Kurze Wege: Wer Jakobs Häuschen am Fuß der Schwäbischen Alb betritt, steht schon im Wohnzimmer. Ein Schritt zur Seite: das Bad. Ein Schritt nach vorn: die Küche. Das Schlafzimmer ist oben. Foto: Christoph Püschner/Zeitenspiegel

Klemens Jakob lebt in einem Eigenheim mit 18 Quadratmeter Grundfläche. Seine wahre Größe sind die inneren Werte: Mit Strom und Wasser versorgt es sich selbst.

Rosenfeld - Urlaub, was ist das?“ Nicht kreuz und quer durch die Welt reisen zu können ist für Klemens Jakob keine Einschränkung, war es schon vor der Corona-Krise nicht. Der kleine Radius, den sein Leben hat, ist die Krönung seines sechs Jahrzehnte währenden Lebenskunstwerkes, so sieht er es. „Urlaub ist für Menschen, die irgendwelche Dinge tun, die ihnen keinen Spaß machen“, sagt Jakob, verschmitztes Lächeln, silbergraue Locken. Er zeigt den Wintergarten auf der Südseite seines Hauses. „Im Sommer ist da Afrika, 50 Grad. Im Osten drüben ist dann mehr Südfrankreich, Spanien. Und im Norden ist immer Schweden.“ Er hat sich seine Welt gemacht, wie sie ihm gefällt.

 

Klemens Jakobs Leben ist eines der kurzen Wege. Wer sein Häuschen betritt, im Garten hinter einem großen alten Bauernhaus im 660-Seelen-Dorf Isingen am Fuß der Schwäbischen Alb, steht schon im Wohnzimmer. Ein Schritt nach rechts: das Bad. Ein Schritt nach vorn: die Küche. Über eine Holztreppe gelangt man nach oben ins Schlafzimmer.

Jakob hat sich in Eigenregie ein Eigenheim gebaut, das dreifach außergewöhnlich ist. Zum einen ist es erstaunlich klein: Nur 18 Quadratmeter Grundfläche. So kompakt wie ein Tiny House auf Rädern – allerdings unbeweglich, auf sechs Punktfundamenten ruhend. Jakob gönnt sich nicht mal die Hälfte der durchschnittlichen Pro-Kopf-Wohnfläche in Deutschland. Die ist allein seit 1991 von 35 auf heute 47 Quadratmeter gestiegen.

Strom schickt der Himmel

Zweitens ist das Jakob’sche Häuschen so nachhaltig wie kaum ein anderes. Erbaut fast nur aus Holz, Kalk, Lehm. Die Fenster und Türen sind dreifach verglast, im Winter halten sie die Wärme drinnen und im Sommer draußen. Die Wände: mit Holzfaserplatten gedämmt, 20 Zentimeter dick.

Außerdem, drittens, ist das Minihaus autark: Es benötigt keinen Strom aus dem öffentlichen Netz – und auch kein Wasser. Beides schickt der Himmel. Einmal als Sonnenstrahlen. Einmal als Regen.

Das Haus wurde aus vorgefertigten, nummerierten Holzelementen zusammengesteckt. Ein bisschen wie ein Ikea-Schrank, nur größer. Und tatsächlich ist das Haus zugleich ein Schrank: Unter den Bodenplatten, die Jakob mit einem Saugnapf anheben kann, befinden sich Stauräume. Für Essensvorräte, Bücher, Stromspeicher. Sechs Blei-Gel-Batterien hat er unter der Bodenplatte am Eingang verbaut, für den Sonnenstrom der Fotovoltaikanlage auf dem Dach.

Ein Badeofen, der mit Holz befeuert wird, spendet Warmwasser. „Den mach ich einmal am Tag an, dann reicht das für 24 Stunden.“ In der Zwischenholzdecke der Schlafetage schlummert eine Klimaanlage – in Form von 300 Kilogramm „Phasenwechselmaterial“. Das, erklärt Jakob, schmelze bei 21 Grad. Sinke die Temperatur darunter, kristallisiere es wieder. „So wird das Haus eine Zeit lang um die 20 Grad gehalten.“

Das WC ist gar kein „Water Closet“

Espresso oder eine Tasse Wasser? Klemens Jakob kredenzt seinem Besucher eine Cuvée aus Regen-, Spül- und Duschwasser in weißem Porzellan. Klingt gewöhnungsbedürftig. Doch mit der Pflanzenkläranlage vor dem Küchenfenster und diversen Filtersystemen sorgt er dafür, dass das, was bei ihm aus dem Hahn sprudelt, Trinkwasserqualität hat. 2500 Liter fasst der unterirdische Wassertank. „Ein bis zwei Jahre ohne Regen halte ich locker durch“, sagt Jakob. Wirklich verbraucht wird nur Wasser, das er trinkt oder verkocht. Alles andere geht zurück in den Hauskreislauf. „Ich kann duschen, solange ich will. Daran musste ich mich erst gewöhnen.“ Eine Klospülung gibt es hier nicht, denn das WC ist eben kein „Water Closet“, sondern eine Trockentoilette. Was hier anfällt, landet über kurz oder lang als Dünger in dem Garten.

Jakob, der als junger Mann nach Nordafrika radelte, später beim Kunststudium von Josephs Beuys’ Werk dazu inspiriert wurde, das eigene Leben als soziales Kunstwerk zu sehen, hat für sich beschlossen: „Ich will nicht auf Kosten anderer leben.“

Ursprünglich hatte der gebürtige Franke „ein in Anführungszeichen normales Leben geführt“. Ein krisenfester Job bei der Deutschen Bundespost. Zweimal nahm er sich ein Vierteljahr unbezahlten Urlaub – „Weltbesichtigungszeit“, wie er sagt. Für seine Afrika-Radtour wollte er schließlich ein ganzes Jahr Urlaub nehmen. Weil er den nicht bekam, kündigte er.

