Ein Traum für Eltern: Kinder, die gerne Gemüse essen. Sogar rohen Fenchel mögen die Kleinen in der Zwergenfarm. Foto: Eveline Blohmer

In der Zwergenfarm wird täglich frisch eingekauft und gekocht. Dabei greifen die 22 Zwerge, die in der Eltern-Kind-Gruppe betreut werden, auch zu Gerichten, die die meisten Kinder verschmähen würden.

Degerloch - In der Zwergenfarm bietet sich an jenem Mittag ein Bild wie aus einer Werbekampagne des Bundesgesundheitsministeriums: herzige Kinder, die beherzt zu Paprika, Fenchel, Gurke greifen und sich ihr vor Ort zubereitetes und ausschließlich aus Bio-Lebensmitteln bestehendes Mittagessen schmecken lassen. Für das sogenannte Brokkoli-Blech, eine Art Flammkuchen mit einem Belag aus Brokkoli, Speck und Schmand war die einrichtungseigene Köchin Doro Boettle-Leppert am Morgen einkaufen und den Vormittag über in der Küche beschäftigt.

Drei Tage in der Woche geht Boettle-Leppert für die 22 Zwerge und deren siebenköpfiges pädagogisches Personal in Degerloch einkaufen und kocht. An den anderen beiden Tagen übernehmen das Eltern im Wechsel. Dafür müssen sie sich vom Gesundheitsamt Hygieneregeln beibringen lassen und alle vier bis sechs Wochen freimachen für den Einsatz am Herd. Der Kochplan steht laut Regina Nicklaus etwa einen Monat im Voraus. Der Vorteil vom täglichen Einkaufen und Selbstkochen liegt für die Leiterin der Degerlocher Eltern-Kind-Gruppe auf der Hand: „Es ist immer frisch, und man kann darauf eingehen, was die Kinder mögen und auch problemlos auf Allergien oder Ähnliches.“

Gesund ohne Fundamentalismus

Was in der Zwergenfarm auf die niedrigen Tischchen kommt, ist in der Konzeption des Vereins verankert. So gibt es zum Beispiel keine süßen Mittagessen oder Fertigprodukte, Geschmacksverstärker sind tabu, Rohkost oder Salat stehen täglich auf dem Speiseplan, Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft und Fisch jeweils einmal in der Woche. „Wir sind aber nicht fundamentalistisch: Es gibt natürlich auch Geburtstagskuchen“, sagt Nicklaus, die ein Verbot von Süßem auch schwierig fände, weil die Kinder einen gesunden Umgang mit Essen lernen sollen. Dazu gehört laut Nicklaus auch, dass die Erzieher, der Praktikant, der Bundesfreiwilligendienstler und auch mal ein Elternteil in der Eingewöhnung mit am Tisch sitzt und es sich schmecken lässt: „Es wirkt auf die Kinder, wenn wir mitessen und sagen: ,Hmm, das schmeckt!‘.“

Wenn es mal nicht schmeckt – wie beispielsweise das eine und einzige Mal, als Boettle-Leppert Rosenkohl aufgetischt hat – kommt die Rückmeldung prompt und schonungslos, erzählt sie. Kindermund tut eben Wahrheit kund. Wobei es manchmal gar nicht zwingend der Mund ist: Auf die Frage, was denn sein Lieblingsessen sei, deutet Ole mit beiden Zeigefingern auf seinen Mund. Sagen kann er gerade nichts, die Backen sind voll mit Brokkoli-Blech.

Backofen- versus Salzkartoffeln

Für die kindergaumenkompatible Zubereitung des grünen Gemüses hat Boettle-Leppert frischen Hefeteig zubereitet, acht Brokkoli-Köpfe geschnitten und blanchiert, gebratene Speckwürfel mit saurer Sahne, Schmand, Gouda und Kräutersalz vermengt, alles auf acht Bleche verteilt – und die beiden Backöfen verbal angefeuert, weil der Hunger pünktlicher da war als das Essen fertig. Die kleine Verspätung macht den großen und kleinen Essern, die von 11.30 Uhr an das Esszimmer neben der großen Küche entern, aber offensichtlich nichts aus. Manchmal geht laut Boettle-Leppert aber schon etwas schief: „Das Schlimmste war einmal ein Stromausfall.“ Seit elf Jahren arbeitet sie bei der Zwergenfarm und hat mit der Zeit ein Gefühl für die Mengen entwickelt. Wobei es in einer Kindertagesstätte doch einige Variablen gibt, beispielsweise Krankheitswellen, durch Wachstumsphasen bedingten Heißhunger, neue Kinder – oder eben Vorlieben: „An Backofenkartoffeln kann ich eigentlich gar nie genug machen. Das sieht bei Salzkartoffeln ganz anders aus“, sagt Boettle-Leppert.

Wenn etwas übrig bleibt, packen sich auch mal Eltern oder Erzieher was für daheim ein. Aus Hygienegründen darf es in der Kindertagesstätte nicht noch einmal zum Essen gereicht werden. Die Hygieneregeln sind es auch, die den Unterschied zwischen der Zwergenfarmküche und der einer durchschnittlichen Familie ausmachen: Hier wie dort verteilt sich das Mehl, hier wie dort spielen die Kinder im Garten vor dem Küchenfenster, während drin gekocht wird. Doch die Lappen, mit dem zum Beispiel Mehl in der Zwergenfarm weggeputzt wird, müssen täglich gewaschen werden, und der Blick auf die spielenden Kinder wird vom vorgeschriebenen Fliegengitter gesiebt. Außerdem müssen alle Zusatzstoffe deklariert werden. Wegen der Allergiker. Die gebe es häufiger, sagt Boettle-Leppert, vor allem Kuhmilch müsse sie öfter mal weglassen. Und andere Besonderheiten in der Ernährung wie der Verzicht auf Schweinefleisch bei einer muslimischen Erzieherin werden ebenfalls berücksichtigt, heute mit einem Brokkoli-Blech ohne Speck. „Wenn man selber kocht, kann man viel schneller reagieren“, meint auch die Köchin. Schnell muss es jetzt allerdings gehen: Es ist 11.30 Uhr, und der Duft von Speck und Brokkoli lockt die hungrigen Mäuler und Mäulchen an.

Informationen zur Zwergenfarm

In der Eltern-Kind-Gruppe werden derzeit 22 Kinder zwischen einem und sechs Jahren im Ganztagesbetrieb betreut. Sie sind aufgeteilt auf eineinhalb Gruppen. Um diese kümmern sich derzeit fünf Erzieherinnen, ein Bundesfreiwilligendienstler und aktuell ein Praktikant. Der Verein finanziert sich über die Beiträge der Mitglieder, also der Eltern, sowie über Spenden und Unterstützung von Stadt und Land. Wer sein Kind in der Zwergenfarm unterbringen möchte, muss bereit sein, sich selbst einzubringen, ein Amt und eben den Kochdienst zu übernehmen.

Wer sich über die Einrichtung an der Ahornstraße 11 informieren oder sich als Erzieher bewerben möchte, kann dies online tun. Die E-Mail-Adresse lautet zf@zwergenfarm-degerloch.de.

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