Einsam wird man im Alter schneller als man denkt – zum Beispiel, wenn der Partner stirbt. Foto: Unsplash/ Mykyta Martynenko

Einsamkeit und Depression im Alter: Zwei Senioren berichten schonungslos ehrlich, wie es ihnen wirklich geht. Was hilft ihnen, den Alltag zu meistern?

Wolfgang (75): Ich lebte fast fünfzig Jahre mit meiner Frau zusammen, bis sie vor eineinhalb Jahren starb. Wir hatten ein wunderbares Leben. Keine Krankheiten, immer genug Geld, wir konnten uns alles leisten. Allerdings haben wir keine Kinder, keine Geschwister, keine Familie im engeren Sinne. Auch unser soziales Umfeld ist über die Jahre nach und nach verschwunden – viele frühere Freunde und Verwandte sind gestorben, andere Kontakte haben sich im Laufe der Zeit verloren, durch Wegzug oder weil man sich einfach aus den Augen verloren hat. So wurde unser Kreis immer kleiner, bis kaum jemand blieb. Alleinsein ist erträglich, Einsamkeit nicht.

Meine Frau und ich waren 34 Jahre lang verheiratet. Zusammen waren wir fast ein halbes Jahrhundert. Wir haben damals in der gleichen Firma gearbeitet, dort haben wir uns kennengelernt. Unsere Ehe war das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist. So eine Frau wie sie hätte ich nicht noch mal gefunden, da bin ich mir absolut sicher. Sie war auch meine beste Freundin, meine Familie. Kinder waren für uns nie ein Thema. Meine Frau kam aus prekären Verhältnissen, das hat bei ihr Spuren hinterlassen. Sie wollte keine eigene Familie. Mir war das recht.

 

2024 wurde meine Frau plötzlich krank

Hobbys habe ich keine mehr. Früher habe ich gerne fotografiert, eine Zeit lang war ich in einem Verein für Bogenschießen. Meine Frau und ich sind sehr viel Motorrad gefahren. Unser großes Hobby war das Reisen. Wir waren fast auf jedem Erdteil, haben die ganze Welt gesehen. Nun reise ich nicht mehr. Auch mein Motorrad habe ich verkauft.

Im Januar 2024 wurde meine Frau plötzlich krank. Anfangs waren es nur Kleinigkeiten. Sie ging spazieren und kam dann nicht wieder, weil sie den Rückweg nicht mehr gefunden hat. Sie hat die Abfälle in die falsche Tonne geworfen. Nichts, worüber man sich allzu große Sorgen machte. Aber es wurde immer schlimmer. Sie wurde auch irgendwann aggressiv, dann kam sie in die Klinik und von dort aus ins Pflegeheim. Die Diagnose: Alzheimer-Demenz. Die Erkrankung meiner Frau ging überraschend schnell. Zwischen den ersten Symptomen und ihrer Einlieferung ins Pflegeheim lag nur ein halbes Jahr. Sie war 72 Jahre alt, als sie starb.

Als meine Frau nicht mehr da war, fühlte ich mich antriebslos

Nach dem Tod meiner Frau hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich etwas in meinen Gedanken und Emotionen verändert hat. Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben Depressionen, aber als meine Frau nicht mehr da war, fühlte ich mich zunehmend betrübt und antriebslos. Ich litt an Altersdepressionen. Ich bin einige Zeit lang zu einem Therapeuten gegangen. Die Therapie habe ich aber irgendwann abgebrochen, da ich das Gefühl hatte, dass mir das nicht viel bringt. Die Tipps, die ich dort erhielt, konnte ich mir auch selbst herleiten.

Soziale Kontakte im Alter können guttun. Foto: Unsplash/ Vitaly Gariev

Ich bin seit 14 Jahren in Rente. Früher bin ich lange im Bett geblieben, bis mich meine Frau irgendwann aufgeweckt hat. Seitdem ich allein bin, stehe ich früh auf. Es gibt viel zu tun im Haushalt: Putzen, Wäsche waschen, bügeln. Mein Haus hat 300 Quadratmeter. Das ist viel Arbeit, und damit verbringe ich die meiste Zeit. Ansonsten schaue ich fern, bin im Internet oder lese. Ab und zu gehe ich mal in die Stadt. Zum Glück bin ich noch gesund und relativ selbstständig. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich dachte immer, ich würde meinen Ruhestand mit meiner Frau verbringen können

Vor über zwei Jahren, noch vor der Erkrankung meiner Frau, habe ich angefangen, nach Angeboten für betreutes Wohnen zu suchen. Dort könnte ich mit anderen Senioren zusammenleben. Ich habe zwischen 20 und 25 Häuser dieser Art angeschrieben und nur fünf haben sich überhaupt gemeldet. Ich wurde immer gefragt, ob ich einen Pflegegrad habe. Als ich das verneinte, habe ich nie wieder etwas gehört.

Meinen Ruhestand hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hatte immer gedacht, dass ich ihn gemeinsam mit meiner Frau verbringe, aber jetzt bin ich allein. Ich kann mich aber dennoch nicht beschweren. Wenn man im hohen Alter nur noch seine Partnerin oder seinen Partner hat, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis einer von beiden stirbt und der andere allein übrig bleibt. Es ist schmerzhaft, aber man muss es akzeptieren.

