Der Trompeter Sebastian Studnitzky Foto: Sevi Tsoni

Ludwigsburger Schlossfestspiele im Kunstmuseum Stuttgart: Bei einer „Song Conversation“ finden Sebastian Studnitzky Emiliana Torrini und Claudio Puntin zusammen.

Stuttgart - Zum neunten Mal öffnet Thomas Wördehoff, der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, sein musikalisches Labor und lässt das Publikum im Stuttgarter Kunstmuseum teilhaben an einem Feldversuch. Die Probanden dieses Jahr: Sängerin Emiliana Torrini, Klarinettist Claudio Puntin und Sebastian Studnitzky, vielseitiger Trompeter und Tastenmann. Damit das Experiment gelingen kann und die Validität stimmt, sorgt Wördehoff für die rechte Umgebung. Er telefoniert nicht – wie bei anderen Festivals meist üblich – eine Band zusammen und schickt sie nach dem Soundcheck kurzerhand auf die Bühne. Wördehoff, ein Mann mit exquisitem Geschmack, lädt die Musiker ein paar Tage vor dem Konzert in ein hübsches Hotel und sorgt für optimale Bedingungen zum gegenseitigen Kennenlernen, Entwickeln musikalischer Ideen und Proben. So entsteht ein musikalisches Gespräch, eine Jam-Session, die in ein Konzert mündet, das noch nie zu hören war und wohl auch nie mehr zu hören sein wird.

Jazz ist Echtzeitmusik. Song Conversation heißt die Carte-Blanche-Reihe also nicht von ungefähr, die 2010 mit Bill Frisell, Joe Henry und Brad Mehldau in Ludwigsburg begann und vor vier Jahren erstmals mit der Performance-Künstlerin Laurie Anderson aus New York und Nik Bärtsch, dem Schweizer mit Vorliebe für japanische Rituale, im Stuttgarter Kunstmuseum spektakulär über die Bühne ging. Die Wild Card für dieses Jahr erhielt Sebastian Studnitzky, der sich als Trio-Partner Emiliana Torrini und Claudio Puntin aussuchte. Der gemeinsame Nenner dieser spannenden Dreiecksformation ist – von der Liebe zur Musik einmal abgesehen – eine Insel am Polarkreis: Island. Dort war Studnitzky jahrelang Mitglied der Fusion-Band Mezzoforte, Torrini ist dort aufgewachsen, weil sie eine isländische Mutter hat, und Puntins Frau kommt auch von der Insel der Geister, Götter und Geysire.

Feste Liedform und freie Improvisation

Die erste Probe dauerte von morgens elf Uhr bis nachts um drei. Studnitzky fühlte sich beim musikalischen Zwiegespräch mit Puntin „wie im Paradies“, die beiden konnten gar nicht mehr aufhören zu spielen. Torrini stieß erst ein paar Stunden vor dem Auftritt dazu. Nicht schlimm, denn ihre Songs bilden das Gerüst des Konzerts. Ins Kunstmuseum kommt sie im Trikot der isländischen Nationalmannschaft, stellt sich ans Mikrofon und singt a cappella den Anfang von „Don’t cry for me Argentina“. Das Publikum im ausverkauften Saal lacht, denn die meisten wissen, dass Favorit Argentinien kurz zuvor von Island ein Unentschieden abgetrotzt worden ist. Elektronisch erzeugte Klangwolken schweben herein, eine kleine Bassfigur legt sich darunter und wird wiederholt wie ein Kinderlied. Da ertönt die helle, zärtlich-kraftvolle Stimme der Isländerin, der gar nichts Künstliches anhaftet. „Nothing brings me down“ singt sie und verzaubert die Menschen mit ihrer mädchenhaften Stimme, in der Staunen und Wissen gleichermaßen aufgehoben zu sein scheinen.

Studnitzky bekennt vor dem Auftritt, Emiliana Torrini sei ihm nach Joni Mitchell die liebste Singer-Songwriterin. Claudio Puntin lässt beim Refrain Klarinettentöne wie eine Lerche in die Höhe steigen, während Studnitzky mit warmen Harmonien auf dem Flügel begleitet. Die Sängerin überlässt die Bühne für eine Weile den beiden Männern, die nun lustvoll Sound-Landschaften entwerfen, in denen Wellen über den Sand gleiten und von fern Donner grollt. Als die elektronischen Klänge verebben, spielt Studnitzky das Aria-Thema von Bachs Goldberg-Variationen. Die reine Schönheit dieser Musik strahlt, als wolle sie Himmel und Erde miteinander verbinden. Dann spielt Puntin eine melancholisch angehauchte Melodie, Torrini eilt auf die Bühne, wiegt sich in den Hüften und singt „Caterpillar“, dann eine hübsche „Serenade“ und den Ohrwurm „Lifesaver“ aus ihrem besten Album „Fisherman’s Woman“. Das Spiel geht weiter, der Klangraum öffnet sich wieder, führt hinaus ins Freie der Improvisation und kehrt wieder zurück zur klar konturierten Liedstruktur. „Ein tolles Format“, lobt Ulrike Groß, die Direktorin des Hauses, Thomas Wördehoff und seine Festivalreihe Song Conversation. Am Ende stehen die Menschen auf und applaudieren begeistert.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: