So sieht ein Einkauf aus, der so gut wie keinen Müll verursacht. Weitere Eindrücke von unserem Einkaufsvergleich gibt es in unserer Bilderstrecke. Foto: Caroline Holowiecki

Der plastikfreie Einkauf ist in aller Munde. Vor Kurzem hat Stuttgarts zweiter Unverpackt-Laden in Stuttgart-Sillenbuch geöffnet. Wir haben ihn getestet – und das Einkaufsverhalten der Redaktion auf den Prüfstand gestellt...

Stuttgart - In Sillenbuch hat vor Kurzem der zweite Unverpackt-Laden in Stuttgart eröffnet. Doch bekommt man dort wirklich alles, was man braucht? Wir haben neun Klassiker auf den Einkaufszettel geschrieben, und eine Kollegin zum Selbsttest losgeschickt. Um zu vergleichen, haben fünf Kolleginnen denselben Zettel abgearbeitet. Gekauft haben wir Taschentücher, Duschgel, Zahncreme, Waschmittel, 500 Gramm Tomaten, 500 Gramm Obst, 500 Gramm Brot, 200 Gramm Hartkäse und einen Liter Milch. Worauf kommt es beim Einkaufen an? Wie groß ist hinterher der Müllberg? Und was ist vor allem mit dem Preis?

Das Versuchskaninchen

Im neuen Unverpackt-Laden Tante M. in Sillenbuch gibt es das meiste lose. Zahnputztabletten zum Zerkauen nimmt man einzeln aus einem Glas – 30 Stück kommen auf 1,25 Euro –, Duschgel und Waschmittel zapft man ab. Ein Kombi-Duschgel für Haut und Haar kostet 3,50 Euro pro 100 Gramm, 100 Gramm des Waschmittels 2,28 Euro. Klingt nicht so viel, bei einer zu drei Vierteln gefüllten Saftflasche machen das allerdings fürs Waschmittel stolze 16,32 Euro – schluck! Die Mitarbeiterin beschwichtigt: Vom Konzentrat brauche man nur sehr wenig. Sie errechnet, dass die Menge für 36 Wäschen reichen sollte. Bambus-Taschentücher gibt es im 360-Stück-Megapack für 7,90 Euro. Allerdings ist da Papier drum. Molkereiprodukte, Obst und Gemüse führt Tante M. nicht – oder: noch nicht. Man sei in Gesprächen und interessiert an Kooperationen. Bis dahin heißt es: Fußmarsch zum Edeka. Dort gibt es Obst und Gemüse vielfach unverpackt sowie Papiertüten und Mehrfach-Säckchen, zudem Regionales, etwa Äpfel für 2,99 Euro das Kilo. Milch steht im Kühlregal in der Pfandflasche, an der Frischetheke wird der Bio-Käse anstandslos geschnitten und in die mitgebrachte Box verpackt. Das kostet. 4,30 Euro werden für 216 Gramm fällig. Dafür ist im Markt eine Bäckerei. Das Bioland-Brot legt die Verkäuferin gern in den mitgebrachten Jutebeutel.

Bilanz von Caroline Holowiecki: zwei Anlaufstellen, geringer Aufwand, 39,28 Euro Gesamtpreis, Abfall: 1 Hülle aus Recyclingpapier.

Die Anspruchsvolle

Beim Einkaufen will ich eigentlich alles auf einmal haben: regional, bio und mit wenig Verpackung soll es sein, zuviel kosten darf es auch nicht. Das Einkaufen muss bei mir schnell auf dem Heimweg von Büro und Kita gehen, darum will ich nicht in zehn verschiedene Läden gehen müssen – meistens bleibt es bei Discounter, Drogeriemarkt, und einzelnen Läden wie Bäcker oder Metzger. An allen meinen Ansprüchen scheitere ich meist kläglich – in der Regel zu Lasten des Verpackungsmülls.

