Eine Seilbahn könnte den öffentlichen Nahverkehr ergänzen. Foto:  

Eine Seilbahn auf der Filderebene würde weder tiefe Schluchten noch große Höhen überwinden müssen. Für Menschen mit Höhenangst würde die Gondelei trotzdem nicht zum Genuss, sondern zum Horrortrip.

Filder - Wie schön wäre es doch, wenn man in einer Seilbahngondel über die Staus in der Region hinwegschweben könnte. Nur fliegen wäre dann noch schöner! Klar ist, dass eine Seilbahn nur eine Ergänzung im öffentlichen Nahverkehr wäre, der Ausbau des Schienennetzes ist ebenso zwingend. Wahrscheinlich eignet sich die Fahrt in der Seilbahngondel nicht für jedermann. Menschen mit Höhenangst können dem, was anderen Genuss bereitet, nichts abgewinnen. Deshalb verfolgt unsere Leserin Cordula Schweikardt aus dem Leinfelden-Echterdinger Stadtteil Stetten die Seilbahndiskussion auf den Fildern mit gemischten Gefühlen. Denn sie bekommt Angst, wenn sie mit Höhen konfrontiert wird, und auch ihr Körper reagiert.

„Ich bekomme eine feuchte Stirn, habe Beklemmungen, mir wird übel und, wenn ich Pech habe, dann bekomme ich Durchfall. Übergeben muss ich mich aber nicht.“ Mit dieser Leidensgeschichte ist Cordula Schweikardt nicht alleine. Viele Menschen leiden unter Höhenangst. Diese gehört zu den sogenannten Angststörungen und wird, wie schon der Name sagt, durch Höhe ausgelöst.

Beklemmungen auf Brücken in Außenaufzügen und auf Türmen

Wie viele Menschen in Baden-Württemberg unter Höhenangst leiden, ist der Landesärztekammer nicht bekannt. „Diese Daten sind bei uns nicht erfasst“, sagt eine Sprecherin. Sie verweist auf die Krankenkassen. Eine Anfrage beim Marktführer im Bundesland, der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), ist mehr zu erfahren, aber es gibt auch keine belastbaren Zahlen. „Die als Akrophobie bezeichnete Höhenangst hat bei der Weltgesundheitsorganisation keinen eigenen Diagnose-Code, deshalb ist sie bei uns als eigenes Krankheitsbild nicht erfasst. Sie fällt unter die Angststörungen, zu denen auch Flugangst, Klaustrophobie, Angst vor bestimmten Tieren und anderes fällt“, sagt Sebastian Bader, Pressesprecher der AOK Baden-Württemberg. Erfasst sind die Angststörungen als Gesamtkomplex, woran im Jahr 2017 fast 14 000 der Kunden der AOK Baden-Württemberg litten. Behandeln lässt sich Höhenangst mit Psychotherapie, Arznei, Entspannungstechniken oder durch Konfrontation – etwa beim Training in Hochseilgärten.

„Höhenangst hatte ich schon als junge Frau, nach meiner Schwangerschaft. Ich bin sehr früh Mutter geworden, sagt die 58-Jährige. Auch auf Brücken habe sie Angst: „Das ungute Gefühl ereilte mich zum Beispiel in Frankfurt oder in Budapest. Besonders schlimm ist es, wenn der Untergrund schwankt.“ Auf den Aussichtsturm auf dem Killesberg etwa würde sie sich gar nicht wagen. „Auch mit Aufzügen außerhalb von Gebäuden tue ich mich schwer“, ergänzt sie. Offenbar ist es beim Fliegen anders: „Ich bin einmal mit meinem Mann geflogen, das hat mir nichts ausgemacht“, sagt sie. Allerdings sei der Flug eine einmalige Angelegenheit gewesen, der langen Beine ihres Gatten wegen, für die im Flieger zu wenig Platz ist: „Wir sind deshalb eigentlich immer mit dem Auto unterwegs.“

Trotz Angst wäre eine Seilbahn auf der Filderebene eine Probefahrt wert

Auf Menschen mit Höhenangst wirken Gebirge beeindruckend, sie sind aber keine Traumziele. Cordula Schweikardt geht es da nicht anders, vor allem dann, wenn es t um Fahrten mit Bergseilbahnen geht. „Das funktioniert bei mir zu 95 Prozent nicht“, sagt sie. Allerdings sei ihre Höhenangst nicht immer eine Bremse. „An manchen Tagen geht es, wenn die Kabine groß genug ist und ich nur geradeaus schaue.“ Keine Probleme hat die gelernte Bürokauffrau, die sich vor einigen Jahren im Reinigungsbereich selbstständig gemacht hat, seltsamerweise in der Wuppertaler Schwebebahn. „Damit zu fahren, macht mir nichts aus, warum weiß ich nicht genau“, sagt sie. Eine Erklärung für das Phänomen findet sie dann doch: „In Wuppertal geht es nicht den Berg hinauf. Die Schwebebahn überbrückt keinen Höhenunterschied.“

Damit kämen für Cordula Schweikardt viele Linienabschnitte der Seilbahn im bolivianischen La Paz, die Karin Merkle, eine Leserin unserer Zeitung aus Vaihingen, bei ihrem Südamerika-Aufenthalt sehr genossen hatte, nicht infrage, denn dort geht es auf vielen Streckenabschnitten steil bergauf und bergab. Sollte eine Seilbahn über dem flachen Gelände der Stuttgarter Filderbezirke verkehren, etwa vom Synergiepark zum Flughafen, dann könnte es sein wie in Wuppertal und Cordula Schweikardt wäre versucht, die Probe aufs Exempel zu machen. „Ich würde eine Fahrt versuchen, aber das hängt bei mir von der Tagesform ab“, sagt sie.

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