Alle reden von Liebe. Aber gibt es sie überhaupt noch? Und wenn ja: Passt sie zu modernen Lebensformen?
Esslingen - Gibt es die glückliche Liebe? Vielleicht. Aber wenn es sie gibt, ist sie schweigsam, wortlos, gar stumm. Was kann sie uns anderen sagen, die wir sie nicht empfinden? Was können wir, die wir sie empfinden, den anderen sagen? Die reine, wahre Liebe hat keinen Mitteilungswert, keinen Informationsgehalt außer sich selbst. Sie erzählt keine Geschichte, auch wenn mit ihr viele Geschichten erzählt werden. Sie ist nicht nur langmütig, wie es beim Apostel Paulus heißt, sondern langweilig – außer für das liebende Paar selbst. Aber sofern man weder Teil dessen ist noch eigene – eifersüchtige – Eisen im Feuer hat: Was gibt es Langweiligeres als ein Paar im Akutzustand seligster Liebe? Ist das Bekenntnis einmal gefallen, gibt es nichts mehr zu sagen, zu hören und auch nicht zu sehen (es geht um Liebe, nicht um Sexualität: Voyeurismus ist ein anderes Thema).
Antisinnlich, asketisch, antisozial
Unbedingte Liebe – eine andere existiert nicht – ist ihrem Wesen nach antisinnlich, asketisch, antisozial und exklusiv. Und was ist mit jener anderen Liebe, der inklusiven, die sich nicht egoistisch auf ein einzelnes Objekt richtet? Die große paulinische Menschheitsliebe, vom Apostel noch über Glaube und Hoffnung gestellt? Es steht kaum anders mit ihr, denn um tatsächlich Gott und der Welt des Menschheitskollektivs strikte Treue wahren zu können, bedarf sie ebenfalls der antisinnlichen, asketischen und sogar antisozialen und exklusiven – kurz: zölibatären – Züge. Je näher man sie zu betrachten sucht, desto mehr zieht sich die Liebe in eine Abstraktion zurück – „abgezogen“ und losgelöst von allem, was sie bedingen, begleiten, begünstigen, also zum Glied einer Kausalkette machen könnte. Eine zu Ursache und Wirkung verdinglichte Liebe verwandelte ihren eigenen Namen in Lüge. Und nur eine naive Illusion meint, das Leben der Gefühle schließe begriffliche Präzision aus. Das Gegenteil ist der Fall: Gefühle fordern Präzision bis zur fanatischen Pedanterie. Die Rede von der Liebe muss sie in der Einsamkeit der Wortfelder aufsuchen, wo die Grenzlinien scharf gezogen sind.
Sympathie, Respekt, Sex haben mit Liebe nichts zu tun
Wertschätzung, Sympathie, Respekt oder sexuelle Attraktivität haben nichts mit Liebe zu tun. Bestenfalls gehen sie mit ihr einher, ohne dass diese in irgendeiner Weise aus ihnen folgen muss. Kein Parship-Perfektionismus kann aus dem ermittelten Gleichklang persönlicher Vorlieben und Interessen auf das garantierte Lebensabschnittspartnerschaftsglück schließen, und die umgekehrte Formel von der Anziehungskraft der Gegensätze funktioniert statistisch mindestens ebenso unzuverlässig. Man kann jemanden aus charakterlichen, weltanschaulichen und allen möglichen Gründen höchst sympathisch finden, ohne ihn oder sie im Geringsten zu lieben. Während es zu den amoralischen, geradezu ungeheuerlichen Seiten der liebenden Leidenschaft zählt, dass man sie – vielleicht wider Willen, vielleicht aus einer provozierenden Verlockung des Widerwärtigen heraus – jederzeit gegenüber Menschen empfinden kann, die man mit guten Gründen unsympathisch findet. Ähnlich zweideutig ist das Verhältnis zwischen Sexualität und Liebe. Sexuelle Begierde braucht keine Liebe und umgekehrt – auch wenn der zweite Fall den aktuellen Beziehungsnormen widerspricht.
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Vielmehr kann Liebe durchaus als Hemmnis des sexuellen Begehrens wirken oder zumindest jener Sorte sexueller Lust, die sich in der florierenden Porno- und Prostitutionsindustrie Befriedigung kauft.
