Seit einem Jahr ist Melanie Hettmer Bürgermeisterin von Renningen. Im Interview zieht sie Bilanz, spricht über künftige Herausforderungen – und ein Kostüm für den Rathaussturm.
Das kleine Büro mit den weißen Wänden und Holzmöbeln verrät wenig darüber, wer hier eigentlich seine Arbeit verrichtet. Es ist praktisch eingerichtet, ohne Schnickschnack, ohne Ablenkungen. Ein wenig wie Melanie Hettmer selbst, die nun seit einem Jahr Bürgermeisterin von Renningen ist – die erste Frau in diesem Amt.
Frau Hettmer, auf dem Wegweiser im Eingang des Rathauses ist noch der Weg zum Büro des Bürgermeisters ausgeschildert. Ändern Sie das noch, oder bleibt das so?
Ich habe es natürlich am Anfang auch gesehen. Wenn man dann aber hier täglich rein- und rausgeht, nimmt man es gar nicht mehr war. Mein Motto für den Anfang war: Ich konzentriere mich zunächst auf die großen Baustellen und nicht auf die kleinen. Wir haben ja noch sieben Jahre Zeit, das Schild zu ändern.
Sie sind im vergangenen Jahr mit 93 Prozent der Stimmen gewählt worden. Haben Sie das Gefühl, Sie konnten diese Zustimmung halten?
Ich bekomme immer noch viel Zuspruch, definitiv. Ich glaube, weil ich oft und nah an den Bürgern dran bin, ein offenes Ohr habe und versuche, Lösungen zu finden. Aber wenn man im Amt ist, kann man nicht alle Wünsche umsetzen, sei es aufgrund rechtlicher Vorgaben oder bei kontroversen Themen. Nichtsdestotrotz spüre ich einen sehr guten Rückhalt.
Sie sind sehr viel in Renningen und Malmsheim unterwegs und haben an vielen Stellen selbst mit angepackt. Was war Ihr Highlight in den vergangenen zwölf Monaten?
Als ich das Bürgerrufauto gefahren bin. Das fand ich wichtig, weil viele Bürger gar nicht wissen, dass wir das haben. Für Bürger, die nicht mehr so mobil sind, ist das ein echter Gewinn. Ansonsten bin ich viel unterwegs, auch in Kindergärten zur Vorlesestunde oder beim Bilderbuchkino in der Mediathek.
Ein Highlight war die Begegnung mit Geflüchteten, zum Beispiel im Rahmen der Aktionswoche gegen Rassismus. Auch bei unserer Gedenkstunde für den Frieden hatten wir Gäste aus England in Renningen, da wurde die Geschichte eines Piloten aufgearbeitet, der während des Zweiten Weltkriegs hier abgestürzt ist. Diese persönlichen Geschichten bewegen mich.
Landrat Roland Bernhard hat zu Ihrer Amtseinführung Renningen als „Wohlfühlstadt“ bezeichnet. Wie interpretieren Sie diesen Begriff?
Renningen ist für mich die ideale Stadt. Wir haben kurze Wege, alle Schularten, eine gute Infrastruktur, ein Freibad, das wir uns leisten, eine innovative Mediathek und eine hervorragende Musikschule. Der Bauhof sorgt dafür, dass es sauber ist und man sich willkommen fühlt. Obwohl Renningen schnell gewachsen ist, haben wir noch nicht die 20 000 Einwohner erreicht. Wir sind also keine anonyme Stadt, man kennt sich. Das verbinde ich mit Wohlbefinden und Heimatgefühl.
Wird man die 20 000 Einwohner noch in Ihrer ersten Amtszeit schaffen? Dann wären Sie Oberbürgermeisterin.
Ich glaube nicht, und ich strebe das auch nicht an. Viele Bürger wollen nicht, dass wir zu schnell wachsen, wie etwa im Schnallenäcker. Wenn eine Stadt zu schnell wächst, müssen Schulen und Kitas nachgebaut werden. Ich möchte lieber das, was wir haben, gut bewahren.
Die Infrastruktur wird in den nächsten Jahren einiges kosten. In der Wirtschaft läuft es gerade nicht gut. Wird Ihnen bange, wenn Sie an die kommunalen Finanzen denken?
Definitiv. Renningen war die letzten Jahre immer schuldenfrei, aber wir werden wahrscheinlich in den kommenden Jahren nicht an Schulden vorbeikommen. Wir können keinen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Mir macht das schon Sorgen. Wir haben Pflichtaufgaben, leisten uns aber auch viele freiwillige Aufgaben wie das Freibad und die Mediathek. Wenn die Zahlen schlecht sind, geht es irgendwann ans Eingemachte, und das möchte ich nicht.
Um den Standard zu halten, muss ich schauen, wie wir zu Einnahmen kommen, ohne die Bürger zu belasten. Haushaltsplanung und interne Sparrunden werden eine zentrale Rolle spielen. Wir werden im Jahr 2026 in die Planungen für ein Gewerbegebiet im Süden an der B 295 gehen. Denn als Kommune benötigen wir stabile Gewerbesteuereinnahmen, um unsere Aufgaben erfüllen zu können.