Nektarinen und Tomaten kaufe ich im Discounter lose und transportiere sie in eigenen Mehrwegnetzen. Normalerweise nehme ich eine bestimmte Sorte Parmesan, die in Papier eingeschlagen ist. Wenn es die nicht gibt, so wie an diesem Tag, greife ich wohl oder übel zum Parmesan im Plastik.

Die Taschentücher aus dem Drogeriemarkt sind aus recyceltem Papier und in Pappe verpackt, ebenso das Waschmittel. Bei Zahnpasta und Duschgel achte ich auf Marken, die ohne Mikroplastik auskommen. Das Duschgel hat eine Verpackung, die aus 97 Prozent recyceltem Altplastik besteht, die Zahnpastatube ist ebenfalls recycelbar. Zum Plastikmüll zählen beide trotzdem.

Bilanz von Rebecca Anna Fritzsche: drei Anlaufstellen, Aufwand mittel, 22,10 Euro Gesamtpreis, Abfall: 4 Verpackungen aus recyceltem und nicht recyceltem Plastik, und eben so viele aus Papier und Pappe.

Die Erzieherin

Vorrang hat für mich, dass ein Laden einige spezielle Produkte parat hält – etwa die Barista-Hafermilch für den morgendlichen Cappuccino oder ein bestimmtes Waschmittel. Deshalb bin ich festgelegt auf gut sortierte Supermärkte. Obst und Gemüse will ich frisch und regional, die kaufe ich auf dem Markt, Brot beim Bäcker, weil das handwerklich gut gemacht ist. Beim Einkauf bin ich stets in Begleitung von Big-Brother, der argwöhnisch über mein Müllvermeidungsverhalten wacht. Plastik macht mir ein schlechtes Gewissen, und das ertrage ich nur in kleinen Mehrwegflaschen.

In meinen Augen ist der Verbraucher aber nicht der allein Schuldige. Die Hauptrolle im Mülldrama spielen meines Erachtens immer noch die Hersteller. Das rückt in den aktuellen Debatten gerne mal aus dem Blick. Aus diesem Grund lasse ich meine Plastikverpackung oft im Laden zurück. Das ist eine Art „pädagogische Maßnahme“: Ich möchte, dass man sich dort damit plagt. Würden es alle Kunden so machen, wäre der Handel irgendwann genötigt, besser auf den Verpackungsaufwand seiner Ware zu achten. Den Druck der Kunden würden die Händler sehr rasch an die Hersteller weitergeben...

Bilanz von Kathrin Wesely: vier Anlaufstellen, geringer bis mittlerer Aufwand, 24,15 Euro Gesamtpreis, Abfall: 2 Kartons, 1 Tetrapack, 1 Plastikflasche, 1 Plastiktube, 2 beschichtete Papiere, 1 Papiertüte.

Die Vermeiderin

Spontankäufe sind bei mir eher Schnee von gestern. Ich weiß, was ich brauche, und ich weiß, wo ich es kriege – meistens jedenfalls. Seit einem Jahr vermeide ich Plastik. Und das ist gar nicht so leicht. Wie viele Dosen, Gläser und Stoffbeutel brauche ich heute? Alles will durchdacht sein, sonst kommt man nur mit der Hälfte heim.

Mit manchen Produkten bin ich immer noch nicht im Reinen. Käse zum Beispiel. Im Laden ums Eck gibt es ihn nur in Plastik, und in Supermärkten legen die Verkäufer meist ein beschichtetes Papier auf die Waage. Zuletzt habe ich ein Kilo unverpackten Käse auf dem Markt gekauft und in Bienenwachstücher eingepackt. Plus: Ich habe Vorrat und muss mich nicht kümmern. Minus: Es gibt immer denselben Käse aufs Brot. Oder die Zahnpasta. Bei uns steht allerlei rum, weil wir unschlüssig sind. Leben können wir mit den Tabs, aber es ist eine Umstellung. Ich habe neulich sogar Zahncreme selbst gemixt, aus Kokosöl, Natron und Eukalyptus. Ehrlicherweise habe ich sie bisher noch nie probiert...

