Ein Arbeiter der Danube Raffinerie von Mol in Ungarn Foto: imago/Xinhua

Russlands Gazprom hält die Mehrheit am serbischen Energiekonzern NIS. Die USA erzwingen den Verkauf. Nun soll ein ungarischer Erdölriese zum Zug kommen.

Zumindest Moskau signalisiert grünes Licht: Die Mehrheitsbeteiligung der russischen Gazprom am serbischen Energieriesen NIS soll verkauft werden an die Mol-Gruppe, dem führenden Mineralölkonzern in Ungarn . Die USA forcieren den Zwangsverkauf. Wenn die zu Wochenbeginn mit der Mol unterzeichnete Absichtserklärung für die Russische Föderation ungünstig sei, „wäre sie nicht vereinbart worden“, stellte Außenminister Sergej Lawrow am Dienstag klar: „Wir sind zur Zusammenarbeit mit allen bereit.“

 

Noch nicht in trockenen Tüchern

Noch ist der Verkauf von 56,15 Prozent der Gazprom-Anteile an der NIS trotz einer verbindlichen Absichtserklärung keineswegs in trockenen Tüchern. Auch die Details der anvisierten Elefantenhochzeit der 25 000 Mitarbeiter zählenden Mol mit der serbischen NIS mit rund 5500 Beschäftigten sind noch unbekannt. Doch sollte das US-Finanzministerium den Deal absegnen, könnte sich Mol mit dem Besitz aller Großraffinerien in Kroatien, Serbien, Slowakei und Ungarn im Südost- und Mitteleuropa eine dominante Marktposition verschaffen.

Als Dank für Russlands Unterstützung im serbischen Windmühlenkampf gegen die Unabhängigkeit des Kosovo hatte Belgrad der Gazprom das Mehrheitspaket an der NIS 2008 weit unter Marktwert für rund 400 Millionen Euro abgetreten. Nun sind es die USA, die Moskau mit den im Oktober in Kraft getretenen Sanktionen gegen NIS zum Zwangsabschied von Serbiens hochprofitablen Energieriesen nötigen.

Kaufpreis unbekannt

Wie tief die staatliche Mol für die geplante Expansion in die Schatulle greifen muss, ist noch unbekannt: In Serbiens Presse wird über einen mutmaßlichen Verkaufspreis von 1,5-1,7 Milliarden Euro für die auf einen Kurswert von 2,4 Milliarden Euro bezifferte Mehrheitsbeteiligung spekuliert. Unklar ist, wie und auf welches Konto der Gazprom der Verkaufserlös bezahlt werden könnte: Eigentlich sollen die US-Sanktionen gegen Energiekonzerne mit russischer Beteiligung die Finanzierung des Ukrainekriegs durch Ölgelder unterbinden.

Befürchtungen, dass Mol – ähnlich wie nach dem von Bestechungsskandalen überschatteten Einstieg bei der kroatischen INA – auch in Serbien eine Großraffinerie schließen könnte, versucht Belgrad zu entkräften. Mol habe sich in den Verhandlungen verpflichtet, die Produktion in der Raffinerie in Pancevo auf dem bisherigen Niveau aufrechtzuerhalten – und „nach Bedarf auszuweiten“, versicherte Serbiens Energieministerin Dubravka Djedovic Handanovic zu Wochenbeginn.

Mol hat bestätigt, dass auch die Vereinigten Arabischen Emirate und deren staatlicher Ölkonzern Adnoc künftig an der NIS beteiligt werden sollen: Serbische Medien spekulieren über eine Minderheitsbeteiligung von Adnoc von maximal fünf Prozent.

Von der von Belgrad angekündigten Erhöhung des bisherigen NIS-Anteils des serbischen Staats von 29 auf 34 Prozent ist in der Mol-Erklärung hingegen nicht die Rede. Unklar ist laut Analysten auch, mit welchen Aktien der Staatsanteil künftig um fünf Prozent erhöht werden könnte: Außer der Gazprom und dem Staat halten bisher Kleinanleger die restlichen 13 Prozent der Anteile an Serbiens Schlüsselunternehmen.

Sorgen in Kroatien

Mit Sorge wird der sich abzeichnende Mol-Einstieg in Serbien vor allem im benachbarten Kroatien verfolgt. Der Raffinerie in Rijeka könnte bei einer Mol-Integration der NIS-Raffinerie in Pancevo dasselbe Schicksal wie der bereits geschlossenen Raffinerie in Sisak drohen.

Bisher erzielte die kroatische Janaf-Pipeline 90 Prozent ihrer Einnahmen mit ihren beiden Hauptkunden NIS und Mol. Eine Mol-Übernahme von NIS könnte nicht nur bei den Preisen die kroatische Verhandlungsposition schwächen. Auch wegen des bereits in Angriff genommenen Baus einer neuen serbisch-ungarischen Pipeline könnte Janaf in einem neuen Mol-Verbund an Bedeutung verlieren. Bisher sei die Region „stark von Janaf abhängig“, so „Hungary Today“: Doch mit dem Erwerb von NIS „wendet sich das Blatt“.