Liebe ist also unverwechselbar und undefinierbar zugleich; genauer: definiert nur durch das, was sie nicht ist. Das liebende Subjekt weiß untrüglich zu unterscheiden, ob es Liebe oder „nur“ Freundschaft fühlt, und es kann genau sagen, was am Anderen mag – aber niemals, was es an ihr oder ihm liebt. Diesem Unsagbaren entspricht – im Wortsinn: ent-spricht – die sprachliche Form, in der es sich bekennt. Der Satz „Ich liebe dich“ mag für den Angesprochenen oder die Angesprochene Verheißung, Offenbarung, Erfüllung, schieres Glück, zwiespältiges Angebot, lästige Anmache oder Drohung sein. Aber für sich genommen übermittelt Ich-liebe-dich „keinen Sinn“, schreibt Roland Barthes in seinem Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“. Es sei eine „Holophrase (ein nicht zerlegbarer Satz)“, ein „Satz-Wort“, das „nur in dem Augenblick Bedeutung hat, da ich es ausspreche; es bietet keine andere Information als seine unmittelbare Äußerung“. Eine rhetorische Tautologie, die den Sinn ersetzt durch das Symptom: Ich liebe dich.
Psychosomatischer Ausnahmezustand
Die Symptomatik der Liebe – oft beschrieben, viel trivialisiert, häufig ridikülisiert – zeigt sich als psychosomatischer Ausnahmezustand: Herzschmerz jeder Art (Rasen, Pochen, Stechen), Magengrimmen, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, Konzentrationsstörungen, Angstzustände und euphorische Hochgefühle im rasanten Wechsel. Solche Symptome ergeben keinen „Text“, keine Geschichte, allenfalls eine Krankheitsentität. Sie wiederholen sich oder klingen ab. Ihre Ausdrucksform ist nicht die Erzählung, sondern das Warten: ein kennzeichnender Zustand des Liebens – Warten etwa auf den Anruf, die Whatsapp, in früheren Zeiten auf den Brief. Dieses eher bange denn erwartungsfrohe Warten bezeugt die Vergesellschaftung der Liebe mit der Angst: vor Liebesentzug und Verlust, vor der Macht (und der Ohnmacht) der eigenen Gefühle.
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Nur zusammen mit diesem einen und einzigen geliebten Wesen scheint noch ein künftiges Leben möglich. Kaum nötig indes, darauf hinzuweisen, dass sich dieser Vorgang beliebig oft mit beliebig vielen einzigen Liebesobjekten wiederholen kann.
Und so fallen beim Übergang von Liebe in Partnerschaft drei Paradoxien auf. Erstens: Eine momentane, vergängliche Lust will Ewigkeit. Zweitens: Das Ich-liebe-dich ist das Ende des Textes, der Wechsel vom Sinn zum Symptom. Partnerschaft ist aber die Wiederkehr des Textes, ist sie doch „zugetextet“ mit Erwartungen, Eheverträgen, Bausparverträgen, Heteronormativität, Gender-Theorien, Terminkalendern und anderen sinnstiftenden Zeichensetzungen. Jede Partnerschaft „schreibt“ ihre Geschichte, aber sie handelt nicht mehr von der Liebe. Allenfalls davon, wie die Liebe sie überlebt. Wenn es denn Liebe ist und nicht Vertrautheit, Freundschaft, Gewohnheit oder einfach: Pragmatismus.
Drittens: Liebe geht nicht auf in der Pathologisierung, sie ist – anders als eine Krankheit – Wunsch und Imagination. Keiner will Krebs bekommen, alle wollen geliebt werden. Und doch bleibt die Liebesleidenschaft eine ambivalente Erfahrung, eine Gefährdung der Selbstbestimmung des Subjekts, das seiner selbst nicht mehr Herr ist.
Umwertung der Gefühle
Die historische Zäsur zwischen Aufklärung und Romantik markiert die Umwertung jener seelischen Prozesse. Der Bannstrahl der Vernunft gegen die „Tyrannei der Affekte“ (Kant) weicht der Verklärung des Gefühls zum authentischen Ausdruck des Ich, dessen Schranken just durch die Erhabenheit seiner Gefühle geöffnet werden: hin zur schrankenlos freien und doch in den Bund fürs Leben mündenden Liebeswahl. War die Ehe jahrtausendelang ein Arrangement irgendwo zwischen ungleicher Sozialpartnerschaft und Dynastiesicherung, das mit Liebe höchstens per Zufall zu tun hatte, posaunte nun ein Roman wie Friedrich Schlegels „Lucinde“ von 1799 das verbindliche Ideal der Liebesehe ekstatisch in die Welt.
