Andre Lindner ist Intensivpfleger. Bei der Arbeit infiziert er sich mit dem Coronavirus. Zehn Monate später leidet er noch immer unter zahlreichen Symptomen der Krankheit.
Karlsruhe - Der Tag, an dem es passiert, ist ein Donnerstag. Silvester 2020. Intensivstation im Karlsruher Klinikum. Andre Lindner hat Frühschicht. Er steckt in einem wasserundurchlässigen Ganzkörperanzug, trägt Handschuhe, Schutzbrille, eine FFP3-Maske und ein Visier vorm Gesicht. Einer seiner Patienten ringt mit dem Tod. Covid-19 hat den Mann fest im Griff. Andre Lindner ist zu diesem Zeitpunkt seit 19 Jahren Intensivpfleger. An diesem 31. Dezember 2020 steckt er sich mit dem Virus an.
„Beim Reanimieren kann man keinen Abstand halten“, sagt er zehn Monate später. Er sagt auch, dass er alle Hygienevorschriften beachtet habe. Dass da trotzdem im Inneren seines Visiers kleine Sprenkel gewesen seien nach der Schicht. Der 48-Jährige glaubt, dass es beim Beatmen passiert ist. Dass ihn ein Aerosolstoß von der Seite erwischt hat, als der Patient in Panik den Schlauch abriss.
Seit diesem Silvestertag gibt es in Andre Lindners Leben ein Davor und ein Danach. Bis heute kämpft er mit den Spätfolgen von Covid-19. Stichwort: Post-Covid-Syndrom. Besser bekannt als Long Covid.
Der Intensivpfleger ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Jeder soll wissen, dass auch ein milder Verlauf von Covid-19 das Leben auf den Kopf stellen kann. Sein Wunsch: „Die Leute sollen realistisch mit dem Virus umgehen. Abstand halten, die Hygieneverordnungen einhalten, sich konstruktiv mit der Impfung auseinandersetzen und sich möglicher Konsequenzen bewusst sein.“ Er sagt, dass er keine Panik verbreiten wolle, auch kein Mitleid erhaschen. „Aber es sollte jedem klar sein: Corona ist, auch für Geimpfte, noch nicht vorbei. Die Zahlen sind eindeutig.“
Er liebt seinen Beruf
Bevor Lindner an jenem kalten Silvestertag seinen Dienst antritt, ist er ein lebenslustiger, aktiver Bursche. Ein Optimist, der versucht, in jedem Menschen das Gute zu sehen. Mit Frau und Tochter bewohnt er ein Haus in Remchingen. Daheim rumsitzen, das macht er selten. Viel lieber ist er draußen unterwegs. Fährt mit dem Mountainbike durchs Gelände, während die Tochter mit dem Pony ausreitet. Geht stundenlang mit Hündin Lotte spazieren. Er liebt seinen Beruf, „auch wenn die Arbeitsumstände nicht schön sind und ich Kollegen verstehen kann, die deshalb aufgeben“. Er hat eine 100-Prozent-Stelle, engagiert sich zusätzlich im Betriebsrat. Er ist ein Schaffer, umtriebig. Er wird gern gebraucht. Und seine Energie reicht noch für weitaus mehr: Mit elf trat er dem DRK bei, seit 2016 ist Lindner bei den Johannitern, arbeitet ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz mit, auch in der Rettungshundestaffel. Geht irgendwo ein Kind verloren, durchkämmt er mit den Kollegen die Wälder. Er wird gerufen, wenn Menschen verschüttet werden oder eine Umweltkatastrophe ein Dorf lahmlegt. „Ich habe ein durchgeknalltes Helfersyndrom“, scherzt er. Lindner ist gerne mit anderen Menschen zusammen. Er mag Teamarbeit. Mit dem Tod kann er umgehen, das hat er gelernt. „Ich bin überzeugter Christ. Das hilft mir.“
Als Lindner sich mit Covid-19 infiziert, ist er bereits geimpft – allerdings hat er erst zwei Tage zuvor die erste Biontech-Dosis erhalten. Nach dem Silvesterdienst hat er Urlaub. Wie oft im Winter erwischt ihn eine Erkältung. „Nichts Schlimmes“, erinnert er sich. Husten, Schnupfen, Halsweh. Bevor er wieder arbeiten gehen kann, muss er einen PCR-Test machen. Eine Sicherheitsmaßnahme der Klinik. Er sitzt im Auto, als der Arzt ihn anruft und ihm sagt: „Du bist positiv.“
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„Scheiße!“, denkt er. „Damit habe ich jetzt überhaupt nicht gerechnet.“ Er muss in Quarantäne, zieht ins Dachgeschoss seines Hauses. Vier Wochen lang isoliert er sich von seiner Frau und Tochter. „Es war ein Auf und Ab der Gefühle“, sagt er. Natürlich weiß er, was Covid-19 anrichten kann. „Infizierte sind oft lange stabil, aber wenn es aus dem Ruder läuft, dann geht es schnell.“ Er hat viele leiden sehen auf Station. „Wer einen Coronapatienten sterben sieht, der weiß, was verrecken heißt.“ Kein Fall sei wie der andere. Mal versage die Lunge, mal das Gehirn, mal andere Organe. Blutgerinnsel seien oft die Ursache für Komplikationen. Lindner hat miterlebt, wie Patienten Arme und Beine amputiert werden mussten.
Während er im Dachgeschoss seinem Gedankenkarussell ausgeliefert ist, aktualisiert er seine Patientenverfügung. Bloß keine sinnlosen lebensverlängernden Maßnahmen!
