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Immer mehr Bosch-Rentner sind als Berater für den Konzern weltweit im Einsatz - egal, ob es um den Anlauf einer Fertigungslinie geht oder um die Qualitätssicherung in einem Werk.

Leonberg - Immer mehr Bosch-Rentner sind als Berater für den Konzern weltweit im Einsatz - egal, ob es um den Anlauf einer Fertigungslinie geht, die Qualitätssicherung in einem Werk oder beispielsweise um ein Problem in der Entwicklung.

Herbert Geigle müsste sich eigentlich nicht die Probleme von anderen aufladen, denn der Ruheständler hat genug zu tun. Ein Haus mit Garten, sechs Enkelkinder und Hobbys - doch immer wieder zieht es den 69-Jährigen von Metzingen in die Welt hinaus, wo er Boschler mit seinem Rat untersützt. Sein letzter Einsatz war vor wenigen Wochen in Frankreich, wo er beim Maschinenbauer Bosch Rexroth in Vénessieux Abläufe verbessert hat, damit nicht unnötig Materialbestände aufgebaut werden. Geigle genießt solche Arbeitseinsätze, weil man sich persönlich einbringen kann und gebraucht wird. "Mal aus dem Rentnerdasein rauskommen", nennt er es und lacht. Dass es nicht überhandnimmt, dafür sorgt seine Frau. "Sie ist ein gesundes Regulativ", sagt er augenzwinkernd.

Der Mann ist rüstig, flexibel und hat einen enormen Erfahrungsschatz, vor allem in Sachen Fertigung und Logistik. Der gelernte Werkzeugmacher, der noch ein Maschinenbaustudium draufgesetzt hat, kennt mehrere Bosch-Werke von innen, war unter anderem Fertigungsleiter in den USA und auch Leiter eines Bosch-Werks. Eineinhalb Jahre nach seiner Pensionierung kehrte er 2005 zu Bosch zurück - als Berater. Seither gehört er zu einer festen Gruppe von ehemaligen Führungs- und Fachkräften der Bosch-Tochter Bosch Management Support GmbH (BMS) mit Sitz in Leonberg. Ein Beraterpool, der vor zehn Jahren mit 30 ehemaligen Boschlern gestartet ist und heute rund 880 Senior-Experten zählt. Sie sind überall dort gefragt, wo es bei Engpässen und Problemen kurzfristigen, professionellen Bedarf gibt.

Im vergangenen Jahr absolvierten die Pensionäre im Alter von 60 bis 75 Jahren 580 Einsätze mit insgesamt mehr als 20.000 Beratertagen, davon die Hälfte außerhalb Deutschlands. Der BMS-Umsatz lag bei knapp 13 Millionen Euro, wie Thomas Heinz, einer von zwei BMS-Geschäftsführern sagt - im Übrigen auch Pensionär.

Geigles Einsatzliste klingt wie die Tour eines Weltreisenden. Sicher, da sind auch Einsätze in den Bosch-Werken Reutlingen, Waiblingen oder Eisenach dabei, doch sein Expertenrat war schon Miskolc in Ungarn gefragt, im tschechischen Budweis, im mexikanischen Juarez, in Hebron in den USA oder beispielsweise in Changzhou in China. "Atemberaubend und faszinierend", sagt Geigle, wenn er an den Besuch im Reich der Mitte im November 2008 denkt. "Ich hatte den Eindruck, dass man als Deutscher dort einen Bonus hat", sagt er. Man habe ihn sofort akzeptiert. Es ging um ein Zulieferproblem auf dem Gebiet der Schwerhydraulik. Bei einem Großprojekt für ein Schiffshebewerk hat er ein chinesisches Entwicklungsteam gecoacht - nicht theoretisch nach Lehrbuch, sondern zupackend, wie es Geigles Art ist - auch vor Ort beim Zulieferer.

Berührungsängste hat der Mann keine. Er ist offen und direkt. "Manchmal vielleicht zu direkt", schmunzelt er. Und seine Schwäche? "Dass ich vielleicht ein bisschen zu ungeduldig bin", meint er selbstkritisch. Wenn sein Rat gefragt ist, entscheidet er relativ schnell. "Doch die Aufgabe muss passen", sagt er. Weil jede Nation anders tickt, schätzt er vor solchen Einsätzen wie etwa in China auch das interkulturelle Training, ehe er mit Laptop und Koffer loszieht.

Von den Einsätzen der Senior-Experten profitieren alle. "Man unterliegt nicht den alltäglichen Zwängen und kann gezielt eine Aufgabe angehen", beschreibt es Geigle. Lange Einarbeitungszeiten der Ex-Boschler sind unnötig. Außerdem stehen sie nicht unter dem Druck, Karriere machen zu müssen oder um Jobs zu konkurrieren, und werden daher von jüngeren Kollegen auch nicht als Rivalen wahrgenommen. "Schlüsselqualifikationen und Erfahrung bei Bosch bleiben im Haus", sagt BMS-Geschäftsführer Heinz. Außerdem müsse man nicht erst erklären, wie Bosch funktioniere, weil die Ex-Boschler Strukturen und Prozesse kennen. Die Tageshonorare liegen unter denen externer Berater.

Auch an BMS geht die Krise nicht spurlos vorüber. Der Umsatz gehe proportional zurück, sagt der BMS-Geschäftsführer. Zum einen, weil das Geschäft bei Bosch zurückgegangen ist, zum anderen, weil die boschinternen Auftraggeber Budgets gekürzt hätten. Mittelfristig setzt man aber auf Wachstum: Neben dem Sitz in Leonberg hat BMS mittlerweile Niederlassungen in Lohr, Wetzlar, Großbritannien und in den USA und will noch internationaler werden. So kann man sich auch Standbeine etwa in Indien, Japan und Brasilien vorstellen.

Auch andere Firmen in Deutschland wollen auf firmeneigene Rentner als Experten setzen, weiß Heinz. Immer mal wieder erreichen ihn Anfragen, wie das Bosch-Modell funktioniert. Bis BMS 1999 an den Start gehen konnte, war es schließlich ein langer Weg - vor allem wegen des deutschen Sozialversicherungsrechts. Ein Jahr lang mussten Fragen zu Krankenversicherungspflicht, Hinzuverdienstgrenzen und Antragsfristen geklärt und andere Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden. Hausintern wurde BMS anfangs als Bosch Mumien Service tituliert. Das sagt keiner mehr - im Gegenteil: "Die Alterserfahrung wird geschätzt", sagt Geigle. Von manchen Einsätzen hat er sogar schon Dankesbriefe bekommen - das sind dann die schönsten Erfolgserlebnisse.

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