Über dicke, orangefarbene Schläuche wird die Heißluft in die Mühle gepustet. Foto: Stoppel

Manfred Thiel verzichtet in der Seemühle in Weissach im Tal seit vielen Jahren auf die chemische Keule. Der Müllermeister setzt lieber auf ökologische Schädlingsbekämpfung mit heißer Luft.

Weissach im Tal - Manfred Thiel hat einen ganz heißen Tipp für seine Kollegen. Der Müllermeister, der seit mehr als 40 Jahren in der Seemühle am Ortsrand von Unterweissach arbeitet, hat die Sache mit der ökologisch vorbildlichen Schädlingsbekämpfung einst mit einem schnöden Föhn selbst getestet. Lange her. Das Ergebnis war überzeugend: Im Nu, sagt Thiel, seien die Test-Krabbeltiere hinüber gewesen. Alle Insekten mausetot. Seither setzen Thiel und seine Angestellten beim Kampf gegen den Reismehlkäfer und andere Insektenarten voll auf heiße Luft.

An diesem kühlen Tag kurz nach Pfingsten schuften der Müllermeister, seine Mitarbeiter und die Männer der österreichischen Firma Bio-Tech in der uralten Seemühle und schwitzen um die Wette. Kein Wunder, die Luft in den Räumen hat gut 50 Grad. Draußen vor der Türe steht seit rund 24 Stunden ein übergroßer Ölbrenner, der nichts als heiße Luft produziert – und ein permanentes Brummen. Die Heißluft wird über große Schläuche in die Mühle geleitet und im Inneren mit Ventilatoren bis in die allerletzten Ecken und Winkel sämtlicher Räume verteilt. Der Erfolg, sagt Thiel, sei überwältigend. Weil er auch Bioprodukte verkaufe, komme für ihn der Einsatz von Giften überhaupt nicht in Frage.

„Wir entwesen für Sie.“

Anders als viele seiner Kollegen macht Thiel keinen Hehl daraus, dass jede Mühle hin und wieder von Schädlingen heimgesucht wird. Auch seine Seemühle. Manch ein Müller greife lieber still und heimlich zur Chemieflasche, sagt er. An der Eingangtüre zur Seemühle hingegen prangt ein Schild, das erklärt, warum ein paar Tage geschlossen ist: „Wir entwesen für Sie – Schädlingsbekämpfung mit Heißluft“. Thiel sagt, dass seine Heißluftmethode gut ankomme, speziell bei der gesundheitsbewussten Kundschaft. Alle paar Jahre muss die Mühle für die aufwendige Aktion, die laut Thiel einen fünfstelligen Betrag kostet, allerdings komplett geschlossen werden.

Der Pfingstmontag, an dem bundesweit wieder der Mühlentag gefeiert worden ist, war in der Weissacher Seemühle der letzte Tag für die Vorbereitungen. Heuer war deshalb keine Zeit für Feiern oder Mühlenführungen. Das Innenleben der Mühle ist in alle Einzelteile zerlegt worden, damit die Heißluft auch ja jeden Käfer erwischt.

„Vielleicht hätte ich den Kunden Sauna anbieten sollen.“

Beim Rundgang durch die Etagen des Gebäudes kommt der Besucher sofort ins Schwitzen – auch wenn er nichts tut, nur guckt und staunt. „Vielleicht hätte ich den Kunden einen Saunagang anbieten sollen“, sagt der Hausherr und grinst verschmitzt aus seinem mit Schweißtropfen besetzen Gesicht. Mit Blick auf das miese Pfingstwetter wäre das womöglich eine zusätzliche Einnahmequelle gewesen.

1997 hat Thiel erstmals seine Heißluft-Methode in der Mühle angewendet. Damals galt der Mann aus Weissach im Tal als Pionier. Er kooperierte mit der Kirchberger Firma Kroll, die Wärme- und Lüftungstechnik produziert. Diese Dienstleistungssparte mit der heißen Luft zur Schädlingsbekämpfung hat mittlerweile die Bio-Tech GmbH aus dem Nachbarland übernommen. Benedikt Ségur, der Geschäftsführer von Bio-Tech, sagt, auch andere Unternehmer und Privatleute zeigten Interesse: Bäckereien und Bewohner von Holzhäusern.

Bis 1973 hat Wasserkraft die Mühle angetrieben

Früher
Die Seemühle ist im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt worden. Der Name erinnert an einen See, der nicht mehr existiert. Er war im 16. Jahrhundert angelegt worden, um den Stuttgarter Hof mit Fisch zu beliefern. Bis 1973 wurde die Wasserkraft genutzt.

Heute
In der Seemühle wird Mehl produziert. Jeden Dienstag, Donnerstag und Freitag wird in der Backstube gearbeitet.

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