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Während sich Rettungsteams aus aller Welt nach Haiti aufmachen, kommt die Hilfe in den vielfach von Leichen übersäten Straßen der vom Beben zerstörten Hauptstadt nur langsam an.

Port-au-Prince - Rund 68 Stunden nach dem Erdbeben in Haiti hat ein australisches Fernsehteam ein kleines Mädchen aus den Trümmern seines Elternhauses gerettet. Das 16 Monate alte Kind habe neben einer Leiche gelegen und geschrien, berichtete ein Mitarbeiter des Kamerateams, David Celestino. Es überlebte dank einer Luftkammer, die sich bilden konnte, weil ein Schrank die eingestürzte Decke abhielt.

Die kleine Winnie erlitt nur ein paar Schürfwunden. Ihre Eltern sind tot. Nach der Rettung am Freitag nahm ein Onkel das Kind in die Arme. Dessen schwangere Frau kam ebenfalls bei dem Erdbeben vom Dienstag ums Leben. "Ich betrachte es jetzt wie ein eigenes Baby, weil meines gestorben ist", sagte Frantz Tilin der Nachrichtenagentur AP. Für die jetzt noch verschütteten Menschen wird die Zeit für eine Rettung immer knapper. Nach drei oder vier Tagen ohne Wasser gibt es nach Einschätzung von Ärzten kaum noch Hoffnung.

Zunehmend verzweifelt wird die Lage für die Überlebenden. Am Freitag häuften sich die Meldungen von Plünderungen. Junge Männer liefen mit Macheten durch die Straßen. Es kam zu Kämpfen um Nahrungsmittel, die aus Trümmern von Gebäuden gezogen wurden. "Wenn die Lage nicht bald kontrolliert wird, wird es zum Chaos kommen", sagte der Helfer Steve Matthews von der Organisation World Vision. Auf einem Friedhof vor der Stadt luden Lastwagen Dutzende von Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2000 Leichen auf einer Müllhalde. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schätzt, dass 45.000 bis 50.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

100 Verletzte beim Warten auf Behandlung gestorben

In Washington sagte US-Präsident Barack Obama: "Es liegen noch viele schwierige Tage vor uns." Die US-Streitkräfte übernahmen die Kontrolle des Flughafens von Port-au-Prince und koordinierten die Ankunft von Flugzeugen mit Hilfsgütern. Inzwischen sind mehrere hundert US-Soldaten in Haiti eingetroffen. Eine Luftlandeeinheit begann mit der Verteilung von Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten.

Die Versorgung der Verletzten ist weiter kritisch. Vor einem Zentrum der Organisation Ärzte ohne Grenzen starben rund 100 Menschen, während sie auf medizinische Behandlung warteten, wie der Leiter der Vertretung, Stefano Zannini, telefonisch mitteilte. Die häufigste Verletzung seien offene Knochenbrüche. Mehr als 3000 Verletzte wurden zur Behandlung in die benachbarte Dominikanische Republik gebracht.

Am Freitag landete eine Boeing 777 mit 250 medizinischen Helfern aus Israel, die mit den Arbeiten zur Errichtung eines Feldlazaretts begannen. Vor dem eingestürzten Präsidentenpalast harren mehrere tausend Obdachlose in einem Zeltlager aus. Seit Dienstag gebe es für sie kein Wasser, sagte die Krankenschwester Marimartha Syrel. Wenn keine Hilfe komme, so sagte die 21-jährige Straßenhändlerin Rivia Alce, "werden wir sterben".

Hilfsappell der Vereinten Nationen

Die Vereinten Nationen haben die internationale Gemeinschaft zu einer Soforthilfe von 550 Millionen Dollar für die Erdbebenopfer in Haiti aufgerufen. Drei Millionen Menschen seien dringend auf Nahrungsmittel, Wasser, Unterkunft und medizinische Notversorgung angewiesen, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Einsätze, John Holmes. Aufgrund der Auswertung von Satellitenaufnahmen stellten die Vereinten Nationen fest, dass mindestens 30 Prozent aller Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince beschädigt oder zerstört wurden. In einigen besonder schwer betroffenen Vierteln sind es 50 Prozent und mehr.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, die humanitäre Hilfe habe begonnen. Es sei allerdings "unvermeidlich, dass sie langsamer und schwieriger anläuft, als jeder von uns wünscht". Es gebe die Sorge, dass die Enttäuschung darüber in Gewalt umschlage.

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