Nahverkehr in Baden-Württemberg Landesticket kommt erst im Dezember 2018

Von Alexander Ikrat 

Vor Ende 2018 wird es das Landesticket für Züge und bestimmte Busse nicht geben   Foto: dpa
Vor Ende 2018 wird es das Landesticket für Züge und bestimmte Busse nicht geben    Foto: dpa

Seit er im Amt ist, träumt Verkehrsminister Winfried Hermann davon, von jedem Bus- oder Bahnhalt im Land mit nur einem Fahrschein zu einem beliebigen anderen fahren zu können. Nun wurde eher beiläufig bekannt, dass es Dezember 2018 wird, bis es den ersten Vorgeschmack gibt.

Stuttgart - Dass ein Jahr so gut wie nichts ist, wenn man im öffentlichen Nahverkehr etwas bewegen will, hat Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) spätestens bei diesem Thema erfahren. Als im Januar 2014 ein Sonderzug von Plochingen nach Geislingen zur Feier der Tatsache fuhr, dass nach 35 Jahren Verkehrsverbund Stuttgart VVS-Tickets endlich auch im Kreis Göppingen zu haben sind, kündigte Hermann vor einer Handvoll Journalisten an, dass eines seiner Herzensprojekte auf dem Weg sei. Das Landesticket, sagte der Minister stolz, solle spätestens 2016 Wirklichkeit werden.

Kurz bevor das Jahr 2016 beginnt und der neue Fahrschein vorm Fahrplanwechsel im Dezember angeboten werden müsste, ist aber klar, dass die Bäume auch für Hermann nicht in den Himmel wachsen. Eher beiläufig war dieser Tage aus einer Beratungsunterlage der Regionalversammlung zu erfahren: „Vorgesehen ist, dass der Landestarif in einer ersten Stufe (. . .) zum Fahrplanwechsel 2018/2019 eingeführt werden soll.“

Erste Stufe heißt, dass beim Einzel- und Gruppenfahrschein alle Schienenverbindungen in Baden-Württemberg eingeschlossen sind – dies ist unabhängig vom Verkehrsunternehmen auch bisher schon zum DB-Tarif zu haben. Hermann will jedoch, dass die Politik den Preis macht, außerdem sollen ebenfalls bereits in der ersten Stufe alle Busse und Stadtbahnen am Zielort inbegriffen sein. Nicht aber am Startort: Die Umstellung der Vertriebssysteme aller rund 600 Busunternehmen im Land ist so kompliziert, dass dieser Schritt bis voraussichtlich 2021 auf sich warten lassen wird. Das Modell mit dem Anschlussverkehr wendet die Bahn mit ihrem City+-Konzept im Fernverkehr bereits in ausgewählten Städten Deutschlands an – unter anderem auch in Stuttgart.

Ausschreibung spart millionenteure Einführung

„Wir hätten uns eine frühere Einführung gewünscht“, sagt Ministeriumssprecher Edgar Neumann, „wir haben aber gemerkt, dass es mit einer von oben diktierten Einführung so leicht nicht ist.“ In Baden-Württemberg gibt es 22 unterschiedliche Verkehrsverbünde, die jeweils ihre eigene Politik machen – da können Entscheidungsprozesse schon mal dauern. Außerdem müsste das Land Mittel vermutlich in Millionenhöhe in die Hand nehmen, wenn es den Landestarif auf eigene Faust einführen wollte – schließlich müssten alle EDV-Systeme der Verbünde und Verkehrsunternehmen umgestellt werden.

Da kam es Winfried Hermann zupass, dass er ohnehin den gesamten Schienenverkehr in Baden-Württemberg in 17 Netze aufgeteilt ausschreiben wollte. Wer den Zuschlag erhält wie jüngst Abellio und Go-Ahead für die sogenannten Stuttgarter Netze, muss auch das Landesticket einführen. Dies wird nun im ganzen Land einheitlich im Dezember 2018 sein. Nur falls es bei einzelnen Unternehmen zu unvorhergesehenen Umsatzeinbußen durch die Anwendung des Landestarifs kommt, wird das Land wohl Steuermittel zuschießen.

Urabstimmungen über landesweites Studententicket

Genau dies fordert der Verband Region Stuttgart als Betreiber der S-Bahn im Ballungsraum. Wenn ein Zugfahrgast mit einem Landesticket etwa aus Pforzheim mit der Bahn in Stuttgart ankommt und dann noch mit der S-Bahn in Richtung Plochingen weiterfahren will, müsste er künftig kein VVS-Ticket mehr lösen. Um das S-Bahn-Unternehmen DB Regio zu entschädigen, sollen nach dem geplanten Modell alle Landesticket-Käufer einen Zuschlag bezahlen, damit das Land keinen Zuschuss geben muss. Was aber, wenn nicht genug im Topf landet? „Wenn Zusatzkosten auftreten, muss ein Ausgleich über das Land stattfinden“, sagt Verbandsdirektor Jürgen Wurmthaler und sieht das Verkehrsministerium in der Pflicht. Dass das Landesticket weiter auf sich warten lässt, ist für Wurmthaler kein Beinbruch: „Im Hinblick auf die vielen Beteiligten kommt die Verzögerung nicht überraschend“, sagt der Verkehrsexperte, aber es bleibe dabei: „Der Landestarif ist eine tolle Sache, und ich freue mich drauf.“

Was auch noch auf sich warten lässt, ist das landesweite Studententicket, das ebenfalls 2016 erwartet wurde. „Die Einführung ist noch nicht abzusehen“, sagt VVS-Geschäftsführer Horst Stammler, der wie Wurmthaler im Lenkungskreis des Landestarifs sitzt. Die Studentenwerke haben dieses Jahr Umfragen gemacht, die laut Stammler noch ausgewertet werden. Bisher deutet aber vieles darauf hin, dass auch in diesem Fall die Nutznießer das Ticket über einen Zuschlag finanzieren müssen. Ob die Studierenden das auch wollen, sollen sie 2016 in Urabstimmungen an jedem Hochschulstandort einzeln selbst bestimmen.

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