2009 wird Mechthild Mayer Chefin der Ludwigsburger Kriminalpolizei. Sie ist landesweit eine von zwei Frauen auf einem solchen Führungsposten. Foto: factum/Archiv

40 Jahre arbeitete Mechthild Mayer bei der Polizei. Sie war bundesweit die erste Frau an der Spitze einer Spezialeinheit und eine der wenigen weiblichen Chefs bei der Kripo. Jetzt ist sie im Ruhestand – und steht vor ihrer vielleicht größten Herausforderung.

Ludwigsburg - Ohne ihre Schwester wäre Mechthild Mayer wohl nie Ordnungshüterin geworden. Und ohne ihr Studium der Orientalistik und Ägyptologie genauso wenig. Doch beides, die guten Erfahrungen ihrer großen Schwester, die schon seit vier Jahren beim Bundeskriminalamt arbeitete, wie auch die schwierigen Berufsaussichten nach dem Ende des Studiums brachten Mechthild Mayer 1977 zur Polizei. Es war eine Entscheidung fürs Leben, wie sich zeigen sollte. Mayer blieb 40 Jahre.

40 Jahre, in denen sie Posten erklimmt, die noch nie eine Frau erreicht hat. 40 Jahre, in denen sie unzählige Einsätze und Ermittlungen leitet. 40 Jahre mit Kriminalfällen, die viele Menschen bewegen. Ihr letzter und vielleicht schwierigster Fall beginnt aber im Frühjahr 2017.

Am 27. April wird Mayer in den Ruhestand verabschiedet. Obwohl sie Vorstellungen hatte, was sie im Ruhestand gerne machen möchte, sei sie sich unsicher gewesen, wie der sich dann letztlich anfühlt, sagt die 61-Jährige heute – stand doch 40 Jahre lang die Arbeit im Mittelpunkt.

40 Jahre im Dienst der Polizei

Seit April bleibt der Kriminaldirektorin im Ruhestand mehr Zeit für das Reisen: Drei Wochen in China, Wandern auf Madeira und in Südtirol, Freunde in ganz Deutschland besuchen. Es bleibt mehr Zeit für den Sport, der Mayer schon immer wichtig war: Statt nach der Arbeit ins Fitnessstudio zu hetzen, kann sie sich heute Zeit für den Besuch dort nehmen. Es bleibt mehr Zeit für die Freunde. Wenn in großer Runde gefeiert wird, hat sie inzwischen genügend Zeit, bei den Vorbereitungen zu helfen. Früher mussten das die anderen erledigen – Mechthild Mayer war ja im Dienst. Fast, so hat man den Eindruck, strukturiert sie ihren Ruhestand so gewissenhaft wie ihre Arbeit bei der Polizei. „Mir fehlt nichts“, sagt die Pensionärin – und scheint davon selbst überrascht zu sein.

Mayer kommt fünf Jahren nach ihrem Einstieg beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden nach Baden-Württemberg. Zu einer Zeit, zu der gerade einmal 1,2 Prozent der Kollegen im Südwesten weiblich sind – und ausschließlich bei der Kriminalpolizei arbeiten. Erst von 1987 an ändert sich das, als auch bei der Schutzpolizei Frauen eingestellt werden. Inzwischen ist immerhin jeder fünfte Polizist im Land eine Frau.

Mayer arbeitet nach ihrem Umzug beim Mobilen Einsatzkommando (MEK), einer Spezialeinheit, die vor allem Schwerkriminelle überwacht und festnimmt. So unvorhersehbar wie das Klientel sind die Arbeitszeiten: Wird gerade ein Drogenhändler überwacht, läuft die Aktion, auch wenn die täglichen acht Stunden Arbeitszeit längst überschritten sind. Die Beamten wissen zu Dienstanstritt an vielen Tagen selbst nicht, wann Feierabend sein wird.

Sie wird bundesweit die erste Chefin einer Spezialeinheit

Mayer gefällt die Arbeit. Nach einer weiteren Ausbildung an der Polizeiakademie in Münster übernimmt sie 1996 die Leitung eines MEK – als erste Frau bundesweit. Mayer versteht sich trotz der hierarischen Position als ein Mitglied des Teams, ist bei großen Einsätzen dabei und nicht nur am Schreibtisch. Sie habe den Job beim MEK von der Pike auf gelernt, sagt sie – inklusive der körperlichen Anstrengungen.

„Abschied von den harten Jungs“ schreibt unsere Zeitung, als Mayer 2001 das Fach wechselt und zur Kriminalpolizei nach Esslingen geht. Zuständig ist sie dort für organisierte Kriminalität und Rauschgiftdelikte, bleibt aber den Spezialeinheiten verbunden. So leitet sie 2002 für die Ludwigsburger Polizei den MEK-Einsatz gegen eine 31-Jährige, die ein Mädchen an der August-Lämmle-Schule entführt und eine Viertelmillion Euro Lösegeld von den Eltern fordert. Nur Stunden nach der Entführung überwältigt das Sonderkommando die Frau und befreit das Mädchen unverletzt. „Wir waren uns so gut wie sicher, dass das Kind im Kofferraum liegt“, sagt Mayer. Die Hitze an dem Juli-Tag hätte ein längeres Warten unverantwortlich gemacht.

Mayer macht eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin

Vier Jahre später, 2002, zieht es Mayer nach Göppingen, wie sie als eine von landesweit zwei Frauen Leiterin der Kriminalpolizei wird. Ein Fall aus dieser Zeit, der Mayer besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist der Vierfachmord von Eislingen. Die emotionale Kälte und das streng geplante Vorgehen der beiden 18 und 19 Jahre alten Täter, die in der Nacht auf Karfreitag 2009 die vierköpfige Familie des Jüngeren mit Pistolenschüssen auslöschen, werde sie nie vergessen, sagt die 61-Jährige.

2009 wechselt Mayer schließlich nach Ludwigsburg, an die Spitze der fast doppelt so großen Kripo. Sie bleibt acht Jahre, bis zum vergangenen April. Dann ist Schluss nach 40 Dienstjahren, ganz regulär, mit 60. Neben Reisen, Sport und einem Französisch-Sprachkurs macht sie seither ihre Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. Durch den Tod ihrer Mutter habe sie erfahren, wie wertvoll eine Begleitung während der Trauerzeit sein könne, sagt Mayer. Das will sie nun anderen Betroffenen und ihren Angehörigen weitergeben.

Und so scheint es, als würde Mechthild Mayer auch ihren letzten Fall, den eigenen Ruhestand, gut gelöst bekommen.

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