An den Wänden im Klenk-Haus hängen alte Fotos von einstigen und derzeitigen Bewohnern in jungen Jahren. Foto: factum/Weise

24 Stunden Ludwigsburg – in einer 24-teiligen Serie erzählen wir, wie die Ludwigsburger und die Gäste der Stadt leben und arbeiten. Zwischen 2 und 3 Uhr suchen zwei Nachtschwestern im Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt nach einen Bewohner, der durch das Haus geistert.

Ludwigsburg - Die große Runde ist geschafft. Große Runde, so nennen die beiden Krankenschwestern Karin Hämmerling, 62 Jahre, und Daniela Rittmaier, 31, Teil eins ihrer Nachtschicht im Hans-Klenk-Haus, dem Pflegezentrum der Arbeiterwohlfahrt in der Talstraße in Ludwigsburg. Sie haben in allen Zimmern der 90 Bewohner vorbei geschaut, haben Medikamente verteilt, Getränke gereicht, ein bisschen geplaudert, Blutdruck gemessen, einige Männer und Frauen umgelagert, damit sie sich nicht wund liegen.

Jetzt ist es zwei Uhr in der Nacht, kurze Kaffeepause. Draußen ist es stockfinster und kalt, drinnen angenehm war. Es wird eine sehr kurze Pause. Karin Hämmerling hat eben erzählt, dass die drei tollen Kaffeemaschinen im Haus von dem Schauspieler Terence Hillgespendet worden seien, als dessen mittlerweile verstorbene Mutter noch im Klenk-Haus gewohnt hat. Terence Hills Mutter? In einem Heim in Ludwigsburg? „Ja, sicher“, sagt Karin Hämmerling und grinst. Die beiden Pflegerinnen sitzen im Esszimmer, plaudern über dies und das, da meldet sich der Piepser. Ende der kurzen Verschnaufpause. Eine Bewohnerin in oberen Stockwerk hat geklingelt. Sie müsse bestimmt auf die Toilette, vermutet Karin Hämmerling.

Karin Hämmerling arbeitet seit 27 Jahren in dem Pflegeheim

Im Zimmer der etwa 60-jährigen Dame angekommen zeigt sich: die Pflegerin hat Recht, die Bewohnerin, die kürzlich einen Schlaganfall hatte, muss tatsächlich raus. Karin Hämmerling arbeitet seit 27 Jahren in dem Pflegeheim. Sie hat Routine, kennt die Gewohnheiten der Bewohner. Ein schneller Blick ins Zimmer nebenan: dem Mann geht es gut. Dann sagt Karin Hämmerling zu der Dame, die sie gerufen hat: „Sie können bestimmt bald schon wieder allein auf die Toilette. Bis später, gut Nacht.“

Ein paar Schritte weiter, nächste Stippvisite in einem Zimmer. Ein Mann sitzt auf dem Bett, isst einen Joghurt, weiß offenbar nicht, dass es mitten in der Nacht ist. Die Tür zu einem weiteren Zimmer steht offen. Der Herr, der hier lebt, ist nicht da. „Daniela, du musst mir suchen helfen“, ruft die Schwester. Die Kolleginnen laufen durch die Gänge, vorbei an alten Fotos, die an den Wänden hängen und einstige sowie derzeitige Bewohner in jungen Jahren zeigen: ein tanzendes Paar, eine schicke Frau mit Hut, ein Mann mit ernstem Gesicht, der Zeitung liest.

Der Mann weiß nicht, warum er sein Zimmer verlassen hat

Eine alte Frau sagt, sie wolle sich die Schuhe anziehen. „Es ist mitten in der Nacht“, erklärt Karin Hämmerling. Die Dame solle doch bitte im Bett bleiben, „ich komme später noch mal vorbei, so gegen vier Uhr“. Mittlerweile hat Daniela Rittmaier den verschwundenen Herren gefunden. Er ist dement, war aufgestanden und losgelaufen. Im Foyer des mittleren von drei Stockwerken des Gebäudes steht er und weiß nicht, warum er sein Zimmer verlassen hat. Der Herr ist ein bisschen außer Puste. Gestützt von den Pflegerinnen marschiert er zurück zu seinem Bett.

