Vor 125 Jahren fuhr erstmals ein Zug von Kirchheim nach Lenningen. Bis heute ist die Bahnstrecke eine Lebensader des Lenninger Tals. Und fast jeder Anwohner kann Anekdoten erzählen. Wie die Anrainer das Jubiläum feiern.
Das Foto ist ziemlich grobkörnig, konkrete Gesichter sind nur schwer zu erkennen. Aber da, das sieht man schon deutlich, schaut ein kleiner Junge im weißen Hemd und mit Hosenträgern aus einem Fenster heraus zur Kamera. Unter dem Fenster daneben ist ein großer Schriftzug angebracht. Owen/Teck steht dort – das Bahnhofsgebäude. Mehr als 70 Jahre muss die Aufnahme auf dem Buckel haben, denn der Bub auf dem Bild, das ist Ernst Horer, und der ist heute immerhin 78 Jahre alt. Von 1948 an war Horers Vater der Bahnhofsvorsteher im Örtchen. Er verkaufte Fahrkarten, regelte die durch Petroleumlampen erleuchteten Einfahrsignale, ermahnte Kinder, die noch in den anfahrenden Zug springen wollten. Für Ernst Horer sind das alles frühe, aber intensive Kindheitserinnerungen. „Meine Familie hat in dem Gebäude gewohnt“, sagt er.
Fast jeder in Owen kann Anekdoten zur Teckbahn erzählen
So wie Ernst Horer haben tatsächlich die meisten der 3500 Menschen, die im Städtchen Owen leben, irgendeinen Bezug zur Teckbahn, die von Kirchheim Richtung Lenningen fährt. Die einen mehr, die anderen weniger. Beispiel Verena Grötzinger (46): Der Uropa der Bürgermeisterin war ebenfalls Bahnhofsvorsteher, noch vor Ernst Horers Vater. Der Vater von Dirk Übbing (53) wiederum war Zugbegleiter. „Ich bin mein ganzes Leben auf der Teckbahn unterwegs gewesen“, erzählt er. Unlängst hat die Stadtverwaltung einen Abend veranstaltet, bei dem die Owener ihre Teckbahn-Erinnerungen austauschen konnten. Da seien viele Anekdoten zusammengekommen, allein schon deswegen, weil ein Großteil der Schulkinder und Pendler Richtung Stuttgart im Zug unterwegs ist. „Die Bahn ist sehr präsent durch ihr langes Pfeifen“, sagt Dirk Übbing.
König Wilhelm II. war bei der Einweihung dabei
Dass das Pfeifen durchs Lenninger Tal tönt, das wird in diesem Jahr gefeiert. Die Teckbahn hat Geburtstag, und den begehen die vier Anrainerkommunen gemeinsam. Vor 125 Jahren bahnte sie sich erstmals den Weg von Kirchheim und über Kirchheim-Süd nach Dettingen, Owen und Lenningen mit seinen Haltestellen Brucken, Unter- und Oberlenningen. Der neue Streckenabschnitt wurde am 28. September 1899 feierlich eingeweiht – in Anwesenheit König Wilhelms II. von Württemberg. Den Ausschlag für den Bau gaben damals vor allem die Industrialisierung im Lenninger Tal sowie der daran geknüpfte Rohstoff- und Warentransport. Passiert ist seinerzeit vieles auf Initiative des Oberlenninger Papierfabrikanten Carl Scheufelen.
Das alles und mehr wird in einer Sonderausstellung im Owener Geschichtshaus erzählt. Sie ist noch bis zum 6. Oktober an Samstagen und Sonntagen zu sehen. „Es geht nicht um die Aufarbeitung von Zahlen, Daten, Fakten, sondern um persönliche Geschichten“, sagt Verena Grötzinger. Zu sehen sind alte Fotos, Fahrkarten und -pläne, die Speisekarte der Eröffnungsfahrt vor 125 Jahren, Schilder und andere historische Dinge. Zusammengetragen haben das alles auch Ehrenamtliche, aus dem Förderkreis Alt-Owen etwa. Auch der passionierte Hobbyhistoriker Dirk Übbing, der sich in seiner Freizeit gern in Archive eingräbt, hat Material beigetragen. Die Bürgermeisterin spricht von einer Gemeinschaftsleistung der Owener. Im Mittelpunkt: ein detailgetreues Modell des 125 Jahre alten Bahnhofsgebäudes von Owen, das vor einigen Jahren als Bausatz auf den Markt kam.
Die offene Wartehalle in Owen hat heute Seltenheitswert
Heute dient das echte Bahnhofsgebäude unter anderem dem örtlichen Musikverein als Probenstätte, auch Wohnungen sind drin. Links ist immer noch die offene Wartehalle zu sehen, wie es sie laut Dirk Übbing nur noch zweimal in Württemberg gibt. Nach wie vor ist die Teckbahn, die jeden Tag daran vorbeifährt verkehrt, ein zentraler Teil des öffentlichen Nahverkehrs rund um die imposante Burg, die ihr den Namen gibt, und rückt die Schwäbische Alb näher ans Neckartal und die Region Stuttgart. Im Stundentakt geht es auf der Linie RB 64 hin und her.
Für den Schülerverkehr bleibt die Teckbahn wichtig
Der Güterverkehr spielt mittlerweile eine untergeordnete Rolle. In der Hauptsache geht es um die Personenbeförderung. Verena Grötzinger betont: „Für den Schülerverkehr ist es elementar.“ Und auch Dampfzüge fahren seit 25 Jahren nicht mehr durchs Lenninger Tal. Anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums soll diese Tradition aber zumindest an einem Tag wieder aufleben. Verena Grötzinger sagt: „Es gibt so viele Bahnbegeisterte, die darauf warten.“
So wird das Jubiläum der Teckbahn gefeiert
Jubiläum
„125 Jahre Teckbahn“ wird am 15. September mit einem interkommunalen Festtag begangen. In Kirchheim wird eine Hinweistafel auf dem Postplatz eingeweiht. In Dettingen sind ein Gottesdienst am Bahnhofsplatz, eine Bimmelbahn sowie eine Ausstellung mit Modellbahnschau angedacht. In Owen stehen ein Bahnhofsfest und freier Eintritt ins Geschichtshaus an, und in Lenningen gibt es eine Street-Food-Meile und Sonderführungen im Papiermuseum. Weitere Informationen auf den Internetseiten der Kommunen.
Dampfzug
Als Höhepunkt wird auf der Strecke ein historischer Dampfzug verkehren, bestehend aus einer Güterzugdampflok von 1942 sowie Waggons mit offenen Einstiegsbühnen. Verantwortlich für das Angebot ist die Gesellschaft zur Erhaltung von Schienenfahrzeugen Stuttgart. Informationen und Tickets auf www.ges-ev.de. Der normale Zugverkehr wird über Busse abgewickelt.