Der junge Mann, der am frühen Morgen des 13. März 2005 eine Prostituierte in der Innenstadt fast erschlagen hätte, ist vom Landgericht wegen versuchten Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Der junge Mann, der am frühen Morgen des 13. März 2005 eine Prostituierte in der Innenstadt fast erschlagen hätte, ist vom Landgericht wegen versuchten Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Die Anklägerin konnte sich mit dem Vorwurf des versuchten Mordes nicht durchsetzen.

Obwohl der Angeklagte bei der Tat bereits 20 Jahre und zehn Monate alt war, entschieden die Richterinnen und Richter der 2.Strafkammer nach Jugendstrafrecht. Der Angeklagte weise massive Reifeverzögerungen auf, so Vorsitzende Richterin Sina Rieberg. Die Staatsanwältin hatte acht Jahre beantragt.

Den Prozessbeteiligten ist es nicht gelungen, Licht in den brutalen und fast tödlichen Angriff des heute 24-Jährigen auf die 30 Jahre ältere Dirne zu bringen. Klar ist, dass er derjenige war, der die Frau am 13.März 2005 vor einer Bar an der Leonhardstraße ansprach und Liebesdienste für 50 Euro mit ihr vereinbarte. Klar ist ebenfalls, dass der Bursche oben im Zimmer der Dirne plötzlich ein Kofferradio ins Gesicht drosch. Es ist auch sicher, dass er dann einen 26 Kilo schweren, tragbaren Heizkörper nahm und der Frau damit zweimal wuchtig auf den Kopf schlug.

Es grenzt an ein Wunder, dass das Opfer dies überlebte. Die Frau wird ihr Leben lang die Narben im Gesicht tragen. Ihr linkes Auge ist fast blind. Warum der 24-Jährige die wehrlose Dirne fast umbrachte, bleibt jedoch ein Rätsel. Zwar war der Mann, der im Alter von zwei Jahren aus Marokko nach Stuttgart kam, wo sein Vater bei einem Autobauer arbeitete, in Geldnöten. Er hatte eine Lehre als Lagerist absolviert, jedoch begonnen, die Nächte durchzufeiern. Das brachte ihm Schulden und Ärger mit seinen streng religiösen Eltern ein. Als er von seinem Opfer jedoch abließ, hätte er genügend Zeit gehabt, das Zimmer nach Beute zu durchsuchen. Er tat es nicht. Auch die 100 Euro in der Brusttasche der Frau blieben unberührt. Deshalb verwarfen die Richter das Motiv der Habgier.

Der psychiatrische Gutachter hält ein sexuelles Motiv für wahrscheinlich. Zu belegen ist aber auch dies nicht.

"Man steht ziemlich fassungslos vor dieser Tat", so Richterin Rieberg, die dem Täter "enorme Brutalität" bescheinigte. Fassungslos auch deshalb, weil der junge Mann vor der unerklärlichen Attacke noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.

Während des Prozesses hatte sich ein weiterer böser Verdacht ergeben. Gerade einmal eine halbe Stunde vor der blutigen Tat war eine andere Prostituierte überfallen worden - ebenfalls im Leonhardsviertel. Die Frau berichtete, ein Freier habe sie gewürgt und Geld verlangt, sie habe den Angreifer allerdings in die Flucht schlagen können. Hatte der Angeklagte nach diesem gescheiterten Versuch dann ein zweites Mal zugeschlagen? Es ist nicht zu beweisen. Die Dirne leidet an grauem Star und kann den Täter nicht identifizieren.

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