Ein Seiler muss (fast) alles können: Christian Hähnle im väterlichen Betrieb. Foto: Horst Rudel

Christian Stähle erlernt den Beruf des Seilers. Im väterlichen Betrieb in Ottenbach könne er diese Kenntnisse gut gebrauchen, sagt er.

Ottenbach - Es ist alles so bunt in der Textilflechterei Hähnle in Ottenbach. Aus raumhohen Regalen quellen Bänder und Schnüre in leuchtenden Farben und verschiedenen Stärken. Kein Wunder, dass der väterliche Betrieb für Christian Hähnle schon immer eine Spielwiese gewesen ist. Von klein auf faszinierten ihn die tuckernden elektrischen Stricklieseln und die hektisch klappernden Flechtmaschinen, die Seile, Schnüre, Lesezeichen, Kordeln und Schnürsenkel ohne Unterlass in dem Gebäude am Ortsrand von Ottenbach auszuspucken scheinen. Deshalb stand für den heute 26-Jährigen schon früh fest, dass er das Seiler-Handwerk erlernen und im väterlichen Unternehmen einsteigen will.

Doch so einfach war das erst einmal nicht, Ausbildungsstätten für diesen alten Handwerksberuf sind dünn gesät. Also machte Christian Hähnle erst einmal eine Ausbildung zum Anlagemechaniker – und startete dann im väterlichen Betrieb noch einmal mit einer zweiten Lehre zu seinem Traumberuf Seiler durch. „Ich bin jetzt im zweiten Lehrjahr“, erzählt er. Regelmäßig fährt er zum Blockunterricht ins bayerische Münchberg, wo sich wohl die letzte Berufsschule für Seiler in ganz Europa befindet. Den großen Aufwand scheut er nicht, und jedes Mal brennt er darauf, bei seiner Rückkehr das neu Erlernte anzuwenden. Denn das Seiler-Handwerk hat Zukunft, davon ist er überzeugt.

Die Produktpalette ist riesengroß

Während die Seiler früher vornehmlich für den Schiffsbau und die Landwirtschaft Seile und Taue auf sogenannten Reeperbahnen fertigten, ist die Produktpalette heute sehr viel größer geworden. Sogar in der Medizin werden speziell gefertigte, oft hauchdünne Schnüre eingesetzt. Die werden allerdings nicht in Ottenbach produziert. Dafür stellen die Hähnles Schnürsenkel für Eishockey-Stiefel her, die bei Kälte hart werden und damit garantieren, dass die Stiefel wie angewachsen sitzen. Auch Lesezeichen für Bibeln und den Koran gehören zum Sortiment genauso wie kleine, graue Bänder aus elektrisch leitendem Material, die in Feuerwehr- oder Pilotenstiefel eingenäht werden, damit diese antistatisch sind. Hinzukommen Bänder für Spielehersteller, Kordeln für Tragetaschen, ganz normale Schnürsenkel, Sporenriemchen für den Reitsport und vieles andere mehr.

Reizvoll findet Christian Hähnle am Seiler-Handwerk, dass man geschickt mit den Händen sein, gleichzeitig aber auch etwas von Maschinen verstehen muss. Denn ohne Maschinen geht heute nichts gar mehr. „Wir bedienen diese nicht nur, wir bauen sie auch um, damit wir die Wünsche unserer Kunden erfüllen können“, erklärt er. Seine Kenntnisse als Anlagemechaniker kommen ihm da zupass. Außerdem sei es wichtig, sich mit den Eigenschaften der verschiedenen Garne auszukennen, um passgenaue Lösungen zu finden. Er erzählt, dass ein Kunde die Idee hatte, eine Art Tamponade für Hämorrhoiden zu entwickeln. Gemeinsam machte man sich ans Werk und erfand sogenannte Hygiene-Rolls, die zwar Wasser aufnehmen können, außen aber trocken bleiben und mit Aloe Vera versetzt sind.

Stricke für Kühe

So modern die Produktionsmethoden in Ottenbach auch sind, Christian Hähnles ganzer Stolz ist eine Reeperbahn, auf der er Stricke für Kühe schlagen will. Das Wort Reep ist ein altes niederdeutsches Wort für Schiffstau. Die sogenannten Reeperbahnen sind gerade Bahnen, die so lang sein müssen, wie das Seil, das damit angefertigt werden soll. Auf der Reeperbahn in Hamburg seien einst in mühsamer Knochenarbeit 340 Meter lange Taue hergestellt worden. Damit könne seine Seilerbahn natürlich nicht konkurrieren, winkt Christian Hähnle ab und lacht verschmitzt. „Aber immerhin, auch Ottenbach hat jetzt eine Reeperbahn.“

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