Sebastian Krämer „Chanson kann großes Kino sein“

Von Bernd Haasis 

Was es bedeutet, wenn jemand den Schnabel aufreißt: Chansonnier Sebastian Krämer Foto: promo
Was es bedeutet, wenn jemand den Schnabel aufreißt: Chansonnier Sebastian Krämer Foto: promo

Der Pianist und Sänger Sebastian Krämer schreibt Chansons mit Witz und Hintersinn – an diesem Freitag spielt er in Stuttgart in der Rosenau.

Der Pianist und Sänger Sebastian Krämer schreibt Chansons mit Witz und Hintersinn – an diesem Freitag spielt er in Stuttgart in der Rosenau.
 
Stuttgart - Herr Krämer, Ihre aktuelle CD heißt „Tüpfelhyänen – Die Entmachtung des Üblichen“ . . .?
Die Hyänen geben ein sehr gutes schlechtes Beispiel ab, und es geht mir darum, Alternativen zu denken. Ich hätte sagen können: Entdecke die Möglichkeiten! Aber ich wollte keinen Ikea-Werbeslogan.
Sie greifen sehr Menschliches in alltäglichen Situationen auf, in „Das Puzzle meines Sohnes“ etwa, Dinge vor sich herzuschieben . . .
Alle meine Lieder haben ihren Ursprung im eigenen Erleben. Das Wort „alltäglich“ mag ich nicht so. Noch schlimmer ist „Alltag“ – eine Disqualifizierung des Lebens!
In „Immer noch da, aber unsichtbar“ bringen Sie eine Fülle an Beispielen, „die Schadenfreude, die du zu verbergen gelernt hast“ etwa oder „alle andern schönen Frauen seit ich dich kenne“ – wie schreiben Sie so was?
Ein Lied verbraucht wenig Zeit, es verdichtet auf engem Raum. Um diese Illusion zu erhalten, möchte ich über die Entstehung gar nicht viel sagen. Das wäre wie einen Zaubertrick zu verraten.
Was war Ihr Ausgangspunkt, das Klavierspiel, der Gesang, die Texte?
Das war schon früh verknüpft. Ich habe ­gemerkt, dass die größte Wirkung von meiner Musik ausgeht, wenn ich sie direkt mit Text verbinde und umgekehrt. Das gleichzeitig zu tun ist auch nicht so schwierig, wie eines von beiden richtig zu beherrschen. Was die Musik angeht, kann ich nichts so richtig, deswegen habe ich kaum Berührungsängste und erarbeite mir, was sich gerade anbietet.
Viele sehen Sie als Musik-Kabarettisten – Sie selbst auch?
Man schreibt Lieder, die Leute sagen: Übrigens war es lustig. Und man denkt: Mist, wieder nur Kabarett gemacht. Aber irgendwann mache ich eine Platte, die damit gar nichts mehr zu tun hat. Das Kabarett mokiert sich, wirkt nur destruktiv – Beschwerden zur Stabilisierung ihres Anstoßes, sage ich immer. Wenn man die Themen durchdekliniert, die Medien und Politik vorgeben, ist man dem System schon auf den Leim gegangen. Die wirklich politische Bühne ist ganz woanders. Da sind wir wieder beim Leben.
Können Sie mit dem Begriff Chanson leben?
Ja, wenn er keine Ausrede für mangelnde Mittel ist. Chanson ist ein Weg, Text und Musik gleichwertig ernst zu nehmen, Geschichten zu erzählen und trotzdem mit einer Melodie anzurühren. Chanson kann ganz großes ­Kino in einem kleinen Stück sein.
Sie sind nicht so oft im Fernsehen wie andere, woran liegt das?
Ich möchte dann auch Lieder spielen, und daran sind die meisten nicht interessiert. Chanson hat weder Sende- noch Aufführungsplätze, deswegen findet das immer im kabarettistischen Rahmen statt. Da kommt alles zusammen, was über Inhalte funktioniert und eben nicht das andere ist.
„Immer noch da, aber unsichtbar“ ist auf seine Art ja doch auch ein Popsong . . .
Ich steige nicht durch, was als Pop funktioniert und was nicht. Warum ist das, was ständig im Radio läuft, der Mainstream und das andere nicht? Das ist vollkommen willkürlich und beliebig. Schon von Reinhard Mey wurden früher nur die lustigen Sachen gespielt, damit man mal lachen konnte, praktisch anstelle der Radio-Comedy, die es heute gibt. Das ist absurd.
Wie sind Sie darauf gekommen, sich „Die Gespräche der Krähen“ auszumalen?
Wenn jemand schon den Schnabel aufreißt, finde ich es sehr naheliegend, dass man sich fragt, was das zu bedeuten hat.

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