Friedrich Wolfenter ist gebannt vom Spiel der Könige. Foto:  

Friedrich Wolfenter aus Degerloch hat seit 13 Jahren keine Fernschach-Partie mehr verloren. Seit Kurzem ist er deutscher Seniorenmeister im Fernschach.

Degerloch - Der 80-jährige Friedrich Wolfenter fühlt sich „eigentlich unschlagbar“. Wenn er das von sich selbst sagt, lacht er herzlich. Der Degerlocher meint es nicht überheblich. „Ich sehe es nicht verbissen“, sagt er. Aber er genießt es. Schließlich hat er lang an seiner Unbezwingbarkeit gearbeitet. Der Fernschachspieler Friedrich Wolfenter hat seit 13 Jahren keine Partie verloren. „Ich weiß nicht mehr, was eine Niederlage ist“, sagt er. Seit Kurzem ist er deutscher Seniorenmeister.

Will Friedrich Wolfenter über Fernschach sprechen, führt er in sein Schachatelier. Hier regieren Dame, Turm und Springer. Auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Zimmers steht, natürlich, ein Schachbrett. „Das ist nur ein Blickfang“, sagt der Gastgeber. Vielleicht für seine Besucher. Ihn selbst hat das Spiel der Könige beinahe sein ganzes Leben fest im Griff.

Zwei Ordner sind bei der deutschen Seniorenmeisterschaft zusammengekommen. Friedrich Wolfenter hat die Chronologie der Partien säuberlich abgeheftet. Dazu gehören jede Menge Postkarten. Denn im Fernschach tauschen sich die Kontrahenten schriftlich über ihren nächsten Zug aus. Das geht per Mail, per Fax, per Karte oder über einen Server. Friedrich Wolfenter bleibt – bis auf wenige Ausnahmen – bei der herkömmlichen Methode: der Postkarte. Denn auch das Auge spielt mit. Längst haben es sich die Schachfreunde zum Sport gemacht, möglichst hübsche Briefmarken an den Spielpartner zu verschicken.

Auf dem Postweg ziehen sich die Partien freilich in die Länge. Weshalb Friedrich Wolfenter in seltenen Fälle auf den elektronischen Versand umgestiegen ist. Er spielt zum Beispiel gegen einen Russen. Da braucht eine Postkarte sechs Wochen pro Zug. Der Degerlocher ist ein geduldiger Typ, aber irgendwann müssen sie ja auch mal fertig werden. Wie sehr sich die Zeit einmischt, zeigt sich derzeit bei der 17. Fernschach-Olympiade. Wolfenter gehört zur vierköpfigen deutschen Gruppe. Obwohl der Wettbewerb noch nicht abgeschlossen ist, sind die Deutschen bereits Gruppenerster. Schlicht weil sie schneller waren als andere. Und es ist bereits klar, dass sie nicht mehr zu schlagen sind.

Spielt der 80-jährige Degerlocher ein großes Turnier, bekommt er am Tag drei bis vier Postkarten. Er schaut direkt am Briefkasten, wer welchen Zug gemacht hat. Obwohl Friedrich Wolfenter in der Regel schon Bescheid weiß. Er analysiert die Spiele weit im Voraus. „Es gibt Millionen Möglichkeiten“, sagt er. Vieles lässt sich Wolfenter von seinem Schachcomputer ausrechnen. Aber „er sagt mir oft nicht das Richtige“, sagt er. Der PC komme irgendwann an seine Grenzen.

Die ausgiebige Analyse ist es, die Friedrich Wolfenter beim Fernschach so bannt. „Da offenbart sich die Kunst des Schachspiels wirklich“, sagt er. „Es ist die Suche nach der schachlichen Wahrheit.“ Normales Schach gefällt ihm weniger, die Partien sind ihm zu hektisch. Dass Friedrich Wolfenter seit 13 Jahren ungeschlagen ist, bedeutet nicht, dass er nur gewonnen hat. Auf internationaler Ebene gehen die meisten Spiele unentschieden aus, erklärt er. „Die Leistungen sind heute sehr ähnlich.“ Elf Unentschieden und drei Gewinne seien zum Beispiel schon ein großer Erfolg.

Sein Steckalbum ist sein Heiligtum. „Da lasse ich niemanden ran“, sagt er. Es ist seine Gedankenstütze in laufenden Spielen. Nur zur Sicherheit. Denn „meine Partien habe ich alle im Kopf“. Derzeit hat er vier im Pokalturnier laufen. „Glücklicherweise habe ich gerade etwas mehr Ruhe.“ Die Fernschach-Olympiade zum Beispiel war sehr zeitaufwendig. „Das ist ein Fulltime-Job.“ Ein unbezahlter Vollzeit-Job.

Sein Geld hat Wolfenter früher nämlich nicht mit König, Dame, Turm verdient. Der Degerlocher hat Grafik studiert und eine Ausbildung zum Lithographen gemacht. Später hat er beim Landesvermessungsamt Württemberg gearbeitet, Anfang der 1990er-Jahre ist er in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Friedrich Wolfenter hatte zwei Herzinfarkte. Was nichts daran änderte, dass sein Herz weiter fürs Schachspiel schlägt. In der Familie Wolfenter übrigens nur seines. Er hat die anderen nicht mit dem Schachvirus infiziert. „Meine beiden Töchter sind schachallergisch.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: