Eckhard Ulrich Foto: privat

Eckhard Ulrich geht jeden Tag mit Menschen um, die aus ihrer Bahn geworfen worden sind. Er ist Seelsorger am Marienhospital und Aidspfarrer.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod oder mit einer schweren Krankheit ist die Aufgabe von Eckhard Ulrich – jeden Tag. Als Krankenhausseelsorger im Marienhospital im Stuttgarter Süden einerseits, als Aidspfarrer der evangelischen Landeskirche Württemberg andererseits. Schwerkranke Menschen haben oft niemanden, mit dem sie über ihre Sorgen und Nöte reden können. Angehörige sind häufig ebenfalls überfordert und wissen nicht mehr weiter. Eckhard Ulrich kümmert sich um diese Menschen, in dem er mit ihnen spricht.

„Wegbegleitung auf Zeit“ beschreibt Eckhard Ulrich seine Tätigkeit. Er sucht den Kontakt zu Patienten oder Angehörigen, redet mit ihnen und begleitet sie in schweren Stunden. Er komme als eine anonyme Person oder auch als Pfarrer. Dies mache es vielen Menschen leicht, unbefangen mit ihm zu reden. „Meistens werde ich vom Pflegepersonal angerufen, wenn jemand mit mir sprechen möchte“, erzählt Ulrich, der seit 16 Jahren als Seelsorger am Marienhospital tätig ist.

Abstand und Distanz sind für Ulrich wichtig

Seelsorger zu sein, ist deshalb mehr als ein normaler Beruf von acht bis fünf Uhr. „Von Montag bis Samstag muss ich prinzipiell immer erreichbar sein“, so der Krankenhauspfarrer. Auch außerhalb seiner Bürozeiten könne er jederzeit angerufen werden. Nur den Sonntag nimmt er für sich. Das muss er auch, denn Abstand und Distanz zu halten, ist in seinem Beruf von großer Bedeutung. In psychologischen Schulungen hat er gelernt, wie er die vielen schweren Schicksale abends nicht mit nach Hause nimmt. „Wenn ich das nicht könnte, hätte ich den Beruf nicht so lange ausüben können“, sagt er. Wichtig sei für ihn deshalb, ein ausgefülltes Privatleben zu haben, mit Hobbys, die ihn ablenken. „Ein eigenes Leben zu haben, ist wichtig“, sagt Ulrich. Das gelinge ihm verhältnismäßig gut. Wenn er abends nach Hause gehe, beschäftigt er sich mit Musik, geht in Konzerte oder in die Oper. „Ich habe neben meinem Theologiestudium auch noch Musikwissenschaften studiert“, sagt Ulrich. Die Musik sei eine große Leidenschaft von ihm.

Das gibt ihm die Kraft, um die Fragen, die ihm gestellt werden, mit innerer Distanz beantworten zu können. Wie lebe ich mit dieser Diagnose? Komme ich überhaupt wieder nach Hause und was geschieht mit meinen Angehörigen? Darauf muss er jeden Tag Antworten finden. Dies tut er oft auch über Gebete, einen Psalm oder Geschichten aus der Bibel. „Das bestimmt aber nicht das Gespräch“, so der Seelsorger. Denn Antworten auf die Fragen, die Eckhard Ulrich gestellt bekommt, gibt es eigentlich nicht. Warum ausgerechnet ich? Das ist wohl die Frage, die Betroffene Eckhard Ulrich am häufigsten stellen. „Da kann ich den Blick auch nur auf das Schöne und Gute in ihrem Leben lenken“, sagt Eckhard Ulrich.

Aids ist und bleibt Tabuthema

Auch bei seiner zweiten Tätigkeit als Aidspfarrer der evangelischen Landeskirche, hilft wohl ebenfalls nur dies. Nach wie vor erkranken jedes Jahr rund 300 Menschen in Deutschland an Aids. Heilung gibt es für HIV-Infizierte nicht. „Dank der modernen Medizin können die meisten Betroffenen inzwischen ziemlich lange ein normales Leben führen“, erklärt Ulrich, der als Koordinator der Aids-Seelsorge rund 40 ehrenamtliche Seelsorger betreut. Geblieben ist die Stigmatisierung: Aids ist und bleibt ein Tabuthema, allerdings nicht für Eckhard Ulrich: „Ich habe da keine Berührungsängste.“

Nur ein paar Minuten entfernt von seinem Arbeitsplatz im Marienhospital hat Eckhard Ulrich seine Dienstwohnung. Dort ist die Trennung zwischen Privatem und Beruflichem fließend. Für Erkrankte, die er betreut, ist seine Tür rund um die Uhr offen. Eigentlich sind seine beiden Tätigkeiten getrennte Sphären. Die Arbeit im Krankenhaus hat mit seiner Tätigkeit als Aidspfarrer vordergründig nichts zu tun. Inhaltlich sind es aber die gleichen Themen und Fragen, mit denen Ulrich sich auseinandersetzt. „Hier wie dort spreche ich über den Tod und wie man mit einer erschütternden Diagnose lebt“, erzählt er.

Trotzdem der schweren Themen sitzt Eckhard Ulrich gut gelaunt an seinem Schreibtisch im Marienhospital. Er liebt seine Arbeit: „Ich bin immer noch mit Leidenschaft dabei.“ Er kann trennen zwischen seinem eigenen Leben und dem, das für das Schicksal der Anderen zuständig ist.

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