Die Zahl der Bäder in Baden-Württemberg geht zurück. „Wir tingeln eben über die Dörfer und trainieren auf 25-Meter-Bahnen“, beklagt die Schwimmerin Vanessa Grimberg aus Stuttgart Foto: dpa

Württembergs Schwimmerverband beklagt einen Mangel an Talenten sowie deren Abwanderung in andere Bundesländer. Zudem geht die Zahl der Bäder im Südwesten zurück.

Stuttgart - Nur Vanessa Grimberg genügte höheren Ansprüchen. Die Studentin von der SV Region Stuttgart gewann bei den deutschen Meisterschaften in Berlin die 100 und 200 Meter Brust. Damit nahm die 22-Jährige die erste Qualifikationshürde auf dem Weg zur WM in Kasan (24. Juli bis 9. August) mit Bravour. Ansonsten hatte keiner der württembergischen Starter auch nur den Hauch einer Chance auf ein WM-Ticket.

Ein Zustand, der seit Jahren anhält. Kaum schwingen sich Talente zu höheren Weihen auf, verlassen sie das Land. Steffen Deibler und sein inzwischen zurückgetretener Bruder Markus, Kurzbahn-Weltmeister über 100 Meter Lagen, wechselten vor fünf Jahren von der TG Biberach zum Hamburger SC. Clemens Rapp, 2014 Europameister mit der Freistil-Staffel und heute beim SV Nikar Heidelberg, sowie die Ex-Teamweltmeisterin im Freiwasser, Isabelle Härle (SG Essen), begannen beim TSV Bad Saulgau. Die Liste ist fortsetzbar: Annika Bruhn (22) ging 2014 vom SV Bietigheim zur SSG Saar Max Ritter. Hintergrund: Württembergs Landestrainer Rainer Tylinski heuerte vor zwölf Monaten als Nationaltrainer in Kuwait an, sie in Saarbrücken – seitdem läuft es bei ihr.

Die Talente aus dem Land kommen über den Status „Eintagsfliege“ nicht hinaus, die Gründe sind vielschichtig. Vor allem fehlt es an Trainingsmöglichkeiten, immer häufiger schließen Hallenbäder oder sind in wichtigen Trainingsphasen nicht nutzbar – wie das Inselbad Untertürkheim mit seiner 50-Meter-Bahn. Vier Wochen dauert es, bis die Traglufthalle abgebaut ist und der Sommerbetrieb aufgenommen werden kann.

„Wir tingeln eben über die Dörfer, trainieren auf 25-Meter-Bahnen“, klagt Vanessa Grimberg, die mit Trainer Jan König deshalb ein Trainingslager in Florida gebucht hat. Der SV Cannstatt kämpft seit mehr als 18 Monaten um die Sanierung des Hallenbades, viele Schwimmer wechselten daher zu Vereinen in der Umgebung; beim VfL Waiblingen war das Bad ebenfalls für längere Zeit wegen Sanierungsarbeiten geschlossen.

„Wir machen möglich, was wir können“, sagt Schwimmwart Holger Kilz (Ulm) vom Schwimmverband Württemberg (SVW). „Natürlich gibt es in anderen Bundesländern bessere Bedingungen, aber wir könnten die vorhandenen besser nutzen“, sagt Landestrainer Farshid Shami, „wir müssen es nur wollen.“ Seit seinem Amtsantritt im Oktober ist Shami durch die Lande gefahren und hat sein Konzept bei Vereinen, Trainern und Eltern vorgestellt. „Ich habe jetzt ein Bild von den Bedingungen“, sagt er, „nun müssen wir mit der Umsetzung beginnen.“ Sein Ziel sind ein oder zwei Olympiateilnehmer aus Württemberg bei den Spielen 2020.

Nur dezent blühen erste Pflänzchen. So stellt der SV Schwäbisch Gmünd zwei Athleten bei der Junioren-EM 2015 in Aserbaidschan – ein Novum im Land. Seit vier Jahren war kein Württemberger bei einer Junioren-EM dabei. Zuletzt hielt Vanessa Grimberg 2009 die Landesflagge hoch, sie gewann damals Gold über 4 x 100 Meter Lagen und Silber über 50 Meter Brust. Für den Gmünder Henning Mühlleitner, der seit 18 Monaten meist in Saarbrücken trainiert, ist es nach Gold 2014 über 4 x 200 Meter Freistil der zweite Start bei der Nachwuchs-EM, Maximilian Forstenhäusler feiert Premiere. „Eine Einzelmedaille wäre nicht schlecht“, sagt der 17 Jahre alte Schüler.

In Schwäbisch Gmünd wünscht man ihm diesen Erfolg, da der Verein seit Jahrzehnten um eine 50-Meter-Bahn kämpft. Eine Entscheidung soll demnächst im Gemeinderat fallen. Zudem würde der Standort nur zu gerne das Prädikat eines Vereinsstützpunktes des Verbandes erhalten – die befinden sich derzeit in Bad Saulgau, Ulm und Sindelfingen. Während es in Oberschwaben wenig Klagen gibt, sind die beiden anderen Kaderschmieden auf das Abstellgleis geraten.

Ulm verlor kürzlich drei Spitzenkräfte nach Heidelberg (Mark Fischer), Darmstadt (Julius Flohr) und Potsdam (Jeremy Diem). Zudem ging der langjährige Coach Günther Ahlemann in Rente, Nachfolgerin Anne-Kristin Ruess befindet sich noch in der Einarbeitungsphase. In Sindelfingen geht Peter Dlucik 2016 in den Ruhestand, die Nachfolge ist noch offen. „Unsere Stützpunkte müssen auf den Prüfstand. Wir müssen schauen, ob wir nicht eine Umstrukturierung vornehmen sollten“, sagt SVW-Schwimmwart Kilz. Damit bald wieder erfolgreiche Schwimmer aus Württemberg kommen – und auch dort bleiben.

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