Die selbstständige Mobilität aufzugeben ist für viele Seniorinnen und Senioren am Steuer schwer vorstellbar – was sehr verständlich ist. Foto: Patrick Pleul/dpa

Ältere Autofahrer verunglücken oft schwerer als jüngere. Die Polizei im Landkreis Böblingen bietet Unfallpräventionsvorträge an – die kaum jemand hören will.

Ein Mann, Anfang 70, fährt mit seiner Limousine auf der Gegenfahrbahn links an einer Verkehrsinsel vorbei und knallt in einen ihm entgegenkommenden Rettungswagen. Der Senior wurde verletzt, wenn auch nicht schwer. Wenige Tage später eine ähnliche Situation – wieder fährt ein Senior, diesmal Ende 70, über die Kreuzung, ohne sich um den Verkehr zu kümmern. Er rauscht ungebremst in eine Lagerhalle. Der Mann stirbt noch am Unfallort.

 

Wahrscheinlich ist ein medizinischer Notfall die Unfallursache gewesen. Beide Fälle zeigen ganz grob die Bandbreite der Unfälle, an denen ältere Menschen häufiger als andere beteiligt sind.

„Wir wollen älteren Autofahrern keinesfalls die Flexibilität nehmen.“

Yvonne Schächtele, Polizeihauptkommissarin Ludwigsburg

„Es ist ja im Prinzip nie Absicht, wenn im Straßenverkehr zum Beispiel Vorfahrtsregeln missachtet werden. Aber man muss einfach klar sagen: Bei Frontalkollisionen außerhalb von Ortschaften sind Unfälle fast immer sehr dramatisch“,sagt Daniel Bassermann. Er ist beim Polizeipräsidium Ludwigsburg einer der Fachleute für schwere und tödliche Unfälle. Und auf Platz eins bei Unfällen mit Senioren (die Statistik beginnt ab 65 Jahren) liegt die Missachtung der Vorfahrt auf Platz 1, gefolgt von Abbiege- und Rückwärtsfahrfehlern. Auch im Kreis Böblingen ist das so.

Für manche Senioren bricht eine Welt zusammen

Was der Kriminaloberkommissar vor Ort erlebt, ist oft schlimm. Natürlich nicht nur bei älteren Verkehrsteilnehmern. Aber zum Unfall an sich kommt eben der Umstand des Alters hinzu: Oft können sie sich nicht mehr erinnern, was passiert ist, erzählen gänzlich andere Unfallhergänge als die anderen Beteiligten. Und: „Wenn jemandem dann bewusst wird, dass er oder sie Schuld hat und dann hört, dass man Beteiligter eines Strafverfahrens ist, dann bricht oft eine Welt zusammen“, erzählt Bassermann. Es gebe auch Senioren, die die Schuld grundsätzlich beim anderen Verkehrsteilnehmer suchen würden. Manchmal kämen auch Angehörige nach einem Unfall und fragten hilflos, ob man denn dem Opa oder der Oma nicht den Schlüssel wegnehmen könnte.

Das geht aber nicht. Nicht einmal bei einem Unfall sind Beschlagnahmungen oder Sicherstellungen zwingend. Derlei wird in einem gerichtlichen Verfahren entschieden.

Viel lieber wäre es der Polizei, wenn ein Bewusstsein der Älteren für die sinkenden Fähigkeiten im Straßenverkehr wachsen würde. Aus diesem Grund werden und wurden bundesweit immer wieder Aktionen aufgelegt, um ältere Autofahrer zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen. Auch im Kreis Böblingen gab es zwischen den Jahren 2022 und 2024 dieses Angebot. Es wurde aber eingestellt: Zu wenige Interessenten. Im Jahr 2023 waren es 174, im Jahr 2024 nur 121 Anträge. Und für diese geringe Beteiligung war dem Landkreis das Angebot zu teuer.

„Wir wollen älteren Autofahrerinnen und Autofahrern keinesfalls die Mobilität und Flexibilität nehmen. Im Gegenteil, wir wollen, dass sie sie möglichst lange behalten“, sagt Polizeihauptkommissarin und Sprecherin im Polizeipräsidium Ludwigsburg, Yvonne Schächtele.

Denn, dass es immer mehr Seniorinnen und Senioren am Steuer gibt, ist durch den demografischen Wandel klar. Die Unfallforschung der Versicherer bestätigt, dass bundesweit immer mehr Menschen über 75 einen Führerschein besitzen: In den vergangenen zehn Jahren nahm die Zahl der älteren Führerscheinbesitzer um 42,4 Prozent auf 5,9 Millionen zu.