Doch seine Infektion verläuft mild. Am 2. Februar 2021 zeigt der PCR-Test ein negatives Ergebnis. Lindner ist frei. Denkt er. Am liebsten würde er sich sofort wieder ins Leben stürzen, doch schnell merkt er: „Ich bin nicht fit. Irgendwas ist anders.“ Er hat keine Kondition mehr, kommt schnell aus der Puste. „Früher bin ich weit über 20 000 Schritte am Tag gegangen. Plötzlich war ich sofort k. o.“
Ihm fällt auf, dass er für alles viel länger braucht. Er lebt wie im Nebel, kann sich Dinge nicht mehr merken, vergisst die Namen seiner Haustiere. Ein Tinnitus plagt ihn. „Das ist nicht normal“, denkt er und misst per Pulsoximeter Sauerstoffsättigung, Herz- und Atemfrequenz. Alle Werte liegen weit außerhalb des Normbereichs. Lindner interpretiert das so: „Jede Zahl spricht für Intensivmedizin.“
Neun Wochen Reha
Einen Monat lang lässt er sich immer wieder tageweise in der Klinik untersuchen und geht schließlich neun Wochen in Reha. Er macht Physiotherapie, kognitives Training und verschiedene Tests. Auch in psychiatrischen und neuropsychiatrischen Gruppen findet er sich wieder. „Der Matsch im Kopf wurde besser, aber es war nicht wie vorher“, sagt er.
Mittlerweile hat er sich intensiv mit Long Covid beschäftigt. Experten schätzen, dass zehn bis 15 Prozent aller an Corona Erkrankten mit Langzeitfolgen kämpfen. Sie leiden an Erschöpfung, Atemnot, Konzentrations-, Schlaf- und Angststörungen, Kopfschmerzen und Schwindel. Manche Kliniken haben deshalb Long-Covid-Ambulanzen eingerichtet, immer mehr Therapeuten setzen sich damit auseinander. Warum es manche erwischt und andere nicht, ist noch nicht vollständig erforscht. Wissenschaftler glauben, dass noch Virusbestandteile im Körper verblieben sein könnten, die für Entzündungen sorgen. Manche Infizierte haben organische Schäden davongetragen. Zudem ist mittlerweile bekannt, dass sich bei einer Infektion die Blutzirkulation verändert. Dass die weißen Blutkörperchen, die vor allem für die Immunabwehr verantwortlich sind, auch Monate danach verändert sein können.
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Lindner ist seit zehneinhalb Monaten krankgeschrieben. Immer wieder kommen bei ihm neue Symptome dazu. Neurologische Missempfindungen. Schmerzende Muskeln und Gelenke. Augenprobleme. Ein eingeschränkter Geruchs- und Geschmackssinn. Nicht nur Kaffee und Desinfektionsmittel kann er lediglich aus der Erinnerung heraus riechen. Auch menschliche Gerüche nimmt er nicht mehr wahr. Seit Covid-19 schwitzt er stark. „Ich dusche bis zu viermal am Tag und kann trotzdem nie sicher sein, ob ich stinke. Das ist psychisch und sozial belastend.“
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Am meisten Sorgen macht ihm der Kopf. „Manchmal laufe ich los und vergesse, wohin ich gehen wollte.“ Anfang September hatte er einen Schlaganfall – ohne bleibende Schäden. Er tippt auf ein Blutgerinnsel als Ursache. Ein operativer Eingriff am Herzen wurde dadurch nötig. Vor wenigen Tagen kam eine Schilddrüsenentzündung dazu. „Die kann man immerhin gut behandeln.“
Ob die Beschwerden sicher alle von Covid-19 herrühren, weiß Lindner nicht, er weiß nur: „Vor der Infektion war ich fit.“ Er sagt, die behandelnden Ärzte sähen einen deutlichen Zusammenhang mit der Corona-Erkrankung. Dass sämtliche Symptome von der Tagesform und bekannten und unbekannten Faktoren abhängen, etwa vom Wetter oder vom Stressempfinden, ist besonders belastend für Lindner. Es gebe gute Minuten, Tage, sogar Wochen. Aber eben auch das Gegenteil. „Ich kann nichts planen. Ich weiß ja nicht, ob ich fit genug sein werde.“
Die Arbeit fehlt Lindner. Er würde lieber heute als morgen zurückkehren. Und das nicht nur, weil er nicht zum Passiv-Sein gemacht ist. Auch finanziell wird es eng. Lindner, eigentlich Hauptverdiener der Familie, muss mit 80 Prozent seines früheren Gehalts klarkommen. Urlaub und Restaurantbesuche, aber auch einige Reparaturen seien aktuell nicht drin. „Da meine Erkrankung als Arbeitsunfall anerkannt ist, sind wir in einer Phase, in der wir durch maximale Einschränkungen noch nahezu gut rumkommen.“
„Ich werde gebraucht“
Fünfmal die Woche ist er in Therapie. Ambulante Reha. Bewegungsbad. Reflektorische Atemtherapie. Physio. In den letzten Wochen hat er gemerkt, dass es vorangeht mit der Ausdauer. Ein Lichtblick. „Das Leben ist nicht zu Ende, aber eingeschränkt und weit weg von meinem früheren Alltag.“
Dass die Intensivstationen sich wieder mehr und mehr füllen, belastet ihn sehr. „Ich werde gebraucht! Und ich will mithelfen!“, sagt er. Die Passivität, das Zuschauen-Müssen, wie Betten aus Personalmangel leer bleiben müssen – es schmerzt ihn. „Die Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, die kurz vorm Kapitulieren und Resignieren sind, belasten mich zusätzlich. Ich vermisse sie, die Arbeit, das Team, die Patienten.“