuren gegen rassistische Zerrbilder angeschrieben. Nun wurden ihre rücksichtsvollen, bescheidenen, sich fremdem Willen fügenden Charaktere zum Beleg verdreht, dass es im Süden auch das gute Miteinander gegeben habe.
Die Idioten der Minstrel Shows
Auf die stille Wirkung literarischer Fehlinterpretationen verließen sich die Rassisten allerdings nicht. Auf breiter Front kämpften sie mit den Mitteln der Kultur für ihre Weltsicht. Besonders wirkmächtig waren dabei die Minstrel Shows, Revue- und Jahrmarktskompagnien, die schwarze Musik, Tänze und Lebensart nachäfften. Weiße Darsteller mit schwarz geschminkten Gesichtern traten als „darkeys“ auf, so das verletzend verniedlichende Wort, als triebgesteuerte Gecken oder auch komplette Idioten, deren Dasein ein meist funktionsunfähiges Nachäffen unverstandener weißer Lebensformen war.
In den besseren Shows aber gingen Denunziation und Anerkennung Hand in Hand, Idiotenwitze wechselten mit dem Einspeisen schwarzer Musikkreationen in den weißen Mainstream. Zudem boten die Minstrel Shows Afroamerikanern Verdienstmöglichkeiten. Schwarze Minstrel Shows übernahmen teilweise die verzerrenden Darstellungen. Mal war das Spott über weiße Sichtweisen, mal Verinnerlichung von Schmähungen.
Schwarze Fabeln, weiße Feder
Noch komplizierter liegt der Fall von Uncle Remus, einer weiteren schwarzen Figur aus weißer Feder, aus der des Journalisten Joel Chandler Harris. 1881 erschien dessen erster, sehr erfolgreicher Band mit Uncle-Remus-Geschichten, dem weitere folgten. Harris, nach heutigen Maßstäben paternalistisch herablassend gegenüber Schwarzen, nach damaligen Maßstäben ein aufgeschlossener Menschenfreund, besaß ein feines Ohr für Dialekte und Soziolekte. In dem setzten sich schwarze Volkserzählungen fest, jene Tierfabeln etwa, in denen ein gewitzter Hase in einer Welt stärkerer Tiere irgendwie überleben muss. Harris schrieb sie so auf, wie Schwarze sie einander erzählten. Mit seinen Remus-Erzählungen, zu deren Bewunderern Mark Twain gehörte, kam ein neuer Ton in die US-Literatur.
Dass die Fabeln den Konflikt von Schwarz und Weiß verschlüsseln, war Harris klar. In einer Rahmenhandlung erzählt sie daher der gütige schwarze Onkel Remus einem weißen Herrenkind. Remus ist die Dämpferfigur, die das Freche verdaulich macht fürs weiße Amerika.
In Disneys Giftschrank
Harris’ Leistung für die Sichtbarmachung schwarzer Folklore kann gar nicht überschätzt werden. Aber von Remus laufen viele Fäden durch eine rassistische Populärkultur. Walt Disney etwa hat aus den Remus-Geschichten 1946 einen Mix aus Trick- und Realfilm gemacht, „Song of the South“, der jahrelang immer wieder ins Kino kam. Fürs weiße und schwarze Amerika wurden da kulturelle Reichtümer tradiert – und Zerrbilder weitergegeben. Heute ist das Werk in Disneys Giftschrank verschwunden, die zugehörige Attraktion im Vergnügungspark wurde abgebaut.
Wie man mit „Onkel Toms Hütte“, den lange Remus-Geschichten und vielen anderen Werken, dem so großartigen wie fiesen „Vom Winde verweht“ etwa, heute umgehen soll, darüber sind auch afroamerikanische Intellektuelle uneins. Sicher ist, dass die Mär von den devoten Schwarzen auf der Rechten verquer weiterwirkt. Da wütet ein Zorn, als sei ein stolzes, selbstbewusstes schwarzes Amerika der Bruch eines Versprechens, das dem weißen Amerika gegeben wurde.
Die „Stars & Stripes“ -Serie
Lesen Sie hier:
● Folge 1 Offenkundige Bestimmung
● Folge 2 Die Lüge von Pocahontas
● Folge 3 Custers letzter Kampf
● Folge 4 Die große Gefahr aus Mexiko
● Folge 5 Onkel Tom und Onkel Remus
● Folge 6 Die Helden des Weltkriegs
● Folge 7 Der Griff nach den Sternen
● Folge 8 In der grünen Hölle von Vietnam
Kommende Abschlussfolge
9/11
● Von der Ohnmacht und Wut eines Riesen und angeblichen Lügengespinsten