In den Plattenkalken von Solnhofen in Bayern, wurden bisher zehn Exemplare des Urvogels Archäopteryx gefunden. Jetzt keimt Hoffnung auf einen Sensationsfund.

Stuttgart - Seit Jahren schauen die Saurier- und Urvogelforscher Baden-Württembergs neidvoll nach Bayern. Denn dort, in den Plattenkalken von Solnhofen, wurden bisher zehn Exemplare des Urvogels Archäopteryx gefunden. Auf ähnliche Funde im Südwesten hat man lange gehofft. Jetzt keimt Hoffnung.

Den Archäopteryx von Solnhofen kennt jedes Schulkind. 1861 wurde dort eine 150 Millionen Jahre alte Vogelfeder entdeckt, im gleichen Jahr fand man das erste Skelett des berühmten Urvogels. Die inzwischen zehn gefundenen Exemplare sind die Prunkstücke in den paläontologischen Museen in aller Welt. Wie schön wäre es, wenn endlich auch ein heimisches Exemplar des extrem seltenen Urvogels gefunden würde.

Für dieses Ziel kniet sich Günter Schweigert seit langem mächtig rein. Der Geologe und Paläontologe des Naturkundemuseums Stuttgart gräbt seit 16 Jahren in Nusplingen. Und das buchstäblich auf den Knien. Sorgfältig löst er mit Geologenhammer und Meißel die dünnen Kalkplatten vom Steinbruchboden und untersucht sie ganz genau.

Das kleine Vorkommen von Plattenkalken, zwischen Balingen und Tuttlingen gelegen, steht seit Jahrzehnten unter gesetzlichem Grabungsschutz. Seit 1993 lockt die Fundstelle die wissenschaftlichen Ausgräber. Immer wieder wurden sie seither fündig und bargen mehr als 350 verschiedene Arten jurazeitlicher Tiere und Pflanzen. Darunter fanden sich auch viele seltene Fossilien wie beispielsweise bizarre Haifische, sogenannte Meerengel, Meereskrokodile, Tintenfische und Riesenlibellen. Nur die Hoffnung, endlich auch einen Urvogel zu finden, erfüllte sich bisher nicht.

Seit dem 14. Mai 2009 aber liegt dem Wissenschaftler Schweigert der Beweis vor, dass vor 150 Millionen Jahren in der Gegend des heutigen Nusplingen tatsächlich ein befiedertes Urtier unterwegs war. Beim Aufschlagen eines unscheinbaren Kalkbrockens entdeckte der Wissenschaftler den versteinerten Rest einer Feder. Obwohl das Fundstück nicht gerade die Dimension einer Pfauenfeder hat, sondern mit einer Gesamtlänge von nur acht Millimetern eher unscheinbar ist, war Schweigert sofort elektrisiert. "Beim Blick durch die Lupe war mir die Bedeutung des Fundes sofort klar."

Wo heute eine Feder gefunden wird, war früher mal ein Vogel. Dieser Schlussfolgerung schließt sich Schweigert nicht ohne weiteres an. Denn bisher lässt sich nicht eindeutig sagen, ob die Feder von einem Archäopteryx oder von unbekannten befiederten Dinosauriern stammt. Eines indes kann der Wissenschaftler schon jetzt sagen: Da der Nusplinger Kalk etwa 500000 Jahre älter ist als derjenige von Solnhofen, stellt der neue Fund eine der europaweit, möglicherweise sogar weltweit ältesten Federn überhaupt dar. Zwar sind in China inzwischen zahlreiche befiederte Dinosaurier gefunden worden, die Datierung der dortigen Fundschichten ist aber noch umstritten.

Nun darf sich auch Baden-Württemberg mit einer uralten Feder schmücken. "Der Fund von Nusplingen wird unserer Grabung einen enormen Impuls geben", sagt Schweigert. Die Entdeckung des winzigen Fossils beschreibt der Paläontologe aber als großen Zufall. Normalerweise sind in Nusplingen die Versteinerungen auf der Schichtober- oder -unterseite zu finden. Die Feder dagegen steckte inmitten einer Kalkbank, die nur deshalb beim Anschlagen mit dem Hammer brach, weil direkt daneben ein anderes Fossil steckte.

Schweigert will sich nicht ausmalen, dass der Kalkbrocken nach der ergebnislosen Sichtkontrolle der Schichtseiten normalerweise auf der Abraumhalde gelandet wäre. Dort dürfen an wenigen Tagen des Jahres auch Hobbysammler ihren Hammer schwingen. "Mit etwas Glück hatte dann ein Besucher diese Feder finden können", sagt Schweigert. Und sie dann vielleicht unbeachtet weggeworfen.

Der Federfund wird demnächst im "Neuen Jahrbuch für Geologie und Paläontologie" publiziert. Die renommierteren Fachzeitschriften "Nature" und "Science" hatten die Veröffentlichung zuvor abgelehnt. Als Begründung wurden die spektakuläreren Funde aus China genannt. Schweigert kann damit leben. In derselben Zeitschrift, in der sein Fund jetzt publiziert wird, war vor 148 Jahren auch der Bericht über die erste Feder aus Solnhofen erschienen. Wenn das kein gutes Omen für einen Archäopteryxfund in Nusplingen ist.

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