Aktuell treffsicherster Stürmer in den europäischen Topligen: Serhou Guirassy vom VfB Stuttgart Foto: Baumann

Serhou Guirassy spricht über seine Vergangenheit, seinen aktuellen Lauf, seine Zukunft in Stuttgart und warum er Fußball anfangs gar nicht mochte.

Serhou Guirassy ist in aller Munde. Mit zehn Toren in den ersten fünf Spielen gilt der 27-Jährige als ein wesentlicher Garant für den aktuellen Höhenflug des VfB Stuttgart. Doch wer ist der Mann eigentlich? Wie tickt er privat? Vor dem Spiel beim 1. FC Köln (Samstag, 15.30 Uhr) nahm sich der Guineer Zeit für ein Interview.

 

Herr Guirassy, wie macht man in fünf Spielen zehn Tore? Eine famose Quote.

Das ist sie tatsächlich. In erster Linie würde ich das Team als Grund nennen. Es spielt im Moment sehr gut und macht es mir dadurch einfach, so zu performen.

Sie haben 13-mal aufs Tor geschossen, zehnmal war der Ball drin. Das kann nicht nur an Ihren Mitspielern liegen. Was ist das: Glück, ein Lauf – oder sind Sie im Moment einfach so gut?

Es gibt kein spezielles Geheimnis für den gegenwärtigen Erfolg. Die Mannschaft hat Selbstvertrauen, ich habe Selbstvertrauen. Vor dem Tor bleibe ich ruhig, speziell in Eins-gegen-eins-Situationen. Dann gehen die Bälle manchmal einfach rein. Eines kann ich aber mit Sicherheit sagen.

Nämlich?

Auch wenn ich alles versuchen werde: Ewig kann es mit dieser Quote nicht weitergehen.

Haben Sie sich ein persönliches Saisonziel gesetzt? 20 Tore? 25? 30?

So viele wie möglich. Auf eine Zahl will ich mich nicht festlegen.

Ihre Spezialität ist der Lupfer, mit dem Sie zuletzt gegen Mainz 05 und Darmstadt 98 erfolgreich waren. Was ist das Geheimnis dahinter? Tausendmal trainiert? Instinkt? Abgezocktheit?

Wenn du alleine vor dem Tor stehst, ist immer wichtig zu schauen, was der Torwart macht. Taucht er einen Moment zu früh ab, bietet sich eben der Lupfer an. Ich würde diese Technik nicht als meine Spezialität bezeichnen. Die Art des Abschlusses ist immer situationsabhängig.

So wie bei Ihrem wahnwitzigen Panenka-Elfmeter im Abstiegskampf der vorigen Saison gegen Bayer Leverkusen?

Auch das war spontan. Ist doch gut gegangen (schmunzelt).

Was ist mit dem VfB in dieser Saison möglich?

Auch wenn es abgedroschen klingt: Wir schauen von Spiel zu Spiel. Darmstadt ist abgehakt. Jetzt wollen wir in Köln die nächsten drei Punkte holen.

Am Samstag (15.30 Uhr) geht es zu Ihrem Ex-Club. Dort wundert man sich über den Serhou Guirassy, der im Moment alle Toptorjäger Europas in den Schatten stellt. Ihre Zeit in Köln war weniger erfolgreich.

Ich war jung, oft verletzt. Außerdem hatte ich große Konkurrenz: Jhon Cordoba, Simon Terrode, Simon Zoller, Anthony Modeste. So läuft das eben im Fußball. Mal hast du eine gute Zeit, mal eine weniger gute. C’est la vie.

Und Sie waren noch kein so großer Name. In Köln wurden Sie sogar falsch geschrieben. Auf den Autogrammkarten stand Sehrou statt Serhou.

Ach, das . . . War kein spezieller Fehler des FC. Mein Name wurde schon oft falsch geschrieben. Ich hoffe, das kommt künftig seltener vor (lacht).

Erzählen Sie mal ein wenig von Ihrer Vergangenheit. Wie sind Sie mit Fußball in Berührung gekommen?

Mit fünf oder sechs Jahren habe ich angefangen. Es sollte nur zum Spaß sein. Aber wissen Sie was?

Nein.

Es hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht (lacht). Ich weiß nicht mehr genau, warum. Aber ich mochte Fußball einfach nicht. Ich bin dann wieder gegangen. Ein Jahr später hat mich mein Bruder aufs Neue motiviert. Dann bin ich dabei geblieben.

Sie sind in der Kleinstadt Montargis in Zentralfrankreich aufgewachsen. Wie kann man sich Ihre Kindheit und Jugend vorstellen?

Ich habe drei Brüder und vier Schwestern. Sie können sich vorstellen, dass bei uns zu Hause immer viel los war. Meine Eltern stammen beide aus Guinea. Meine Mutter hatte mit Fußball nicht viel am Hut. Mein Vater schon. Er war selbst ein guter Spieler – in der Jugend sogar besser als ich. Er ist großer Fan von Olympique Marseille. Meine Eltern haben mich in dem, was ich tat, immer voll unterstützt.

Wie wichtig ist Ihnen Familie?

Meine Frau und meine drei Kinder bedeuten mir alles. Dazu meine Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten. Wir unterstützen uns gegenseitig, so gut es geht.

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit in Stuttgart?

Es gibt hier schöne Parks, wo man viel mit den Kindern machen kann. Sie spielen natürlich auch Fußball. Und dann gibt es hier in der Mercedesstraße ja noch dieses traditionelle Fest. Wie heißt es noch gleich?

Cannstatter Volksfest.

Genau das. Als Franzose kennt man so etwas ja nicht.

Mit wem aus der Mannschaft verbringen Sie die meiste Zeit? Beim VfB gibt es ja seit Längerem die French Connection.

Es ist schön, dass wir mit Enzo, Daxo, Silas und neuerdings Anthony (Enzo Millot, Dan-Axel Zagadou, Silas Katompa, Anthony Rouault; Anm. d. Red.) einige französischsprachige Spieler im Team haben. Bei uns in der Mannschaft gibt es deswegen aber keine Grüppchenbildung. Wir sind eine homogene Gruppe und verstehen uns sehr gut.

Im vergangenen Jahr haben Sie den Verband gewechselt. Nach etlichen Jahren in verschiedenen französischen Auswahlteams laufen Sie nun für die Nationalmannschaft von Guinea auf. Wie kam es dazu?

Sie haben sich schon lange um mich bemüht. Es ist die Heimat meiner Eltern und irgendwie auch meine Heimat. Guinea ist ein fußballbegeistertes Land, die Unterstützung dort ist großartig. Letztlich waren es keine sportlichen Gründe, die den Ausschlag für meinen Verbandswechsel gaben. Es war eine emotionale Entscheidung.

Welche Kriterien an Ihre Zukunft legen Sie nach dieser Spielzeit an? Wenn Sie so weitermachen, werden Angebote diverser Topclubs nicht auf sich warten lassen.

Das mag sein. Aber erstens ist das noch lange hin. Und zweitens habe ich in Stuttgart einen Vertrag bis 2026.

Das muss nicht viel heißen.

Natürlich hat man immer das Ziel im Hinterkopf, bei einem großen und erfolgreichen Club zu spielen. Aber Kontinuität ist auch wichtig. Ich spiele in einer der europäischen Top-Fünf-Ligen, bei einem tollen Verein, wo ich gesetzt bin – was will man mehr? Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass die Premier League mein großer Traum ist.

Die Champions League?

Tout est possible – alles ist möglich.