Meinen ersten Schlaganfall hatte ich 2007



Anne, 73,: Ich war 30 Jahre lang im Sozialamt als Sachbearbeiterin tätig, zuletzt in leitender Position. 2015 bin ich dann in Rente gegangen. Mein Jahrgang war einer der ersten, der mit 63 Jahren in Rente gehen durfte. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht in den Ruhestand gehen. Ich habe meine Arbeit sehr gerne gemacht und mein Chef hat mich angefleht zu bleiben, da wegen der damaligen Flüchtlingskrise dringend Personal benötigt wurde. Aber mein Mann hat mich überzeugt. Er sagte zu mir: „Bitte mach das doch. Wer weiß, wie viel Zeit wir noch gemeinsam haben.“ Und leider hatte er recht.

Meinen ersten Schlaganfall hatte ich 2007. Die Ärzte wussten damals nicht, was der Auslöser war. Zehn Jahre später, im Alter von 65 Jahren, habe ich wieder einen Schlaganfall bekommen, beim Schwimmen. Ich litt daraufhin unter einer Sprachstörung, war zehn Tage lang in einer Klinik. Das ist dann in eine fürchterliche Depression umgeschlagen. Ich konnte nicht schlafen, hatte Tobsuchtsanfälle, bin in der Wohnung herumgerannt und habe mit den Fäusten um mich geschlagen. Mein armer Mann hat damals viel mitgemacht. Er hat sehr mit mir gelitten.

Ich war mein Leben lang depressiv, wild und schwierig

Ich glaube, dass ich schon immer Depressionen hatte in regelmäßigen Abständen, aber nicht wusste, was das ist. Ich konnte es nicht deuten. Ich hatte auch immer wieder mit Essstörungen zu kämpfen, bis ich 42 Jahre alt war. Zuerst Magersucht, gefolgt von jahrelanger Bulimie, die schließlich in Binge Eating mit starkem Übergewicht umschlug. Ich war mein Leben lang depressiv, wild und schwierig und weiß mittlerweile auch, warum: Meine ledige Mutter hat mich, bis ich zur Schule kam, in einem katholischen, von Nonnen geführten Waisenhaus untergebracht. Sexueller Missbrauch, Schläge und Hunger waren dort an der Tagesordnung. Deshalb hat mich meine Mutter dort heraus genommen. Nach der Einschulung konnte ich dann in einen Hort gehen. Ich wollte immer nur weg, weit weg. Ich bin sehr früh von zu Hause abgehauen und in der Welt herumgezogen.

Nach meinem Schlaganfall 2017 habe ich versucht, in einer psychiatrischen Klinik unterzukommen, aber ich war zu alt und nicht chronisch krank. Sie wollten mich nicht. Eine teure Privatklinik hier in der Nähe hat mich jedoch sofort genommen. Ich habe dann ein Medikament bekommen. Seitdem geht es einigermaßen. Nur die Schlafstörungen habe ich immer noch. Ich kann höchstens eine Stunde am Stück durchschlafen. Der Fernseher ist nachts mein einziger Freund.

Ich würde gerne wieder ins Fitnessstudio, traue mich aber nicht

Mein Mann ist 2020 mit 76 Jahren gestorben, mitten in der Coronazeit. Ich habe trotz der damaligen Kontaktbeschränkungen darum gekämpft, ihn im Krankenhaus noch mal sehen zu dürfen, bevor er starb. Er hat zwar die Augen geöffnet, aber er hat mich nicht mehr erkannt. Das war fürchterlich.

Nachdem mein Mann gestorben war, bin ich selbst sehr krank geworden. Ich hatte Herzinfarkte. Mein Herz musste operiert worden, aber wegen Corona hat man das nicht gemacht. Erst 2021 fand eine große Operation am Herzen statt. Ich bin dann eine Zeit lang ins Fitnessstudio gegangen. Ich habe übertrieben und mich an der Hüfte verletzt. Beim Arzt hat sich dann herausgestellt, dass nicht meine Hüfte kaputt war, sondern meine Bandscheiben. Ins Fitnessstudio zu gehen, ist etwas, das ich gerne wieder machen würde, aber ich traue mich nicht. Ich bin so lustlos geworden in allen Bereichen. Ich habe keine Lust zu kochen, zu essen. Eine Haushaltshilfe habe ich nicht, brauche ich aber auch nicht. Meine Wohnung ist nur 56 Quadratmeter groß. Das schaffe ich allein. Ich bin eine große Leserin gewesen, aber mittlerweile habe ich sogar daran die Lust verloren. Mein Bücherregal ist voll mit Büchern, aber nach wenigen Seiten höre ich einfach auf zu lesen. Ich habe früher viel gestrickt, aber auch daran habe ich das Interesse verloren.

Über Depressionen im Alter sollte viel offener gesprochen werden

Soziale Kontakte habe ich wenig. Die Menschen, die mich kennen oder kannten, wissen, dass ich kein besonders unterhaltsamer Mensch bin. Partys waren noch nie mein Ding. Auf Hochzeiten oder Geburtstage zu gehen, fand ich schon immer blöd. Ich bin überwiegend allein. Hauptsächlich sind es ehemalige Kollegen, die sich manchmal bei mir melden und mit denen ich mich treffe.

Ich habe einen Sohn aus erster Ehe, der weit weg in Bayern lebt. Er hat eine eigene Familie, die haben kein Interesse an mir. Meinen Sohn habe ich das letzte Mal vor über einem Jahr gesehen. Ich nehme das so hin. Ich habe keine Lust, mir über Dinge Gedanken zu machen, an denen ich ohnehin nichts ändern kann.

Ich finde, über Depressionen im Alter sollte viel offener gesprochen werden. Lange Zeit wusste ich selbst nicht, was mit mir los war. Bei den meisten Menschen, die mir im Alltag begegnen, habe ich den Eindruck, dass sie Altsein mit Dummheit oder Demenz verbinden. Oft behandelt man mich mitleidig und von oben herab. Ich sage dann immer: Ich bin nur alt, nicht doof.