Im Zentrum des Rauhen Kapfs stehen sechs Hochhäuser des Star-Architekten Hans Scharoun. Foto: Stefanie Schlecht

Zu einer Zeit, als die Baupreise mal wieder unerschwinglich waren, wurde der Rauhe Kapf in Böblingen besiedelt. Das feiert der kleinste und feinste Böblinger Stadtteil mit einem großen Fest.

Es war der 18. April 1964, als sich der Spaten in den bewaldeten Aussichtsberg vor den Toren der Böblinger Innenstadt in den Boden senkte. Dieser Tag gilt als der Gründungstag der Siedlung auf dem Rauhen Kapf. Seit 1962 war die Siedlung geplant und der Plan war durchdacht: Die benachbarte IBM Deutschland, gegründet 1953, die sich spätestens seit 1962 mit der Software-Entwicklung für Großrechner auf Wachstumskurs befand, brauchte Arbeiter, Angestellte und Manager. Und alle drei Berufsgruppen brauchten ein Dach über dem Kopf.

 

Sowieso hatte Böblingen seit den 50er Jahren eine stürmische Entwicklung erlebt. Lebten 1951 noch 12 730 Einwohner in Böblingen, hatte sich die Einwohnerzahl im Jahr 1961 auf 25 960 erhöht. Und die Worte des damaligen Oberbürgermeisters Wolfgang Brumme hätten genauso heute gesprochen werden können wie damals im Jahr 1964: „Es ist einem Großteil der Bevölkerung nicht mehr möglich, einen Bauplatz zu einem annehmbaren Preis zu erwerben.“

In zehn Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl

Die Blocks entlang der Taunusstraße werden gebaut. Foto: Stadtarchiv Böblingen

Zuvor hatte am Rauhen Kapf nur eine Aussichtsplattform gestanden, mit einem damals wie heute spektakulären Blick zum Schönbuch und zur Schwäbischen Alb. Doch war der neue Stadtteil eben nicht nur eine der vielen Trabantenstädte, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Die Böblinger Stadtverwaltung konnte den Star-Architekten Hans Scharoun gewinnen, der inmitten der neuen Siedlung sechs Hochhäuser in seinem typischen Stil plante.

Der Wald, der die Siedlung umgibt, sollte nicht einfach verdrängt werden, sondern sich als parkähnliche Landschaft durch die Siedlung ziehen. Den Hochhäusern versuchte er die Schwere zu nehmen, indem er die Fassade mit Balkons geradezu expressionistisch durchbrach. Als Windschutz dienten verschieden gestaltete Aluminiumplatten, die durch ihre Lichtreflexion den Eindruck von Transparenz erwecken sollten.

Jeder Grundriss ist anders

Was man von außen nicht sieht, jede Wohnung im Inneren der sechs Häuser hat einen eigenen Grundriss. Revolutionär für die beginnenden 60er-Jahre war die Fernwärmeversorgung der Wohnhäuser. Die Heizzentrale lag unterirdisch und tat lange Jahre ihren Dienst, bis 2022, als sie an das Fernwärmenetz der Stadt Böblingen angeschlossen wurde. Zeittypisch ist auch ein durchdachtes Farbsystem. Die Wohnblöcke wurden in drei Farben, Gelb, Hellorange und Lila gestrichen, um auch hier einer architektonischen Monotonie vorzubeugen. Die Häuser sind umgeben von einer Ringstraße, die einen optimalen Verkehrsanschluss ermöglicht. Gleichzeitig wurden Einfamilienhäuser gebaut, als Domizile für die IBM-Mitarbeiter in den leitenden Positionen, und dann gab und gibt es noch die obligaten Wohnblocks, die aber nicht wie üblich in Reihe angeordnet waren, sondern so, dass sich kleine Plätze ergeben.

Insgesamt kamen so 328 Wohnungen zusammen. 63 davon waren Einfamilienhäuser. Man ging von einer Einwohnerzahl von rund 1200 Menschen aus, weswegen es auch ein Ladengebäude gab mit einem Supermarkt und einem Friseur. In der Planungsphase gab es eine größere Diskussion, ob man die Straßen entweder nach Waldpilzen, Waldpflanzen oder Waldtieren benennen sollte – oder nach deutschen Mittelgebirgen. Der Gemeinderat entschied sich für letzteres. Der Rat verwarf auch die Idee des damaligen Stadtkämmerers, den neuen Stadtteil „Waldsiedlung Albblick“ zu nennen – wofür ihm die Bewohner des Rauhen Kapfes sicher bis heute dankbar sind. Die Bauarbeiten schritten zügig voran, und bereits 1965 waren die Rohbauten von Hans Scharoun fertig. Mit einem Ochsen und einem Schwein am Spieß wurde das Richtfest gefeiert.

Der Lärm von der Panzerkaserne

Der Stadtteil blühte auf, doch mit den Jahren erlebte der Rauhe Kapf die Entwicklung, die alle Trabantenstädte durchlaufen. Die Kinder gingen aus dem Haus, die Älteren blieben zurück, die Bevölkerung sank auf etwas über 900 Einwohner. Der Seniorenplan der Stadt weist im Rauhen Kapf den höchsten Anteil von Menschen älter als 65 Jahre aus. Kein Wunder, dass sich auch die Infrastruktur ausdünnte, 1990 schlossen der Supermarkt und der Friseur. Noch ein weiteres Problem plagt den Rauhen Kapf, das ist der Schießlärm aus er Panzerkaserne, gegen den eine Bürgerinitiative seit Jahrzehnten kämpft. Immerhin hat sie erreicht, dass die Schießstände heute von Schallschutzwänden umgeben sind.

Doch tun sich jetzt neue Entwicklungsperspektiven auf. Wenn der Plan der Stadtverwaltung aufgeht und die benachbarte IBM weggezogen sein wird, dann hat es wieder Platz für neue Wohnbauten in der Gegend. Zwar dauert das noch, weil die IBM den neuen Firmensitz in Ehningen noch nicht vollständig bezogen hat, aber wenn das Firmengelände bewohnt sein wird, dann wird die Bevölkerungszahl steigen und neue nachbarschaftliche Beziehungen werden möglich.

Keine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Obwohl es die Soziologen anfangs als riskant fanden, die besser Verdienenden in den Einfamilienhäusern direkt neben die einfachen Wohnblocks zu setzen, sei von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft nichts zu spüren, sagt der Stadtteil-Arbeitskreis (AK), im Gegenteil, die Bewohner des Rauhen Kapfs haben eine eigene Identität entwickelt und helfen zusammen, wo es geht. Und dass werden sie auch am 12. Oktober tun, wenn beim großen Stadtteilfest das 60-jährige Bestehen des Rauhen Kapfs gefeiert wird.

Eine Feier für alle Generationen

Fest
 Der Stadtteil feiert seinen Sechzigsten am Samstag, 12. Oktober, von 14.30 bis 19.30 Uhr rund um das Evangelische Gemeindezentrum in der Taunusstraße 50.

Programm
 Um 14.30 Uhr beginnt das Fest mit einem Gottesdienst. Der Oberbürgermeister Stefan Belz spricht um 15.30 Uhr, die Zaubershow von Timo Marc beginnt um 16 Uhr. Die Feuerwehr-Musikkapelle Dagersheim spielt um 17 Uhr. Kleine Gäste können sich auf der Hüpfburg, mit den Riesenlegosteinen oder beim Quiz vergnügen.