Wenigstens da kommt noch einmal Freude auf: Anna und Heinz Neuhäuser tauschen mit den Wirtsleuten Robert und Ute Scheu (von links) Erinnerungen aus. Foto: Ines Rudel

Nach mehr als 40 Jahren hat der Adler-Wirt Robert Scheu die Wirtshaustüre in Owen für immer geschlossen. Ein herber Verlust auch für die Gäste, denen der Adler-Stammtisch zur zweiten Heimat geworden war.

Owen - Die Wirtsstube ist kahl. Nur der Stammtisch steht noch da, wo er immer stand. Früher war er der Mittelpunkt der geselligen Gastlichkeit, heute ist er ein sinnentleertes Möbelstück. Trotzdem: „Der bleibt bis zum Schluss“, sagt Robert Scheu, der Adlerwirt von Owen. Da schwingt Wehmut mit, denn Scheu löst gerade 40 Jahre seines Lebens auf. Vor einem Monat hat er die Wirtshaustür hinter sich abgesperrt und damit den Schlusspunkt unter eine 311 Jahre währende Wirtshaustradition gesetzt. „Unser Adler hat für immer Ruhetag“, steht seither an der Türe, handgeschrieben auf einem Stück Papier.

Im November war tränenreich Abschied von den Stammgästen gefeiert worden. Scheu hatte extra Musik auffahren lassen, „damit es keine Trauerfeier wird“. Doch als die Mannen von „Chili Chor Carne“, dem A-Capella-Chor des Liederkranzes, „S’isch Feierabend“ angestimmt hat, sind die Tränen literweise in die nahe Lauter geflossen.

Stammtisch-Besuch je nach Durst

Anna und Heinz Neuhäuser sind noch einmal zum Gespräch in den Adler gekommen. Sie lassen den Stammtisch links liegen. Ihren Stammtisch, denn hier hatte das Ehepaar aus dem benachbarten Dettingen rund 20 Jahre lang gesessen – mindestens einmal in der Woche, „je nach Durscht“ auch öfter, sagt Heinz Neuhäuser.

Er hat den Fußweg zum Stammtisch meist mit einer kleinen Wanderung verbunden, mal links über den Sattelbogen, mal rechts über das Käppele. In der warmen Stube haben dann die Wirtsleuten und andere Stammgäste gewartet. Manchmal hat sich auch der kleine Stephan, einer der beiden Söhne des Hauses, einfach dazugelegt und ist auf der Bank eingeschlafen. „Die Kinder sind ja praktisch mit unseren Stammgästen aufgewachsen. Da war eine große Vertrautheit und Freundschaft“, sagt Ute Scheu, die Wirtin.

Der schlafende Bub auf der Eckbank hat viel verpasst. „Erfahrungen austauschen, Politisieren, Leid klagen“, so fasst Ute Scheu das traditionelle Programm zusammen. Früher, da habe es täglich noch einen Handwerker-Stammtisch gegeben. Beim Vesper am Vormittag sind da schon die ersten Aufträge über den Tisch gegangen. „Das war eine Kommunikations- und Jobbörse für den Ort“, sagt Robert Scheu. Am Abend haben sich dann die Vereine im Adler getroffen und über den Lauf der Welt diskutiert. Doch auch da haben sich die Wege im Laufe der Jahre getrennt. Die Feuerwehr begießt den Übungserfolg inzwischen im eigenen Magazin, der Posaunenchor feuchtet die trockenen Kehlen in einer Stube im Gemeindehaus an und die Sportler treffen sich zur dritten Halbzeit im eigenen Sportheim.

Die Goldene Hochzeit muss woanders stattfinden

Die Neuhäusers sind dem Adler treu geblieben. Der 70. Geburtstag von Anna Neuhäuser war im Sommer die letzte große Familienfeier im Adler. „Für unsere Goldene Hochzeit im nächsten Jahr müssen wir uns etwas anderes suchen“, sagt sie bedauernd. So wie im Adler wird es nie wieder sein, da ist sich das Ehepaar einig.

„Mir suachet koin Ersatz meh’“, sagt Heinz Neuhäuser, der, seit der Adler zu ist, keinen einzigen Rostbraten mehr gegessen hat. Dabei war der Empfang vor 20 Jahren alles andere als herzlich gewesen. „Do hockat mir. Mir brauchet koine Dettinger“, sei ihm unmissverständlich bedeutet worden, erinnert sich Heinz Neuhäuser. Wie so oft auf dem Land waren sich die benachbarten Ortschaften in einer von Generation zu Generation weitervererbten Hassliebe zugetan. Im damals neu eröffneten Biergarten hat dann doch zusammengefunden, was zusammengehörte. „Das war spannend. In der Wirtsstube sind sich die Leute aus dem Weg gegangen. Im Biergarten war von Beginn an ein ganz anderes Klima. Da ist jeder gleich zu jedem hingehockt“, sagt Ute Scheu. Anna Neuhäuser hat sich beim Abverkauf der Adler-Einrichtung ein paar Vasen mitgenommen und eine Gugelhupf-Form. Kleine Erinnerungen halt. Ihren Mann hatte mit Größerem geliebäugelt. „I hätt jo gern d’ Stammtisch mitg’nomma. Aber der hot koin Platz dohoim“, sagt er.

Stammtisch

Der Duden definiert den Stammtisch als „meist größeren Tisch in einer Gaststätte, an dem ein Kreis von Stammgästen regelmäßig zusammenkommt und der für diese Gäste meist reserviert ist. Auch steht das Wort für einen Kreis von Personen, die regelmäßig an einem Stammtisch zusammenkommen.

Zum Adler

Das Gebäude in der Ortsmitte der Teckstadt Owen ist um 1680 erbaut worden. Im Jahr 1706 ist erstmals von der „Herberg zum Schwarzen Adler“ die Rede, die damals vom Wirt Andreas Wößner an einen Rittermeister Schopp aus Stuttgart verkauft wurde. Von da an ist die Wirtshaustradition lückenlos dokumentiert. Robert Scheu hat die Gaststätte, zu der damals noch eine Metzgerei gehörte, im Jahr 1978 von seinem Vater übernommen. Seit dem 14. November 2017 hat die Gaststätte „Zum Adler“ für immer Ruhetag. Er soll abgerissen werden und einer Wohn- und Bürobebauung weichen.

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