Packende Wettfahrten, tollkühne Piloten und ein Unfall, der das Publikum in Atem hält. Das war das 18. Goldberg-Seifenkistenrennen in Sindelfingen.
Der Goldberg rief und 2000 Besucher kamen. Jetzt säumen sie die Goldmühlestraße zum größten Seifenkistenrennen in Württemberg, dem Goldberg-Cup.
„Wuuuuuschh!“ Beim Testfahren hat ein Junge am Ziel nicht stark genug gebremst, hat einen roten Plastiksack gerammt und auf einen Autoreifenstapel geschoben. Der Vater eilt herbei. Der Junge hebt den Daumen: „Nichts passiert“ und hängt sich an den Elektroroller, der ihn mitsamt seiner Seifenkiste wieder zum Start führt.
Am oberen Ende der Piste mit den zwei leichten Linkskurven, wo die Seifenkisten bis zu 50 Stundenkilometern beschleunigen, stehen die Fantasieflitzer der Fun-Klasse, die Rennwagen der Amateursportler und diese merkwürdigen Männer mit Kniesocken aus Ziegenhaar und Gummigaloschen. „Wir sind Lazen“, sagt Hamit Orsoglu. Die Lazen sind eine ethnische Minderheit in der Türkei am Schwarzen Meer und leben in einer bergigen Gegend.
Sie sind stolz darauf, ihre Seifenkisten ganz aus Holz ohne einen einzigen Nagel zu bauen. Die Räder sind mit Seilen umwickelt, das Chassis aus gebogenen Haselnuss-Stecken geflochten. „Bei uns hatten die Kinder nichts, womit sie sonst spielen konnten“, sagt Murat Kumumcu, der aussichtsreichste Kandidat für den Sieg in der Formulaz Türkiye. Also bauten sie sich aus Holzresten Seifenkisten und spielten damit. Jetzt ist das Seifenkistenrennen unter den Lazen mittlerweile Volkssport geworden.
Es geht Richtung Hightech
Vielleicht war das so etwas wie eine Kindheit in den 60er Jahren in Deutschland, wo der Vater vier Kugellager aus der Fabrik mitbrachte, und man mit Dachlatten und einem selbst geklauten Schalbrett den Berg hinunterfuhr, unter ohrenbetäubendem Getöse von Metall auf Asphalt.
Währen die Deutschen ihre Seifenkisten in den letzten Jahrzehnten Richtung Hightech überführten, überbieten sich die Lazen mit immer kühneren Holzkonstruktionen. Kumumcu hat sich einen windschnittigen Lazborghini gesägt, der sogar einen Öltank aus Holz hat. Schmiert er die Räder mit Sägemehl? „Nein, der ist Zierde.“
Das Know-how unter Beweis stellen
Es ist so ganz anders als der Flitzer der Thüringer Firma Hirschvogel, die mit sechs Auszubildenden und zwei Ausbildern ihr Know-how als Autozulieferer unter Beweis stellen wollen. Drei Tage ist die Ausbildungswerkstatt da, um Teambuilding zu betreiben und in Sindelfingen zu lernen, wie man ein Produkt gemeinsam verbessert. Der Fahrer Niklaus Haupt liegt im Gefährt wie in einer Patrone. „Wichtig beim Fahren ist räumliches Denken“, sagt er, denn man hat ein nur wenige Zentimeter großes Gesichtsfeld zwischen der Oberkante des Chassis und dem Helmvisier.
Nach der Fun-Klasse starten das VIP-Rennen. Mit ernsten Mienen haben sich zwei Männer eingefunden, bereit zum Zweikampf. Es ist Christian Gangl, der Erste Bürgermeister Sindelfingens, der sein fahrerisches Können mit Frank Hofmeister misst, Chef des gleichnamigen Sindelfinger Möbelhauses und Sponsor.
Wie waren die Trainingsläufe? „Leider viel zu wenig“, gesteht Gangl.
„Die Saisonvorbereitung war perfekt“, erwidert Hofmeister mit einem triumphierenden Blick auf Gangl. Technische Schwierigkeiten? „Der Wagen ist in dieser Saison etwas zu langsam“, gesteht Hofmeister.
Sie gehen an den Start. Der Starter legt den Hebel um und löst die Blockade auf der Starterrampe. Die Kisten rollen lautlos an, gewinnen an Geschwindigkeit, werden noch schneller, die Strecke verschwimmt in einem Brei aus eiserner Konzentration, Adrenalin, Speed und den Rufen des Publikums.
„Ich will für einen Moment allein sein“
Gangl ist am Ziel, kurz nach ihm rollt Hofmeister ein. Doch er bremst zu heftig, das Fahrzeug bockt auf, Schreie ertönen, die Kiste schlittert auf die Seite, Hofmeister wird aus dem Fahrzeug geschleudert, das Publikum hält den Atem an. Jemand eilt zu ihm, hilft ihm hoch. Auf Hose und Jacke sind breite Abriebstreifen zu sehen. Sofort ist auch Christian Gangl bei ihm. Eben haben sie sich noch bis aufs Messer bekämpft, jetzt sind sie zwei Kameraden im Seifenkistensport – Brüder auf Leben und Tod. Noch nie hat man so große sportliche Gesten gesehen, wie an diesem 18. Goldberg Cup. Helfer des Roten Kreuzes eilen auf Hofmeister zu. Der winkt ab. „Ich will für einen Moment allein sein“, sagt er.
Doch das Rennen geht weiter, muss weiter gehen. Die Formulaz Türkiye macht sich jetzt startklar, die Sportlerfrauen tragen bunten Kopfschmuck mit Metallplättchen und formieren sich im Halbkreis, Lachen und Schlachtrufe ertönen. Erstaunlich, welch großen emotionalen Zusammenhalt die Lazen besitzen. Sie haben ihre eigene Kultur und auch ihre eigene Sprache, das Lazische, das eng mit dem Mingrellischen verwandt ist, wie sicherlich jedermann weiß, der in der Schule aufgepasst hat.
Inzwischen haben Gangl und Hofmeister den Schock aus den Gliedern geschüttelt. Auch im nächsten Jahr wollen sie ihre Kräfte in diesem ewigen Duell wieder messen.
Immer den Hang hinab
Seifenkisten
Der Seifenkisten-Sport stammt aus den USA. Kinder hatten sich dort mit Verpackungskisten von Seife und Käse die ersten Fahrzeuge selbst gebastelt.
Goldberg-Cup
Das Rennen in Sindelfingen ist eine der Hauptattraktionen des Stadtteils Goldberg und wird hauptsächlich vom Goldberger Bürgerverein organisiert. Es dient dazu, den Zusammenhalt im Stadtteil zu stärken und den vielfach zugezogenen Goldbergern ein Heimatgefühl zu vermitteln.