Wenn ich einkaufe, habe ich vor allem vier Adressen: den Nachbarschaftsladen ums Eck, den Drogerie-Markt, den Markt – und ein Demeter-Obstgut, das uns alle 14 Tage eine Gemüsekiste in die Garage stellt.

Bilanz von Judith A. Sägesser: drei Anlaufstellen, geringer Aufwand, 28,12 Euro Gesamtpreis, Abfall: 1 Plastikverpackung (Käse) und ansonsten jede Menge Papier und Pappe.

Die Kompromissbereite

Jeden dritten Mittwoch bin ich aufs Neue erleichtert: Dann wird bei mir in Stuttgart-Süd der Gelbe Sack abgeholt. Und obwohl ich es mittlerweile geschafft habe, in den drei Wochen für mich alleine den Gelben Sack nur immer etwa bis zur Hälfte zu füllen, plagt mich jedes Mal das schlechte Gewissen, wenn ich wieder eine Verpackung hineinstopfen muss.

Denn obwohl ich viel über Plastikvermeidung lese und Menschen bewundere, die das leben, bin ich selbst noch nicht so weit. Das liegt vor allem daran, dass ich kein Auto besitze und alle Einkäufe in der Regel auf dem Heimweg vom Büro mit dem Fahrrad erledige, wo ich sowieso schon Gepäck dabei habe. Da zählt jedes Gramm – und Plastik ist nun einmal leichter als Glas. Außerdem bin ich beim Einkaufen zugegebenermaßen etwas faul und möchte nicht in fünf Läden gehen, sondern lieber nur in einen oder zwei.

Um mich trotzdem nicht als schlimme Umweltsünderin zu fühlen, nehme ich in jeden Laden meine wiederverwendbaren Beutel für Obst und Gemüse mit. Plastiktüten benutze ich nie, ich transportiere alles im Rucksack, Stoffbeutel oder lose im Fahrradkorb. Trotzdem weiß ich: Es gibt Verbesserungspotenzial. Ich arbeite dran.

Bilanz von Julia Bosch: zwei Anlaufstellen, sehr geringer Aufwand, 22,72 Euro Gesamtpreis, Abfall: 2 Plastikverpackungen, 2 Plastikflaschen, 1 Plastiktube, 1 Tetrapack sowie Papier.

Die Praktische

Wenn ein Paar zur Familie wird, ändert sich vieles. Wir haben uns auch deshalb einen Schrebergarten zugelegt, damit das Töchterchen sieht, dass Obst und Gemüse nicht in den Regalen von Supermärkten wachsen. Im Garten ernten wir – jeden Sommer aufs Neue – die Johannisbeeren kiloweise und das ganz ohne Plastik. Das bringt viel Spaß, aber auch viel Arbeit.

Seit die Tochter im Schülerhaus vom vielen Müll im Meer erfahren hat, bekomme ich beim Einkaufen zu hören: „Mama, das ist aber mit Plastik.“ Auch deshalb trage ich die Tomaten – weil unsere eigenen noch nicht ganz reif sind – mittlerweile im Mehrwegsäckchen zur Discounterkasse. In diesem Laden – das gebe ich zu – hole ich auch Dinge wie Taschentücher, Waschmittel und Hartkäse. Weil es dort eben alles gibt. Das ist praktisch, bedeutet aber auch reichlich Plastikmüll.

Brot und Milch kaufe ich im Biomarkt gegenüber, auch wenn das Kind diese Milch nicht mag, weil der Rahm in Klumpen darin schwimmt. Zu Hause stelle ich fest: Ich habe Zahnpasta und Duschgel vergessen. Beides hole ich abends auf dem Weg zum Yoga, ein Laden liegt auf dem Weg. Die Zahncreme ist zweifach verpackt: in Pappe und in einer Plastiktube.

Bilanz von Natalie Kanter: vier Anlaufstellen, geringer und großer Aufwand, 17,37 Euro Gesamtpreis, Abfall: 2 Plastikverpackungen, 2 Plastikflaschen, 1 Plastiktube, 1 Papiertüte (Brot), 1 Pappkarton.

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