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Doch die – historisch betrachtet – recht junge Liaison von Liebe und Ehe erwies sich absehbar als Mesalliance, als schräger Akkord von Bindung und Spontaneität, der nie das alte Wort der scharfsinnigen Madeleine de Scudéry, einer Zeitgenossin Molières, übertönen konnte: „Liebe kann den Tod überdauern, doch selten die Hochzeit.“ Der überfordernde Anspruch schlägt um in erneuten Normzwang (man muss sich lieben – lebenslänglich), die Erotik als nunmehr entscheidendes Bindemittel zeigt sich alsbald spröde und brüchig. Heutige Paartherapeuten geben der erotischen Anziehungskraft in einer Zweierbeziehung im Schnitt gerade mal drei Jahre – oder weniger. Was danach geschieht, wenn es überhaupt geschieht, gleicht laut dem Psychologen Dirk Revenstorf oft der „Masturbation an einer lebenden Attrappe“. Liebe und Partnerschaft sind strukturell nicht zur Deckung zu bringen. Wer Dauer fordert, muss an andere Instanzen appellieren: Zuneigung, Sympathie, Freundschaft.
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Und doch gilt die Sehnsucht der Liebe. Verständlich wird, warum viele der literarischen oder literarisierten Liebesmythen tragisch enden – von Romeo und Julia bis zu Werther und Charlotte, von Tristan und Isolde bis zu Petrarca und seiner Laura. Da Liebe an sich nicht darstellbar ist, braucht sie eine Projektionsfläche, und diese ist das Unglück, das sich der Liebe entgegenstellt: als Verbot, als Abweisung, als Bindung an eine Pflicht. Selbst bei einem Happy End handelt die erzählte Liebe zwangsläufig von Hindernissen und ihrer glücklichen Überwindung. Diese könnte auch am Ende der berühmtesten aller Liebestragödien stehen. Dass aber Shakespeare mit letztlich komödiantischen Mitteln – Verstellung, Verwechslung, Missverständnis; genau jene, die er im „Sommernachtstraum“ parodiert – den Tod herbeikünstelt, bezeugt eine andere Wahrheit: Es geht um die Rettung der Liebe vor Profanierung, um die Bewahrung ihrer Reinheit, die Entgrenzung des einen großen Rätsels der menschlichen Existenz ins andere, den Tod. Richard Wagners romantisierter Buddhismus macht ein erotisch aufgeladenes Nirwana daraus („Unbewußt –, höchste Lust!“ lauten die letzten Worte der vor Sehnsucht sterbenden Isolde). Doch all die Liebestode, Morde und Selbstmorde, die solch gewaltiger Leidenschaft die Ehre erweisen, wecken – Überlegungen Georges Batailles folgend – den Verdacht, dass sie Stellvertreterhandlungen eines ursprünglichen Tötungsbegehrens sind: keines sadistischen Mordes, sondern eines Opfers des geliebten Wesens. Geopfert wird nicht das Wertlose, sondern das Heilige.
Läppisch, kitschig, Tüll und Tränen
Die moderne Partnerschaftswelt hat die Spur der archaischen Grausamkeit ebenso erfolgreich getilgt, wie sie Leidenschaften nach Möglichkeit zu wohltemperierter Beziehungswellness verglühen lässt. Dass sie ihr Vokabular (Partnerschaft, Beziehung) dem Vertragsrecht entlehnt, weist auf die Rückkehr zur zwischenmenschlichen Institution vor der Liebesehe hin. Der emotionale Restbestand oder Überschuss wird wie alles, an das man nicht mehr glaubt (zum Beispiel die ursprünglich religiöse Festkultur), ritualisiert in den gesellschaftlich normierten Regressionsformen des Läppischen und Kitschigen, des Tülls und der Tränen. Man leistet ihnen Folge – aufrichtig begeistert, leidenschaftslos oder genervt. Mit Liebe haben sie so viel zu tun wie Karaoke mit großer Oper. Und es ist kein Zufall, dass in der Moderne nur noch der Schlager die Unbedingtheit der Gefühle einfordert (The Beatles: „All you need is love“; Heinz Rudolf Kunze: „Was sind das bloß für Menschen die Beziehungen haben / Betrachten die sich denn als Staaten“).
Nur noch Gefühlskaraoke
Das Gefühlskaraoke macht kein Geheimnis aus seinem So-tun-als-ob. Jeder durchschaut es, keiner redet darüber. Wer es doch tut, ist nicht der kritische Kopf, nicht mal der Zyniker, nur der Spielverderber. Lächerlich macht er sich in jedem Fall, da er nutzlose Banalitäten verkündet. Denn zweifellos tarnt sich im Emo-Kitsch das jeweils neueste Update einer zivilisatorischen Rationalität, die ein vergangen-vergängliches Gefühl in die knuddelige Reminiszenz entsorgt. Echte Liebe ist uncool, und der heilige Valentin, dieser alte Nostalgiker, ist nicht ohne Grund auch Schutzpatron der Wahnsinnigen.