Die Schwimmerin Angelina Köhler wird in Paris Vierte – hinter einer Chinesin, die ein Dopingverdacht umweht. Wie geht die Weltmeisterin damit um?
Eigentlich könnte das, was in diesem Jahr so alles passiert ist und noch geschehen wird, den leicht abgewandelten Titel eines erfolgreichen Kinostreifens tragen: „Die fabelhafte Welt der Angelina“. Die Schwimmerin ist in diesem Jahr Weltmeisterin geworden, sie ist in einem olympischen Finale ins Becken gesprungen – und auch Lebenstraum Nummer drei wird noch in Erfüllung gehen: die Reise nach Bora Bora inklusive Segeltörn. Womöglich wird die 23-Jährige dort sogar mit Buckelwalen tauchen. Davor geht es mit Freundinnen nach Sardinien. Kann man mit Blick auf all das traurig sein?
Angelina Köhler, Schwimmerin aus dem rheinland-pfälzischen Dernbach, gab sich am Montagmorgen alle Mühe, wieder etwas Zufriedenheit und Zuversicht auszustrahlen – und meinte: „Ich habe eine tolle Leistung gebracht.“ Auch in diesem Satz kam folgendes Wort vor: „trotzdem“. Trotz Platz vier im Finale über 100 Meter Schmetterling. Und so appellierte sie einerseits, die Öffentlichkeit solle doch bitte auch dieses knappe Verpassen einer Medaille als starke Performance wertschätzen: „Ich habe genau so viel dafür gearbeitet.“ Aber sie gab selbst zu, dass es ihr unfassbar schwerfalle, die Enttäuschung zu verarbeiten.
„Auch mit einer Nacht Abstand“, sagte sie und ergänzte später: „Vielleicht brauche ich auch ein paar Wochen, um damit klarzukommen.“ Denn: „Der vierte Platz ist nicht das, wofür man schwimmt.“ Doch der war es geworden.
Als amtierende Weltmeisterin war Angelina Köhler angereist, am Ende des Rennens in der unglaublichen Atmosphäre der Arena im Pariser Stadtteil La Défense (Köhler: „Absoluter Wahnsinn“) schlug sie als Vierte an. Hinter den Amerikanerinnen Torri Huske und Gretchen Walsh – sowie Yufei Zhang. Danach war sie in Tränen aufgelöst aus der Schwimmhalle gelaufen. Dass ihr ausgerechnet die Chinesin Bronze um 21 Hundertstelsekunden weggeschnappt hat, gibt dem Ganzen eine weitere, eine vielleicht besonders bittere Note. „Es ist“, sagte Angelina Köhler, „ein schwieriges Thema.“
Das ist es tatsächlich. Nicht nur für die deutsche Schwimmerin.
Doping der Konkurrenz aus China? „Komplexer Fall“
Der Fall ist mittlerweile oft und hitzig diskutiert worden. Die Kurzversion geht so: Im Jahr 2021 wurden chinesische Schwimmerinnen und Schwimmer positiv auf das Herzmittel Trimetazidin getestet. Es wurde jedoch bestritten, wissentlich gedopt zu haben. Die chinesische Anti-Doping-Agentur erklärte, Verunreinigungen in einer Hotelküche hätten zu den positiven Testergebnissen geführt. Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) folgte dieser Erklärung und den vorgelegten angeblichen Beweisen – und sanktionierte die Athletinnen und Athleten nicht.
Zuletzt ergaben Recherchen unter anderem der ARD jedoch, dass sich einige der betroffenen Sportlerinnen und Sportler offenbar gar nicht in besagtem Hotel aufgehalten hatten. Es hagelte Kritik an der Wada, die sich von unabhängiger Stelle jedoch hat bestätigen lassen, richtig gehandelt zu haben. Nach den neuesten Erkenntnissen wird es aber womöglich weitere Untersuchungen geben. „Ein komplexer Fall“, sagt Eva Bunthoff. Das Vorstandsmitglied der deutschen Anti-Doping-Agentur (Nada) ergänzt: „Wir hoffen auf Antworten.“ Das hofft Angelina Köhler auch.
Denn: Diejenige, die am Sonntag in Paris die Bronzemedaille umgehängt bekam, gehört zu den elf chinesischen Schwimmerinnen und Schwimmern, die positiv getestet worden sein sollen, und dennoch bei den Spielen in der französischen Hauptstadt ins Wasser springen. Yufei Zhang bestreitet, je gedopt zu haben. Angelina Köhler betont: „Es gilt die Unschuldsvermutung, sie hat die Medaille erst einmal verdient.“ Ihr ist aber anzumerken, dass die Lage sie nicht wirklich zufriedenstellt.
„Ich hoffe einfach nur, dass noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet wird“, sagte sie am Montagmorgen im Deutschen Haus in Paris und sprach dann doch von einem „bitteren Beigeschmack“. Sie selbst, betonte die 23-Jährige, stehe für sauberen Sport. Den sie weiter zeigen und fortentwickeln will. In Paris, aber auch darüber hinaus.
Ziel ist nun eine Medaille 2028
„Ich will die Spiele jetzt noch genießen“, sagte Angelina Köhler, für die es stets eine besondere Herausforderung bedeutet, das innere Gleichgewicht zu finden – sie leidet an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), berichtete zudem, als Jugendliche gemobbt worden zu sein. Ihre Energie soll nun noch in die Staffelrennen fließen; wie genau diese aufgestellt sein werden, steht aber noch nicht fest. Und nach ein paar Tagen Urlaub bei der Oma und der Traumerfüllung in der Südsee geht vom kommenden Jahr an der Blick in Richtung 2028.
Dann finden die Sommerspiele in Los Angeles statt – und Angelina Köhler hat schon jetzt recht klare Vorstellungen, wie das dann laufen soll: „Ich will wieder um die Medaillen mitschwimmen. Und ich hoffe, dass es dann kein vierter Platz mehr ist.“
Sondern Gold, Silber oder Bronze. Was dann fast schon filmreif wäre – in der fabelhaften Welt der Angelina.