Ein Fitnessarmband gehört zur Grundausstattung eines Selbstoptimierers. Foto: dpa/Michel Winde

Kolumnist KNITZ hat ein neues Lebensziel vor Augen. Die Chancen stehen gut, dass er 150 Jahre alt wird.

Neulich ist KNITZ am Wasen vorbeigeradelt. Es war früher Abend, der Himmel hatte bereits begonnen, Rouge aufzulegen. Die Fahrgeschäfte auf dem Frühlingsfest strahlten um die Wette. Irgendeine Art Riesenschaukel schwang sich mit ihren Passagieren in furchterregende Höhe. Aus den Bierzelten drang gedämpft Musik.

 

Aber was das Schönste war: KNITZ musste nicht rein ins Getümmel. Er durfte das Spektakel beim Vorbeifahren von der König-Karls-Brücke aus genießen – und weiterrollen in Richtung Stadtgarten.

Verstehen Sie KNITZ jetzt bitte nicht falsch, liebe Leserinnen und Leser, dies soll kein moralinsaurer Abgesang auf die berauschende Massenveranstaltung sein, die noch bis Sonntag ihren Lauf nimmt. Nur der dezente Hinweis, dass sich das Interesse im Laufe eines Lebens ändern kann. Die Mundart bringt es mit einem Satz auf den Punkt: Älles isch bloß a Weile schee.

Heute sind KNITZ andere Dinge wichtig. Im Moment spielt er mit dem Gedanken, sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen und sich als Selbstoptimierer zu versuchen. Die Idee kam ihm neulich bei einer TV-Dokumentation auf Pro Sieben, bei der es genau um das Thema ging.

Selbstoptimieren ist eine tolle Sache. Man ernährt sich exakt nach Plan, nimmt nur noch Dinge zu sich, die gesund für den Körper sind. Also keine Zigaretten, kein Alkohol, möglichst wenig Fleisch. Zigaretten sind für KNITZ kein Problem. Da müsste er erst mal mit dem Rauchen anfangen, um damit aufhören zu können.

Außerdem treibt man Sport und meditiert. Wenn man das alles streng nach Vorschrift macht, hat man gute Chancen, 150 Jahre alt zu werden. Das ist zumindest eine Idee, die dahintersteckt. Ob es wirklich hingehauen hat, weiß man allerdings erst, wenn man 150 brennende Geburtstagskerzen auf der Torte ausblasen muss.

Genügend Puste jedenfalls müsste man dazu noch haben. Mit 110 ist der Selbstoptimierer so gut in Schuss wie ein 25-Jähriger. Mit 130 erlebt er seinen 70. Frühling. Mindestens. Die Sache hat nur einen Haken: Man kommt zu nichts anderem mehr, ist von morgens bis abends mit Selbstoptimieren beschäftigt. Auch wenn der Selbstoptimierer vor Energie nur so strotzt, zum Schaffen fehlt ihm schlichtweg die Zeit.

Das mag sich im ersten Moment komisch anhören, ist aber DAS Modell für die Zukunft. Denn wenn KNITZ die Sache mit der Zukunft richtig verstanden hat, dann werden wir über kurz oder lang unsere Jobs von KI-getriebenen Robotern erledigen lassen. In dem Fall stellt sich die Frage, für was man uns noch braucht. Positiv ausgedrückt: Was wir den lieben langen Tag so treiben dürfen.

Immer nur lesen ist auf Dauer auch ermüdend, obwohl wir es dringend nötig hätten, lässt die Lesekompetenz doch selbst bei Akademikern nach, wie die „Zeit“ vergangene Woche in einem elendslangen Text schrieb. Podcasts zu hören schafft KNITZ nur beim Bügeln, aber das fällt ja flach. Bleibt also nur noch das Selbstoptimieren.

KNITZ hat sich vorgenommen, gleich morgen damit anzufangen. Allerspätestens übermorgen. Ob er dann noch Zeit hat, diese Kolumne zu bespielen? Womöglich ist die Zukunft schneller da, als man so denkt.