Im Heim lebten heute mehr junge Männer und Frauen als früher – und mehr Menschen mit demenziellen Erkrankungen, erzählen die beiden Pflegerinnen. Der jüngste Bewohner im Klenk-Haus ist erst 51 Jahre alt. Die älteste Frau ist 101.

Die nächtliche Arbeit mache aber Spaß, nach wie vor, sagen beide Krankenschwestern. Daniela Rittmaier erzählt, dass sie zwei kleine Kinder habe, sie arbeite 50 Prozent, das seien etwa acht Nächte im Monat und passe gut zum Familienleben. Auch die ältere Kollegin hat einst wegen ihrer Kinder angefangen, Nachtschichten zu schieben. Auch sie arbeitet 50 Prozent und will keinesfalls mehr in den Tagdienst wechseln. „Das wäre für mich eine Katastrophe,“ sagt sie und lacht. Wer nachts schaffe, der habe auch Vorteile, zum Beispiel weniger Straßenverkehr auf dem Weg zur Arbeit. Daniela Rittmaier sagt, im Tagdienst müsste sie mit einer 50-Prozent-Stelle öfter antreten. Mehr als acht Nächte im Monat wollen die beiden Pflegerinnen aber nicht arbeiten. Nachts arbeiten, das gehe nämlich an die Substanz. Der Tag vor den Diensten und der Tag danach sei fast so anstrengend wie die Tage mit der Nachtschicht selbst. Die sechs Kolleginnen und der eine Kollege, die im Klenk-Haus Nachtwache machen, seien ein wirklich gutes Team, sagt Karin Hämmerling. Vermutlich hat sie auch deshalb seit bald drei Jahrzehnten nicht die Stelle gewechselt. Sie hätte vermutlich gute Chancen, einen anderen Arbeitgeber zu finden, Krankenschwestern sind gefragt.

Reden über Einsamkeit und das alte Leben als Lehrerin

In den ungezählten Nächten, die Karin Hämmerling im Klenk-Haus schon Nachtwache war, hat sie viel erlebt. Mal erzählte eine Bewohnerin, dass sie mit einem Juden verheiratet gewesen sei, der in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Eine andere Frau habe berichtet, dass sie im Krieg als Dolmetscherin in Berlin gearbeitet habe. Viele interessante Geschichten, schöne und nicht so schöne. „Nachts wird gestorben“, sagt Hämmerling. Die jüngere Kollegin erzählt ihre Beobachtung: Von September bis Dezember versterben demnach mehr Bewohner, „oft vor Weihnachten“. Wer in einem Pflegeheim arbeite, der setze sich zwangsläufig mit dem Tod auseinander, auch mit dem eigenen, sagt Karin Hämmerling. Das sei auch gut so.

Kurz vor drei Uhr schaut eine Bewohnerin bei den beiden Nachtwachen vorbei. Die Frau will reden, erzählt, dass sie 60 Jahre alt sei, kürzlich eine Lungenentzündung gehabt habe und eben vom Rauchen komme – was die zwei Krankenschwestern freilich nicht so toll finden. Sofort die Mahnung: „Sie sollen doch nicht so viel rauchen.“ Die Bewohnerin bittet um ein Spray, um leichter atmen zu können. Und um eine Schmerztablette. Dann will sie weiter reden, über ihre Einsamkeit und über ihr altes Leben als Lehrerin in Ludwigsburg.

Gegen drei Uhr werden die Pflegerinnen noch mal eine große Runde starten, in allen Zimmern vorbei schauen. Die Bewohner frisch machen, Windeln wechseln. Gegen halb sieben endet der Nachtdienst.

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