Scooter in Stuttgart Bora Bora Bora – wir verstehen uns

Von Jan Georg Plavec 

Scooter und die Besucher verwandeln die Stuttgarter Porsche-Arena beim ersten von zwei Konzerten in einen bunten Rave-Zoo und grölen gemeinsam Dada-Texte. Schlimm?

Stuttgart - Es fallen einem viele Gründe ein, nicht auf ein Konzert des in Hannover gegründeten Techno-Trios Scooter zu gehen: die einfältigen Songtexte („Bora Bora Bora“, „Döp Döp Döp“), die ähnlich simpel strukturierte Musik (Neunzigerjahre-Synthesizersounds treffen auf Neunzigerjahre-Schlagzeugmaschinensounds und machen Unz Unz Unz) oder der wasserstoffblondierte Sänger H.P. Baxxter.

Das auch im realen Erscheinen auf der Bühne alterslose, einzig verbliebene Gründungsmitglied von Scooter wirkt wie ein ausgebrannter Animateur aus einem All-Inclusive-Hotel, der nach einer langen Saison nicht mehr merkt, dass seine vom deutschen Akzent geprägten, englischsprachigen Ansagen zu reinstem Dadaismus degeneriert sind. Dazu trägt er am Samstagabend übrigens eine Lederjacke mit „Wicked“-Aufschrift (der Titel eines Scooter-Albums) zum 750-Euro-Designershirt.

Tatsächlich, das ist die wichtigste Erkenntnis nach dem Spektakel, sind die eben angeführten Argumente vielmehr Gründe für den Besuch eines Scooter-Konzerts. Wer sich darauf einlässt und den sonst möglicherweise etwas anspruchsvolleren Geschmack an der Garderobe abgibt, erlebt etwas Besonderes: Die Hits, die Scooter einen nach dem anderen, vom Intro bis zum gerne bombastischen Finale spielen, verschwimmen; das Konzert wird zu einer äußerst unterhaltsamen Erlebnisreise, an deren Ende man sich kaum an Details erinnern kann. Das gelingt nicht vielen Bands. Es macht allerdings auch kaum einen Unterschied, ob man zu „Hyper Hyper“ oder „Jigga Jigga“ die Hände in die Luft wirft oder wie die meisten Besucher um einen herum mitgrölt. Den musikalischen Vortrag kann man, weil vieles aus dem Computer kommt und Baxxters Stimmumfang überschaubar ist, kaum bewerten. Wichtig ist, dass es rumst. Und das tut es.

Das Auge isst bei so einem Event immer mit, und die Show bleibt sehr wohl auch in detaillierter Erinnerung. Zum Song „Fire“ beispielsweise spielt Baxxter tatsächlich und hörbar eine flammenspeiende Flying-V-Gitarre, die hier als ironisches Heavy-Metal-Zitat zu verstehen ist. Dazu hüpfen die Tänzerinnen in schwarzen Badeanzügen und die Tänzer in weißen Hosen und roten Sporttrikots über die Bühne. Was übrigens bestens zur VfB-Trikotdichte passt; nach dem Heimsieg sind einige offenbar gleich in Cannstatt geblieben.

Die AC/DC des Techno

Seit 25 Jahren geht das so, allerdings ist die aktuelle Tour als die aufwendigste der Bandgeschichte angekündigt – und als Retrospektive einer Band, deren bis heute erfolgreiche neue Songs meist genau so klingen wie die Hits davor. Gerade das schätzen die Fans, und das macht Scooter zu den AC/DC der elektronischen Tanzmusik. Die australische Gruppe hat einst den Hard Rock kanonisiert, Scooter schreiben den in Großraumdiscos geprägten, überdrehten Sound bunter Neunzigerjahre-Raves fort. Die Fans tragen dazu Neonfarbenes und Knicklichter und strecken, auch das ein Rave-Zitat, fürs Selfie die Zunge raus.

Die Band und ihr Publikum sind gemeinsam das Erlebnis: sie verwandeln die Porsche-Arena in einen gewaltigen, überdrehten Rave-Zoo, bei dem der größte Spaß darin besteht, wissentlich ein Teil davon zu sein. Mehr Eskapismus geht nicht. Bora Bora Bora: Wir verstehen uns.

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