Anita Eßling hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich: Sie ist von Geburt an auf dem rechten Ohr taub. Doch erst mit 30 Jahren bekam sie ein Hörgerät. Foto: Claudia Leihenseder

Anita Eßling hat ihr Leben in die Hand genommen und sich Hilfe beim Schwerhörigenverein in Stuttgart-Vaihingen geholt. Sie erzählt, wie sie von der Selbsthilfegruppe profitiert hat.

Vaihingen - Wie ist es, nur auf einem Ohr zu hören – und das auch schon ziemlich schlecht? Wie ist es, auf einer Weihnachtsfeier zu sein und im Stimmengewirr nichts zu verstehen? Oder im Kino bei einem spannenden Film einzuschlafen, nur weil das Hören den ganzen Tag über so anstrengend war? Wie sich das alles anfühlt, das weiß Anita Eßling nur zu genau. Die 46-Jährige ist von Geburt an auf dem rechten Ohr taub. Seit zwei Hörstürzen hört sie auf dem linken Ohr nur noch recht wenig. Wie sie mit ihrer Schwerhörigkeit umging, wie sie sich erst spät im Leben Hilfe holte – und nun Lösungen und offene Ohren gefunden hat, davon erzählt sie nun.

Anita war fünf Jahre alt, als bei einem Test im Kindergarten festgestellt wurde, dass sie wohl „schlecht hört“. Mehr passierte nicht. Sie ging zur Schule, wurde größer. Ihr Problem blieb. Dass ihre Hörschnecke im rechten Ohr wohl seit der Geburt deformiert war und sie nie auf diesem Ohr hören konnte – und auch nie hören wird – das wurde erst viel später festgestellt.

Vor fünf Jahren bekam sie Panik in der Sauna

„Als Kind war mir nicht bewusst, dass ich Probleme mit dem Hören habe“, sagt Anita Eßling. Nur manchmal stieß sie bewusst an ihre Grenzen. Etwa, wenn sie mal von Weitem gerufen wurde und sie den Rufer nicht orten konnte. Als Kind war sie schlicht ruhiger als andere, beteiligte sich weniger an Gesprächen und fühlte sich als Jugendliche bei schnellen Diskussionen oder Wortwechseln abgehängt. Doch Gedanken darüber, woran das liegen könnte, machte sie sich nie. Mit 30 Jahren bekam sie ihr erstes Hörgerät. Doch erst mit Mitte 30 begann sie, sich aktiv mit ihrem Problem zu beschäftigen.

„Ich hatte ein Schlüsselerlebnis in der Sauna“, erzählt die Maschinenbauingenieurin und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Bei einem Saunagang vor fünf Jahren kam die Frau mit den dunklen langen Haaren mehr ins Schwitzen, als gedacht: Ohne Hörgerät saß sie in der Kabine – bereit für die nächste Schwitzkur. Doch als ein Mitarbeiter des Betreibers hereinkam und eine Einweisung für die Schwitzenden gab, hörte Anita Eßling nichts: „Ich hatte Angst, weil ich nicht verstand, was er sagte“, erinnert sie sich. Ein Gefühl von Panik kam damals bei ihr auf.

Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit

Da wusste sie, dass sie Hilfe braucht. So wandte sie sich an eine Audiotherapeutin, die ihr half, mit ihrer Angst umzugehen. Denn – so die kreisenden Gedanken von Anita Eßling – was würde werden, wenn auch das linke Ohr irgendwann schlechter wird? „Die Technik war für mich nicht das Problem, sondern mein eigener Umgang mit meiner Schwerhörigkeit“, erzählt sie.

Durch einen Tipp der Audiotherapeutin kam Eßling schließlich zum Schwerhörigenverein Stuttgart, der in Vaihingen an der Heßbrühlstraße zu Hause ist. Dort fand Eßling unkomplizierte Hilfe. Sie ging regelmäßig zu Seminaren und Vorträgen, bildete sich so selbst fort. Als das Thema Resilienz auf der Tagesordnung stand und sich die Selbsthilfegruppe des Vereins zu diesem Thema austauschen wollte, kam der von ihr gesuchte Anlass, auch mal dort vorbeizuschauen. Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit; es ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sogar an ihnen zu wachsen.

Sie arbeitet noch immer daran, ihre Schwerhörigkeit zu akzeptieren

Das war vor rund eineinhalb Jahren. Und seitdem geht Anita Eßling zu jedem Treffen. „Man kann so sein, wie man ist – ohne Druck, dass man etwas verstehen muss“, sagt die Frau und lächelt: „Man kann in der Gruppe auftanken.“ Sie habe sehr nette Menschen kennen gelernt und viele Erkenntnisse mitgenommen. Etwa die, dass es für jeden Schwerhörigen schwer sei, immer wieder einzufordern, dass der Gesprächspartner laut, deutlich und ihnen zugewandt spricht. „Die Treffen sind sehr konstruktiv“, sagt Eßling.

Für sie geht es nach wie vor um einen persönlichen     Entwicklungsprozess. Noch immer arbeite sie an der Akzeptanz der eigenen Schwerhörigkeit. „Ich lerne noch immer etwas dazu.“ Was sie bereits mitgenommen und gelernt hat: „Man kann aktiv etwas tun.“ Zum Beispiel könne der Schwerhörige eine Gesprächssituation von vornherein zu seinen Gunsten beeinflussen und die Kommunikation so verbessern: etwa den Gesprächspartner so hinsetzen, dass Licht in sein Gesicht fällt, so dass man die Lippenbewegungen besser sieht. Mit solchen und anderen Tipps habe ihr die Selbsthilfegruppe geholfen, den Druck im Alltag herauszunehmen und ihre eigenen Grenzen anzuerkennen.

Das funktioniert auch im Großraumbüro, in dem sie arbeitet: Dort werde oft geflüstert, was Eßling einfach nicht verstehe. Ihre Lösung ist inzwischen: Sie bittet einfach ihre Gesprächspartner, kurz in einen anderen Raum mit ihr zu gehen, damit sie sich besser unterhalten können. „Die Selbsthilfe wirkt“, sagt Eßling – und freut sich schon auf das nächste Treffen der Gruppe im Januar.

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