Gondelbahn auf der Winklmoss Alm in Reit im Winkl Foto: imago/imagebroker

Alpine Seilbahnbetreiber haben zur Skisaison Hunderte Millionen Euro investiert. Doch die Aufrüstung bringt eine Tourismuslawine in Gang.

München - In Davos können sie demnächst feiern: Vor 85 Jahren, an Heiligabend 1934, ging dort der erste Skilift der Alpen in Betrieb. 70 000 Brettl-Gäste hat er gleich in seiner ersten Saison auf den Berg befördert und damit eine Tourismuslawine ausgelöst, die seither mit einer von Jahr zu Jahr gigantischeren Wucht die Hänge herab rauscht, Segen verbreitend und zunehmend Fluch.

 

Immer mehr Seilbahnen, verbunden zu immer größeren Skiarenen, spannen sich wie Spinnennetze über die Berge; Grenzen des Wachstums werden jede Saison aufs Neue getestet, überschritten, ignoriert – und gefürchtet: Die Klimaerwärmung, die in den Alpen einen doppelt so hohen Temperaturanstieg provoziert wie im Flachland, lässt in der Branche geradezu Torschlusspanik aufkommen und einen höheren Konkurrenzdruck. Gleichzeitig stagniert die Zahl der Skifahrer seit 15 Jahren. Daher der Überbietungs- und Verdrängungswettbewerb der Skigebiete untereinander: Nur wer mehr Fun, mehr Spektakel bietet als der Nachbar, glaubt mit mehr Gästen und mehr Rendite rechnen zu können.

Der gute alte Sessellift hat ausgedient

Allein im österreichischen Bundesland Salzburg haben die Seilbahnbetreiber für die neue Saison 150 Millionen Euro investiert. In Kaprun bringt eine „3K K-onnection“ die Skifahrer direkt aus dem Ortszentrum aufs Kitzsteinhorn; die Dreiseil-Umlaufbahn wird als eine der spektakulärsten Neuerungen angepriesen. Überall fahren Bahnen schneller: In Saalbach-Hinterglemm rauscht man nun in fünf Minuten fast genauso schnell die 1600 Höhenmeter hinauf wie herab. Der gute alte Sessellift hat ausgedient. Selbst modernere werden zunehmend durch beheizte Kabinenbahnen ersetzt. Und wer vom Auto auch am Berg nicht lassen kann, dem stellt das Hochzillertal sogar eine Kabine aus einer 7er-Limousine von BMW zur Verfügung. Mit Ledersitzen und Multimediaausrüstung.

In Tirol, wo sich der alpine Skigigantismus am stärksten austobt (nach Frankreich), hat’s nicht viel gebracht. Die Saison 2018/19 endete mit einem Gästeminus von 2,3 Prozent, obwohl die Deutschen als europäische Hauptskifahrernation und als Hauptkunden Tirol treu geblieben waren. Die, die kamen, blieben nur halb so lange: Die Zahl der Übernachtungen sank um 4,3 Prozent.

Protest gegen die geplante Verbindung von Pitz- und Ötztal

In Tirol ballt sich auch der Widerstand gegen eine Erschließung der letzten unberührten Gebiete am stärksten: Gegen die geplante Verbindung von Pitz- und Ötztal, die in 3000 Meter Höhe mit enormem Bauaufwand das größte zusammenhängende Gletscherskigebiet Europas schaffen soll, gibt es bereits mehr als 150 000 Unterschriften. Und in der österreichischen Justiz hat – anders als in der Tourismus- und der Baulobby – wohl ein Umdenken eingesetzt. Denn bereits vor einem Jahr hat das Bundesverwaltungsgericht in Wien eine Erschließungsgenehmigung von 2015 widerrufen: St. Anton am Arlberg und das Paznauntal wollten sich per Skischaukel verbinden; die Route hätte durch das bislang intakte Malfontal geführt. Die Richter hielten die „schwerwiegenden Eingriffe in die Natur“ für nicht gerechtfertigt.

In Bayern wiederum haben starke Naturschutzproteste dazu geführt, dass die Landesregierung den nach österreichischem Vorbild geplanten Skizirkus am Riedberger Horn im Allgäu kassiert hat. Der 40 Jahre alte Schutzplan für die Alpen, den viele am Riedberger Horn schon angeknabbert sahen mit Auswirkungen auf andere Gebiete, wird erneut in Kraft gesetzt. Auch dieser Alpenplan übrigens war aus einer großen Protestbewegung entstanden. 1968 sollte – mitten im Naturschutzgebiet Königssee – der Watzmann per Seilbahn erschlossen werden. Der Deutsche Alpenverein führte die Kampagne dagegen an, trotz der vielen Ski-Narrischen in den eigenen Reihen. Und statt der Seilbahn gibt es heute den Nationalpark Berchtesgaden, der aber gerade wegen seiner „unberührten“ Natur heute dermaßen unter Besucheransturm leidet, dass Tourismuschef Peter Nagel schon ausdrücklich sagt: „Wir wollen weniger Gäste.“

Im Sommer werden ebenso viele Tickets verkauft wie im Winter

Die deutschen Seilbahnen denken auch gar nicht mehr an große Erschließungen. „Keine neuen Trassen, meist Ersatzbauten, Energieeffizienz, Barrierefreiheit“, lautet das Motto. Sie versuchen zwar, mit immer mehr künstlicher Beschneiung die Folgen der Klimaerwärmung hinauszuschieben. Dank Kunstschnee, sagt Verbands-Vizechef Peter Lorenz, könne man heute sogar „mehr Skitage bieten als vor 30 Jahren“. Trotzdem setzt man auf Ganzjahresbetrieb. Im Sommer werden ebenso viele Tickets verkauft wie im Winter. Selbst von denen, die im Winter auf die Zugspitze gondeln, sind 70 Prozent keine Skifahrer. Alle „Ersatzbauten“ dienen der Kapazitätserweiterung. Die neue Jennerbahn bei Berchtesgaden transportiert dreimal so viele Gäste wie die bisherige.

Der Verband Deutscher Seilbahnen sieht sich als „modernes Dienstleistungsunternehmen rund um das Erlebnis Berg“. Es werden spektakuläre Panoramastege oder Hängebrücken über das Nichts gebaut; ein „Flying Fox“ oder ein „Alpine Coaster“ gehört schon fast zum nervenkitzelnden Standard; auf dem Grünten im Allgäu soll ein Freizeitpark entstehen – und die Speicherteiche für die künstliche Beschneiung werden mit viel Photoshop-Einsatz sogar schon als „die“ moderne Bergsee-Idylle propagiert.

Die Richtung scheint zu stimmen – jedenfalls betriebswirtschaftlich. Die deutsche Seilbahnbranche, so sagt es ihr Verbandschef Matthias Stauch, „befindet sich nicht im Stimmungstief. Im Gegenteil.“ Gerade die neue Zugspitzbahn fahre Ergebnisse ein, „die wir uns in unseren kühnsten Erwartungen nicht erträumt haben“.