Von Freya Tasch (vorne l.) und Julia Maiier (vorne r.) bekommen die Schüler Deutschunterricht und interkulturelles Training. Foto: Friedmann

In einem dreiwöchigen Seminar im Stuttgarter Süden werden sechs Jugendliche aus aller Welt auf ihren einjährigen Aufenthalt in Deutschland vorbereitet.

S-Süd - Pünktlichkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit zählen wohl zu den häufigsten Tugenden, die uns Deutschen zugeschrieben werden. Und fragt man die Jugendlichen aus Brasilien, Mexiko, Südkorea, Thailand und den USA, die in den letzten drei Wochen am interkulturellen Seminar des Deutschen Youth For Understanding Komitees (YFU) im Alten Feuerwehrhaus Süd teilgenommen haben, sind diese Tugenden wohl tatsächlich typisch deutsch. Zumindest in Thailand, sagt der 15-jährige Chayodom, nehme man es mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Und auch die 15-jährige Amerikanerin Dylan findet es beeindruckend, wie pünktlich in Stuttgart die Bahnen fahren.

Ungewohntes Handgeben

Dylan und Chayodom sind zwei von sechs Schülern, die beim diesjährigen internationalen Jugendaustausch des YFU dabei sind und ein Jahr in Gastfamilien in ganz Deutschland verbringen. Bei ihrem Auftaktseminar im Alten Feuerwehrhaus in Stuttgart-Süd konnten sich die 15- bis 18-Jährigen auf ihren Aufenthalt einstimmen, mehr über die Kultur ihres Gastlandes erfahren und die Grundlagen der deutschen Sprache erlernen. Auf dem Stundenplan standen neben dem täglichen Deutschunterricht auch Geschichte und Politik. Außerdem lernten die Jugendlichen mehr über den deutschen Alltag, Themen wie Bahnfahren oder Mülltrennung und die hiesigen Umgangsformen. „Zum Beispiel ist es hier ja üblich, dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt und sich in die Augen schaut“, erklärt Freya Tasch vom YFU, die das interkulturelle Training mit den Schülern absolviert hat. „Das ist beispielsweise in asiatischen Ländern oft ganz anders.“

Der 17-jährige Alexandre aus Brasilien lernt seit knapp zwei Monaten Deutsch. Er will nicht nur ein Austauschjahr in Deutschland verbringen, sondern auch hier Jura studieren und auf lange Sicht in Deutschland bleiben. „Hier funktioniert einfach alles besser, das Gesundheitssystem, die Politik, die Wirtschaft und auch das Studium kostet nicht viel“, sagt er. „Hier kannst Du sogar dein Auto nachts irgendwo stehen lassen, in Brasilien geht sowas nicht.“

Begeistert von Fußgängerampeln

Auch Chayodom aus Thailand lernt schon seit ein paar Monaten deutsch. In Stuttgart, erzählt er, habe er „Müsli mit Milch“ entdeckt. „Das esse ich jetzt jeden Morgen“, sagt er. Ganz begeistert ist der 15-Jährige von den Fußgängerampeln in Deutschland. „Diese Knöpfe, auf die man drücken kann, damit die Ampel grün wird, kannte ich vorher nicht“, sagt er. „Die sind einfach genial!“ Die 16-jährige Argelia aus Mexiko ist vor allem von der hiesigen Architektur beeindruckt. „Diese alten Gebäude gibt es in Mexiko nicht“, sagt sie. „Es ist hier einfach ganz anders als bei uns.“

Auch kulinarisch haben die Jugendlichen in Deutschland Neuland betreten. Die 16-jährige Kaofang aus Thailand hat in Stuttgart ihre Liebe zu paniertem Schnitzel entdeckt, für Dylan aus den USA sind Kässpätzle das absolute Highlight. „Die sind wie Makkaroni mit Käse – aber viel besser“, schwärmt sie. Argelia aus Mexiko und Jimin aus Korea haben sich sogar schon selbst im Spätzlepressen versucht. „Aber leider hat es nicht so gut geschmeckt“, sagt Jimin lachend.

Jetzt sind die Schüler von Stuttgart aus zu ihren Gastfamilien in der ganzen Bundesrepublik weitergereist. Ein Jahr lang werden sie an ihren jeweiligen Wohnorten die Schule besuchen und Deutsch lernen – der eine in Neubrandenburg, der nächste in München oder in Schwäbisch Gmünd. „Ich hoffe, dass ich viel lernen werde und neue Freunde finde“, sagt Jimin. Alexandre aus Mexiko ist der einzige der sechs Jugendlichen, der sein Austauschjahr in Stuttgart verbringt, denn seine Gastfamilie lebt hier. Der schwäbische Dialekt sei schwierig zu verstehen, meint der 17-Jährige und lacht. „Meine Gastfamilie hat schon gesagt, ich soll bloß nicht ihren Dialekt annehmen, sondern lieber hochdeutsch lernen, sonst versteht man mich am Ende nur hier.“

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