Schaulustige erwarten die Ankunft des 300-Tonnen-Kolosses. Foto: SDMG

Ein Transformator ist vom Nagolder Bahnhof zum Oberjettinger Umspannwerk gebracht worden: Mehrere Hundert Menschen folgten der Einladung der Gemeinde, live dabei zu sein.

Es ist eine außergewöhnliche Szenerie, die sich in am späten Montagabend ab rund 22.30 Uhr an der Jettinger Nordumfahrung bietet. Nach und nach strömen Menschen zu Fuß aus dem nahegelegenen Gewerbegebiet heran, weil sie sich ein besonderes Erlebnis nicht entgehen lassen wollen. Denn ein Schwertransport mit einem 300-Tonnen-Transformator an Bord ist ein seltenes Spektakel.

 

Um die Wartezeit am Straßenrand hinter den Betonleitplanken zu verkürzen, verkaufen Mitglieder des VfL Oberjettingen Glühwein und Punsch aus dem Kofferraum eines Autos heraus – Strom und Licht liefert ein Fahrzeug der örtlichen Feuerwehr. Die im Vorfeld verbreitete Info, eigene Tassen mitzubringen, hat sich im Ort herumgesprochen.

Technikinteressierte sind hautnah dabei. Foto: Käthe Ruess

Schwertransport bei Oberjettingen: Kommt das mehr als 70 Meter lange Gespann um die Kurven?

Gegen 23 Uhr kündigen dann vermehrte orangene Blinklichter und das Blaulicht der Polizeiautos, die den Schwertransport begleiten, dessen Kommen an. Doch ein Kreisverkehr, bei dem die Vorhut der Spezialisten für besondere Ladungen bereits die Schilder demontiert haben, verlangsamt zunächst die Fahrt. Rund eine viertel Stunde später passiert das mehr als 70 Meter lange Lastwagengespann den Public-Viewing-Punkt, an dem sich geschätzt mehrere Hundert Menschen versammelt haben. Noch zwei weitere Kreisverkehre, dann hat der besondere Transport das Oberjettinger Umspannwerk erreicht. Als letzten Akt wird am Dienstag der Trafo auf das vorbereitete Fundament umgesetzt.

„Die Strecke hat es in sich“, meint Michael Weber, der Fahrer des vorderen Zugfahrzeugs der Spedition Kübler aus Michelfeld. Zuerst ein Bergabstück gleich nach dem Nagolder Bahnhof, dann ein relativ scharfer Linksknick hinein in den Eisbergtunnel, danach der erste von insgesamt fünf Kreisverkehren.

Damit der Schwertransport solche Hindernisse überhaupt passieren kann, wird der Trafo mit einer eigens entwickelten Hubhebelbrücke, auch Seitenträgerbrücke genannt, transportiert. Diese besteht aus zwei komplett voneinander getrennten Tiefladern mit je zwölf Achsen, von denen jeder insgesamt 48 Räder zählt. Dazwischen hängt der Trafo freischwebend, gekoppelt und mit dicken Bolzen gesichert, und kann so angehoben und abgesenkt werden.

Da wird die Nacht zum Tag gemacht. Foto: SDMG

Tempo 20: 200 Höhenmeter muss der Riesentross überwinden

Auf freier Strecke könne der Gespannverbund, den ein Zug- sowie ein Schubfahrzeug jeweils mit vier Achsen komplettiert mit Tempo 20 fahren, so Weber. Auf der Steigungsstrecke zwischen Nagold und Jettingen – insgesamt rund 200 Höhenmeter müssen überwunden werden – geht es dann trotz eines dritten Zugfahrzeugs eher in Schrittgeschwindigkeit voran. Weil der Wettergott dem Vorhaben hold ist und die Strecke schneefrei ist, wird keine vierte Zugmachschiene benötigt.

Bereits am Montagvormittag zieht der von Siemens Energy hergestellte Transformator, der zuerst von Nürnberg bis Mannheim mit dem Schiff unterwegs war und dann von Mannheim über Tübingen über die Schiene transportiert wurde, im hinteren Teil des Nagolder Bahnhofsgeländes die ersten Blicke Technikinteressierter auf sich. Dort hängt er – ebenso freischwebend – wie zwischen den Tiefladern zwischen zwei speziellen Bahnwaggons, die gemeinsam einen sogenannten Tragschnabelwagen bilden.

300-Tonnen-Trafo: Warum ist kein Kran involviert?

Das Umsetzen von der Schiene erfolgt nicht, wie vielleicht der ein oder andere Zuschauer gedacht hat, per Kran, sondern mit einem hydraulischen Zugsystem, das aus zwei parallelen Schienen besteht. Mit diesem wird der Trafo, der optisch unspektakulär als eine Art grauer Container daherkommt, seitlich versetzt. Dafür bauen die Speditionsmitarbeiter ein mobiles Fundament auf Metallplatten sowie Metallträgern, die ein Montagekran aus zwei weiteren Begleit-Lastwagen heraushievt.

Dabei ist Millimeterarbeit gefragt. Denn der Unterbau der beiden Teile, den die Arbeiter mit Holzbalken- und -platten ausgleichen, muss sowohl höhengleich als auch perfekt im 90-Grad-Winkel zu den Schienen ausgerichtet sein, bevor der Koloss abgesenkt und von den beiden Waggons gelöst wird. Mit bloßem Auge ist es dann kaum zu erkennen, wie sich der Trafo, der als Spannungswandler Bindeglied zwischen Übertragungsnetz (380 Kilovolt Spannung) und Verteilnetz (110 Kilovolt Spannung) fungieren wird, zur Seite bewegt.

Für die mehr als 1000 Schaulustigen entlang der Strecke war der Transport ein ganz besonderes Ereignis. Die Gemeinde Oberjettingen hatte ja zum Public Viewing geladen – vielleicht empfiehlt sich derlei durchaus zur Nachahmung, um der Bevölkerung spannende Infrastrukturprojekte nahe zu bringen.

Jettingen in der Energiewende

Umspannwerk
Seit 2024 erweitert der Betreiber TransnetBW das aus den 1970er-Jahren stammende Werk. Die Erweiterungsarbeiten, die schon weit fortgeschritten sind, sollen noch in diesem Jahr beendet werden. Dann beginnt der Umbau des bisherigen Umspannwerkes – alles bei laufendem Betrieb. 2031 soll das rund 200 Millionen Euro teure Vorhaben abgeschlossen sein.

Strom-Drehscheibe
Außer der Umspannwerkserweiterung soll auf Jettinger Gemarkung auch die Gleichstrom-Hochspannungstrasse SüdWestLink enden, wofür ein Konverter-Standort gebraucht wird. Wegen der in Sichtweite des Ortes geplanten Windkraftanlagen im Staatswald und auf Herrenberger Gemarkung sowie erster eingegangener Bauvoranfragen für Batteriegroßspeicher, deren Bau noch nicht feststeht, warnt Jettingen Bürgermeister Hans Michael Burkhardt vor einer übermäßigen Belastung der Gemeinde bei der Energiewende.