Ein 84-jähriger Autofahrer ist (Sommer 2024) bei einem Unfall in Böblingen-Dagersheim mit seinem Wagen in ein Tankstellengebäude gefahren. Foto: dpa

Es gibt auch sehr fitte Senioren

Dabei ist auch klar: die Bandbreite der individuellen Leistungsfähigkeit nimmt ebenso zu. Es gilt klar: Das Alter allein ist kein Unfallrisiko. „Es wäre wichtig, das Verhalten im Verkehr dem anzupassen“, sagt Ralf Sträter genau zu dieser Bandbreite. Der Polizeihauptkommissar ist Referent in der Verkehrsunfallprävention beim Referat Prävention des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Er und sein Team kommen auf Einladung in Seniorenkreise, Vereine, Kommunen und geben Tipps oder klären auf.

Wie wichtig zum Beispiel der berühmte „Schulterblick“ ist oder dass man gut sehen und hören können sollte. Denn gesundheitliche Probleme wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall sind, wie eingangs erwähnt, der zweite häufige Grund für schwere Unfälle.

Aber: Es gibt kaum Nachfrage nach entsprechenden Fachvorträgen der Verkehrsunfallprävention. „Ich würde gerne Turnhallen füllen“, sagt Sträter. Ganz anders ist übrigens die Nachfrage nach Aufklärungsveranstaltungen zu Betrug wie dem Enkeltrick und ähnlichen Maschen. Da wird ihm die Bude sprichwörtlich eingerannt.

Polizist: Mit der Polizei will man nicht so viel zu tun haben

Der Experte vermutet: „Viele Senioren haben Angst, wenn sie mit dem Auto zu einem solchen Vortrage kommen, fahren sie mit dem Taxi heim, weil ihnen jemand den Führerschein wegnimmt.“ Zudem kennen viele Menschen, die heute über 70 und älter sind, die Polizei gerade im Straßenverkehr nur als Person, die auftaucht, wenn man was falsch gemacht habe. Eine Respektsperson, mit der man aber nicht so allzu viel zu tun haben wolle.

EU: Keine generellen Gesundheitschecks

Manchmal hören die Polizisten von Älteren auch, dass sie bei Unfällen wegen Lappalien nicht die Polizei informieren wollten. Das sei ein häufiger Grund für Unfallfluchten. Sein Appell: Niemand störe Polizei oder Feuerwehr, dafür seien die 110 oder die 112 da. Das gelte allerdings für Unfälle mit Beteiligten jeden Alters. „Bitte lassen Sie die Polizei entscheiden, was ein Unfall ist und was nicht“, sagt Ralf Sträter.

Die EU hat übrigens dem Gedanken, für ältere Führerscheininhaber generell eine Gesundheitsprüfung zu verlangen, im vergangenen Jahr eine Absage erteilt. Kommen soll aber das: Die Führerscheine sollen künftig eine Gültigkeit von 15 Jahren haben, eine Verlängerung ab dem Alter von 65 Jahren darf auch kürzer ausfallen. Wenn sie verlängert werden, können die EU-Staaten wieder selbst entscheiden, ob eine ärztliche Untersuchung oder eine Selbsteinschätzung nötig ist.

Im Alter sicher fit unterwegs

Kampagne
Die gemeinsame Kampagne der Landesverkehrswacht, der Polizei und des Apothekerverbandes Baden-Württemberg „Sicher fit unterwegs“ fördert die Erhaltung der Mobilität älterer Verkehrsteilnehmer. Das Veranstaltungsangebot unterstützt Seniorinnen und Senioren, ihre Bewegungsfreiheit möglichst lange zu erhalten und ihre Unfallbeteiligung zu verringern. Die weiteren Schwerpunkte der Kampagne bilden die Informationen zum Schutz vor Kriminalität und über die Auswirkungen von Medikamenteneinnahme auf das Fahrverhalten aufgrund typischer Alterserkrankungen.

Statistik
Aufgrund nachlassender körperlicher Widerstandskraft sind die Folgen von Verkehrsunfällen mit zunehmendem Alter gravierender. Seniorinnen und Senioren sind überproportional an folgenschweren Verkehrsunfällen beteiligt. Bei einem Bevölkerungsanteil der Altersgruppe 65+ von rund 20,6 Prozent und der 75+ von 10,6 Prozent in Baden-Württemberg waren sie im Jahr 2021 an 36,5 Prozent (2020 an 41,6 Prozent, 2019 an 34,1 Prozent) aller tödlichen Verkehrsunfälle beteiligt. (Quelle: Deutsche Verkehrswacht, Baden-Württemberg)