Leben auf kleinem Fuß

„Als ich aus Afrika zurückgekommen bin, pfff . . .“, Jakob schnaubt, als würde er die Rückkehr noch einmal durchleben, . . . „war ein sogenanntes normales Leben sehr, sehr schwierig.“ Er lernte die Mutter seiner Kinder kennen, eine Kolumbianerin. Sie lebten eine Zeit lang in Kolumbien, es folgten verschiedene Stationen in Deutschland. „Wir haben immer in irgendwelchen Gemeinschaftszusammenhängen gelebt“, erzählt Jakob. „Biologische Landwirtschaft. Biologische Baumschule. Solche Geschichten.“ Der Bruder seiner Partnerin war Landwirt nicht weit von Isingen. Er fragte sie, ob sie sich vorstellen könnten, auf dem Hof mitzuarbeiten, vor bald 30 Jahren war das. Sie konnten. Jakob zog mit Frau und Kindern an den Rand der Schwäbischen Alb. Und blieb.

Heute hat er sein Leben so gestaltet, dass es Modell stehen kann für einen „weltgerechten Lebensstil“ gemäß der goldenen Regel: Verbrauche nur so viele Ressourcen, wie jedem einzelnen Menschen bei einer global gerechten Verteilung zustehen. „Der Lebensstil in Deutschland verschlingt das Fünffache von dem, was uns zusteht. Als mir das klar wurde, hab ich gesagt: Nee, will ich nicht.“

Solch ein Leben auf kleinem Fuß, sagt Jakob, habe nichts mit Verzicht zu tun. „In unserer Gesellschaft lautet die Gleichung: Zeit ist Geld. Aber Zeit ist Leben.“ Jakob zeigt auf den Hügel, wo die Eigentumshäuser des Neubaugebietes stehen: „Kein Haus unter 500 000 Euro. 30 Lebensjahre.“

Mini-Putzaufwand, Mini-Nebenkosten

Sein Häuschen schenkt ihm viel Lebenszeit, Tag für Tag. Mini-Putzaufwand. Mini-Nebenkosten. Eine Tonne Holzbriketts oder Buchenholz für den Badeofen reiche ein Jahr. Macht 250 Euro. Dazu komme das Methanol für den Campingkocher in der Küche, 30 Euro für zehn Liter. Einmal im Jahr ein neuer Schwebstofffilter und eine UV-Lampe für die Wasserreinigung. Zusammen vielleicht 120 Euro. Dann noch die Müllabfuhr.

„Mit 1000 Euro im Monat komme ich sehr gut aus“, sagt Jakob. Davon bekomme er etwa 250 Euro als Spende von Besuchern. An jedem ersten Samstag im Monat öffnet er sein Haus, führt bis zu 100 Interessierte in Kleingruppen herum. Er ist zudem als Händler für Trockentrenntoiletten gelistet. Ab und zu hilft er auf einer Lehmbaustelle mit oder installiert mit seinem Sohn Fotovoltaikanlagen. Das restliche Geld komme durch Vorträge und Workshops rein. Alles Minijobs. Der Hausbau selbst habe ihn zwar einiges an Zeit und, als Pionier, natürlich auch an Nerven gekostet, aber was das Geld angeht: „Viel mehr als 50 000 bis 60 000 Euro Materialkosten kamen nicht zusammen.“

Die Idee für sein Minihaus kam ihm 2015. Er arbeitete damals für die Fotovoltaikfirma seines Sohnes. Super Sache, dachte er zunächst: „Wir verdienen unser Geld. Die Kunden verdienen ihr Geld. Und gemeinsam retten wir die Welt.“ Doch oft erlebte er bei seinen Kunden, was Wirtschaftswissenschaftler den Rebound-Effekt nennen: Das durch die eingesparte Energie eingesparte Geld wurde reinvestiert – in Dinge, die gar nicht im Sinne des Klimaschutzes sind. „Dann ging das klack-klack-klack in den Köpfen: Dafür können wir ja einmal mehr in den Urlaub fliegen oder ein dickeres Auto kaufen.“

Tiny Houses sind im Trend

Jakob stieg aus dem Solarstromgeschäft aus. Im Frühjahr 2016 begann er mit dem Bau seines „Ownhomes“, wie er das Minihaus nennt. Im Herbst 2017 zog er ein.

Er könnte Kapital aus seiner Idee schlagen, Tiny Houses sind im Trend. Doch er möchte nicht das große Geld scheffeln. Damit würde er ja Teil jener kapitalistischen Wachstumslogik, die die Probleme erzeugt, zu deren Lösung er beitragen will. Kaufen kann man das „Ownhome“ also nicht. Aber gerne selbst bauen. Alles, was man dafür brauche, finde man im Internet bei „Sobawi“, was für Solidarische Bauwirtschaft steht. Jakob und ein paar Mitstreiter haben den Verein gegründet.

Drei „Ownhomes“ sind derzeit in Planung oder schon im Bau. Eines in Rottweil, zwei im Raum Berlin. Auch in Jakobs unmittelbarer Nachbarschaft sind weitere Minihäuser geplant. „Der Schuppen nebenan wird gerade abgebaut“, sagt er. „Dort werden dann zwei kleine Rundhäuser stehen, die ineinandergehen. Am Ende leben auf dem Grundstück so zehn, zwölf Menschen.“ Jakob braucht nicht mehr in die große weite Welt zu gehen. Er holt sie zu sich: Afrika, Südfrankreich, Schweden und all die Weltbewohner.