Der Vorsitzende des Gemeindetages Baden-Württemberg hat zum 3. Oktober einen Brandbrief geschrieben, den Sie auch im Amtsblatt veröffentlicht haben. Ist der Hilferuf angekommen?
In der Politik ja, es gibt jetzt das Sondervermögen des Bundes. Auch bei uns im Rathaus ist angekommen, dass wir sparsam haushalten müssen. Ich habe meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informiert, dass wir zukünftig nicht mehr alles so umsetzen können wie bisher. In der Bürgerschaft ist es noch nicht überall angekommen, die Erwartungshaltung ist sehr hoch.
Wo werden Sie das Sondervermögen von über 10 Millionen Euro einsetzen?
Es wird definitiv in Bauprojekte fließen, aber ich kann noch nicht sagen, in welche. Es kommen Investitionen von mehreren Millionen Euro auf die Stadt zu über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Es geht nicht nur um Gebäudesanierungen, auch Straßen und Kanäle müssen erneuert werden. Wir müssen Prioritäten setzen. Der Umbau der Volksbank zum Rathaus läuft planerisch weiter, aber baulich müssen wir erst die laufenden Projekte wie Schulen und Kitas stemmen.
Sie haben sehr viele Projekte noch von Ihrem Vorgänger übernommen. Wo möchten Sie in den nächsten sieben Jahren Ihre persönlichen Schwerpunkte setzen?
Ich möchte für Jung und Alt da sein, gute Serviceleistungen und die Digitalisierung voranbringen sowie intern effizienter werden. Die Sozialstation und das Seniorenreferat werden gut aufgestellt. Kulturell möchte ich mehr machen und den Fokus auf Senioren und Familien legen. Ein weiterer Schwerpunkt muss auf der Wirtschaftsförderung liegen, um unsere Unternehmen zu halten und Einnahmen zu sichern.
Ein anderes großes Thema derzeit ist der geplante Windpark. Die Gegner des Vorhabens führen an, dass viel zu spät informiert wurde. Hätte die Stadt mehr machen müssen?
Als ich mich im Vorfeld der Bürgermeisterwahl damit befasste, habe ich festgestellt, dass die Stadt schon Anfang 2024 über soziale Medien und die Homepage informiert hat. Es war auf der Titelseite der Stadtnachrichten, es gab einen großen Bericht in Ihrer Zeitung, der in den sozialen Netzwerken kommentiert wurde.
Es gab Bürgerversammlungen in Renningen und Malmsheim. Der Vortrag der Bürgerversammlungen ist seit 2024 ebenfalls öffentlich auf der Homepage zu finden. Ich wurde auch im Wahlkampf von vielen Bürgern darauf angesprochen. Für mich waren die Informationen transparent und ausreichend. Zudem gibt es einen einstimmigen Beschluss des Gemeinderats, der öffentlich bekannt gegeben wurde.
Der Verband Region Stuttgart hat die Windvorranggebiete jetzt beschlossen. Sind Sie froh, dass das jetzt durch ist?
Ich bin froh, dass jetzt endlich Fakten auf dem Tisch liegen. Mir ist aber auch wichtig zu sagen, wir haben nur einen Nutzungsvertrag. Der Windpark wird erst gebaut, wenn alle Gutachten vorliegen und genügend Wind weht.
Was werden die drei großen Themen im nächsten Jahr sein?
Erstens die Wirtschaftsförderung, zweitens der Windpark und drittens die Verkehrsplanung, insbesondere Schulwege und Knotenpunkte. Und natürlich die interne Prozessoptimierung und Haushaltskonsolidierung.
Was machen Sie an Weihnachten und Silvester?
Das ist Zeit für die Familie. Ich habe oft 16-Stunden-Tage, da brauche ich die Ruhe.
Zum Abschluss kurz bitte ich Sie, drei Sätze kurz und knapp zu vervollständigen: Im Naturtheater möchte ich gern mal sehen . . .
. . . Robin Hood.
E-Scooter finde ich . . .
. . . in Ordnung. Unser Jugendgemeinderat hat aufgezeigt, dass sie für den Heimweg etwa nachts wichtig sind.
Zum Rathaussturm im Februar verkleide ich mich als . . .
Wahrscheinlich als alte Frau, weil ich in einem Jahr schon so gealtert bin (lacht).
Zur Person
Bürgermeisterin
Melanie Hettmer wurde am 13. Oktober 2024 mit 93 Prozent der abgegebenen Stimmen zur Bürgermeisterin von Renningen gewählt. Sie folgte auf Wolfgang Faißt und ist die erste Frau in diesem Amt, das sie am 1. Dezember 2024 angetreten hat.
Privat
Sie wurde 1977 in Calw geboren und ist auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen. Nach einem Dualen Studium mit Schwerpunkt eCommerce arbeitete sie bei einer Bank. 2001 wechselte Melanie Hettmer zur Stadt Sindelfingen, 2014 zur Stadt Ludwigsburg. Von 2021 bis zu ihrer Wahl 2024 war sie Bürgerreferentin im Kultusministerium.