Selbstversuch Nun fängt das plastikarme Leben an

Von Judith A. Sägesser 

In Europa produziert kein Land so viel Verpackungsmüll wie Deutschland. Zeit, dass sich was dreht. Unsere Autorin hat sich vorgenommen, ihren Plastikverbrauch drastisch zu reduzieren. Doch das ist gar nicht so leicht...

Stuttgart - Die fetten Jahre sind vorbei für meinen Gelben Sack. Das habe ich vor gut einem Monat beschlossen. Inspiriert von einem Vortrag in Waldenbuch über Plastikvermeidung hatte ich mir zunächst vorgenommen, drei Wochen Plastik zu fasten. Doch das ist Quatsch. Ich dürfte mich nicht mehr föhnen, müsste den Laptop loswerden und das Auto meiden; auch sonst funktioniert ein Leben ganz ohne nicht. Was funktionieren dürfte: weniger Plastik heim schleppen. Plastik, das eh nach ein paar Tagen im Gelben Sack landet. Während mich der Föhn seit Jahren begleitet, fliegt eine Käsepackung bald raus.

Plastikfasten ist für mich aber auch aus einem anderen Grund keine Option. Ich habe schnell gemerkt, dass ich meinen Konsum dauerhaft umstellen möchte. Kein Land in Europa produziert mehr Verpackungsmüll als Deutschland. Doch der Weg zu einem plastikärmeren Leben ist gar nicht so einfach. Ein kleiner Einblick.

Was mache ich schon richtig?

Die ersten Schritte habe ich bereits vor Längerem gemacht. Mein Standardgetränk kommt aus dem Trinkwassersprudler – in Glasflaschen; Milch und Joghurt kaufe ich im Pfandglas; beim Einkauf ist stets meine Jute-Tasche dabei; Kaffee gibt es unterwegs nicht in Einwegbechern und daheim nicht aus Kapseln; Gemüse und Tee kaufe ich offen, Nudeln im Karton (leider mit Plastiksichtfenster), Geschenkpapier ist ausrangiert. Trotzdem ist all das nur ein Anfang. Denn aus Bequemlichkeit kam der Schnittkäse bisher aus Plastikverpackungen, das Shampoo aus Plastikflaschen, und Taschentücher waren in Folie eingepackt.

Der lange Weg zum offenen Käse

Zwei Käseverpackungen in der Woche macht über 100 im Jahr. Zudem heißt es, dass Stoffe aus der Verpackung ins Lebensmittel übergehen. Weshalb ich Essensreste übrigens nicht mehr in Plastik im Kühlschrank aufbewahre, sondern in Glas- oder Keramikschüsseln. Und vor Backpapier mit Plastikbeschichtung ekele ich mich inzwischen geradezu. Das Blech mit Mehl bestäuben oder einölen klappt wunderbar.

Doch zurück zum Käse. Ihn offen zu finden, ist ein Projekt. Mit meiner Dose stand ich in so manchem Supermarkt an der Theke. Eine Verkäuferin hat mir erklärt, sie dürfe mir den Käse nicht ohne Käsepapier (beschichtet) geben. Sie habe das schon mal gemacht und einen Rüffel von oben kassiert. Zu groß die Gefahr, dass auf dem Heimweg etwas mit dem Käse passiere und der Supermarkt verantwortlich gemacht werde.

Lustigerweise hat sie meiner Tochter später ein Rädle Wurst angeboten. Das hätte sie einfach so über die Theke gereicht, es sei ja für den Verzehr im Laden gedacht, erklärte sie. Inzwischen habe ich jedenfalls einen Händler gefunden, der die Tablettlösung anbietet. Man stellt sein Gefäß auf ein Tablett auf der Theke, dieses wird dann auf die andere Seite gehoben, der Käse oder die Wurst werden eingefüllt, dann geht es wieder retour. Zu Hause lagere ich den Käse in ein Leinentuch verpackt in einem liegenden, offenen Weck-Glas im Kühlschrank. Parmesan sogar nur im Glas.

Finde das plastikfreie Soda

Soda ist die Zutat, über die Plastikvermeider rasch stolpern. Dass ich Soda brauche, war mir bald klar. Damit mische ich seit Kurzem mein Wasch- und Spülmittel selbst. Rezepte gibt es im Internet. Doch bisher ist es mir nicht gelungen, Soda – das früher in fast jedem Haushalt stand – in einer plastikfreien Verpackung aufzutreiben. Und ich habe es mir nicht leicht gemacht, sondern etliche Läden abgeklappert. Im Unverpacktladen habe ich offenes Soda gesehen, aber zu einem horrenden Preis. Ich habe mich nun in der Drogerie mit Soda aus Plastik eingedeckt, sollten sich meine Mischungen als alltagstauglich erweisen, werde ich eine größere Menge im Internet bestellen – in Papier.

Kompromiss beim Klopapier

Küchenpapier ist testweise ganz ausgemustert. Und für Taschentücher habe ich eine Alternative gefunden. Im Drogeriemarkt gibt es eine Taschentuchbox komplett aus Papier. Umgerechnet ist das etwas teurer, und in die Handtasche passt die Box auch nicht. Aber für den Hausgebrauch ist das eine gute Lösung.

Komplizierter wird es beim Klopapier. Meine umfangreiche Recherche ergab, dass es im Internet Klopapier aus Bambus in Kartons zu kaufen gibt, doch der Preis bremst den Elan. Es bleibt bis auf Weiteres beim Recycling-Papier in Plastik. Doch die Tüte reiße ich nur noch oben auf und verwende sie später für Müll.

Für ein Fazit ist es zu früh. Vieles muss sich bewähren. Fakt ist: Der Gelbe Sack ist geschrumpft. Hat sich einer bisher in zwei Wochen gefüllt, braucht es nun einen Monat. Bald folgt ein Projekt, vor dem mir bange ist: Haarseife statt Shampoo. Das Duschgel ist bereits gegen Seife getauscht.

Sehe Sie im Video, wie sich in Stuttgart beim Einkauf Plastikmüll vermeiden lässt:

Lesen Sie jetzt