Sozialkaufhäuser bieten Ware aus zweiter Hand an, die sich auch Menschen mit kleinem Budget leisten können. In der Innenstadt gibt es eine solche Einrichtung nicht. Foto:  

Sozialunternehmen würden gern ein Secondhandkaufhaus in der Innenstadt eröffnen. Doch die Mietpreise verhindern ein solches Projekt. Könnte es helfen, wilde Mülldeponien zu verhindern?

S-Mitte - Müll gehöre in den Müll und sei nichts, was jemand an andere weiterreichen sollte. Rolf Kaltenberger, Fachbereichsleiter für Sozialkaufhäuser bei der Neuen Arbeit, fasst so die Devise der Einrichtungen in Wangen und Bad Cannstatt zusammen. Die beiden Sozialkaufhäuser lehnten Spenden ab, bei denen Gebrauchtes offensichtlich bloß entsorgt werden soll. Die meisten Spender reagierten bei einer verweigerten Annahme mit Verständnis, erzählt er. „Ein oder zwei Prozent sind aber der Meinung, dass Sozialschwache nicht so wählerisch sein sollen. Da merkt man den Druck der Leute, ihre Sachen loszuwerden“, sagt er.

Kaltenberger hat das Gefühl, dass immer mehr Stuttgarter Gebrauchtes spenden wollen. „Wir arbeiten eng mit den Kirchen zusammen und bekommen so viel Aufmerksamkeit“, meint er.

557 Tonnen an Mobiliar, Kleidung und anderen Gegenständen

Er nimmt etwas erstaunt zur Kenntnis, dass offenbar viele Stuttgarter gerade in der Innenstadt schlichtweg nicht wissen, wohin mit gebrauchter Kleidung und alten Möbeln. Laut Verwaltung fielen allein im vergangenen Jahr 557 Tonnen an Mobiliar, Kleidung, Altreifen und anderen Gegenständen an, die ihre Besitzer einfach auf Gehwegen abgelegt haben. Kisten mit Trödel vor die Haustüre zu stellen mit einem „Zu Verschenken“-Schild, entwickelt sich nicht nur in Stuttgart zum urbanen Trend (wir haben darüber berichtet).

Rolf Kaltenberger von der Neuen Arbeit glaubt, dass ein Secondhandkaufhaus in der Innenstadt für viele interessant sein könnte, die Gebrauchtes loswerden wollen, aber zum Beispiel kein Auto haben. Die Innenstadt wäre ein lohnender Standort für ein Sozialkaufhaus, meint er. Dann benennt er das Problem: „Würde jemand uns ein Objekt anbieten zu einem Mietpreis, der zu einem Secondhandkaufhaus passt, würden wir das ja sofort machen“, sagt der Mitarbeiter des diakonischen Sozialunternehmens. Ähnlich drückt sich Monika Feldmann vom Secondhandkaufhaus Zora im Stuttgarter Osten aus. Eine Einrichtung in der Innenstadt wäre attraktiv, meint sie. „Bei den Mietpreisen brauchen wir gar nicht darüber reden“, sagt sie.

Manche laden anonym ihren Müll ab

Auch Feldmann bestätigt, dass der Bedarf, Gebrauchtes loszuwerden, zunimmt. Das Secondhandkaufhaus Zora an der Stöckachstraße nimmt gespendete Kleidung und Haushaltswaren wie Geschirr oder Dekorationsgegenstände an. „Manche sehen in uns eine Möglichkeit, Sachen kostenlos zu entsorgen und stellen uns an Wochenenden alles Mögliche anonym vor die Tür“, sagt Feldmann. Sie entdecke dann am Montag Tüten mit Verschlissenem, das sich modisch den 60er oder 70er Jahren zuordnen lasse. „Es gibt bei vielen die Haltung, für Flüchtlinge oder Hartz-IV-Empfänger ist einfach alles gut genug“, sagt sie.

Etwas weiter von der Innenstadt gelegen, aber durchaus von dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist das Secondhandkaufhaus der Caritas, Fairkauf, an der Steiermärkerstraße in Feuerbach.

Der stellvertretende Projektleiter Markus Kucher betont gleichfalls, dass für eine Einrichtung wie das Fairkauf die Innenstadt viel zu teuer wäre. Das Fairkauf unterhält auch noch eine Spedition, die Spenden abholt. Das Sozialkaufhaus entsorgt außerdem für ein Entgelt auch.

Kucher berichtet, dass sich die durchschnittlich hohe Kaufkraft in Stuttgart an dem zeige, was gespendet wird. Bisweilen bekomme das Fairkauf Designerstücke angeboten. „Die Besitzer kaufen sich eben alle drei Jahre ein neues Sofa und wollen dann noch was Gutes tun“, sagt Kucher. Das Sozialkaufhaus biete dann solche Secondhandwaren hochpreisiger an, obwohl die Klientel eigentlich auf den Geldbeutel schauen müsse. Ein Problem sei der mit der Spende verhinderte Luxussperrmüll zwar nicht, sagt der Projektleiter. „Wir müssen aber darauf achten, gewerblichen Anbietern keine Konkurrenz zu machen, weil wir wettbewerbsneutral sein sollen“, sagt er.

Ob ein Sozialkaufhaus direkt in der Innenstadt, wilde Deponien reduzieren würde, bezweifeln Vertreter. Monika Feldmann vom Secondhandkaufhaus Zora findet, dass auch die bisherigen Standorte gut erreichbar seien.

Rolf Kaltenberger von Fairkauf ist zwar überzeugt, dass ein Secondhandkauf in der Innenstadt Anklang finden würde bei vielen, die nachhaltig mit ihren Gegenständen umgehen wollen. Dies seien aber nicht unbedingt jene, die Gebrauchtes irgendwo im öffentlichen Raum abstellen. „Es gibt ­Leute, die schmeißen ihr Zeug einfach auf die Straße. Da ändern wir auch nichts dran“, sagt er.