Sabine Schief und Michael Munzinger hoffen immer, dass der Behindertenparkplatz vor der Haustür nicht belegt ist. Foto:  

Nach einer Hirnblutung ist Michael Munzinger auf den Rollstuhl angewiesen. Doch einen Behinderten-Parkplatz kann er nicht beantragen, weil er fünf Monate auf den Behindertenausweis warten muss.

Untertürkheim - Mit Bangen nähern sich Sabine Schief und ihr Lebensgefährte Michael Munzinger ihrem Wohnort in der Oberstdorfer Straße. Nach einer Hirnblutung im Mittelhirn kann Munzinger noch keine großen Strecken zurücklegen, ist auf den Rollstuhl angewiesen. In Wohnortnähe ist zwar ein Behindertenparkplatz, doch dieser ist fast immer belegt – von Autofahrern, die nicht behindert sind, die ihr Fehlverhalten und die Folgen für Betroffene aber auch nicht einsehen. Schief erntet eher dumme Kommentare anstatt Entschuldigungen. „Oft muss ich Michael dann mehrere hundert Meter mit dem Rollstuhl durch Untertürkheim schieben. Eine Plage. Etliche Bordsteine im Ortskern sind nicht abgesenkt“, erzählt die Kabarettistin. Dies ist einer der Momente, die Behinderten und deren Angehörigen den eh mühevollen Alltag unnötig schwer machen.

Bewunderswerter Wille

Vor einem Jahr hat sich das Leben bei dem Untertürkheimer Paar schlagartig verändert. „Nach einer Blutung im Mittelhirn lag Michael einige Wochen im Koma und überlebte eine gefährliche Operation“, erzählt Schief. Die Ärzte hatten wenig Hoffnung. Dank der Beharrlichkeit seiner Lebensgefährtin kam er in eine spezielle Reha-Klinik und macht ungeahnte Fortschritte. Seit September lebt er in der gemeinsamen, nun behindertengerecht umgebauten Wohnung, meistert auch 72 Treppenstufen, benötigt aber einen Rollstuhl. Der Wille ist bewundernswert, doch immer wieder müssen Hindernisse bewältigt werden.

Größtes Ärgernis: Vier Wochen vor Ende der Klinikaufenthalte im August konnten Schief und Munzinger einen Behindertenausweis beim Versorgungsamt beantragen. Sie hatten sämtliche ärztliche Unterlagen beigelegt. Nach einigen Tagen erhielten sie bereits ein Schreiben vom zuständigen Landratsamt in Böblingen. Aufgrund der vielen Anträge müssten sie mit einer Bearbeitungsdauer von vier bis sechs Monaten rechnen. „Ein Unding. Denn ohne den Ausweis können wir keinen Behinderten-Parkausweis beantragen, nicht kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und erhalten auch manche Zuschüsse nicht“, sagt Schief.

Behindertenbeauftragter entsetzt

Auch Stuttgarts Behindertenbeauftragter Walter Tattermusch ist von der langen Wartezeit überrascht und entsetzt. Seit der Verwaltungsreform vor 13 Jahren dürfen nur Landkreise die Aufgaben des Versorgungsamts ausführen. Böblingen hat deswegen eine Kooperation mit Stuttgart. „Pro Jahr werden 20 000 neue Anträge für Stuttgart und den Landkreis Böblingen bearbeitet. Im Bestand gibt es zudem etwa 127 000 Kunden“, sagt Rebecca Kottmann von der Pressestelle des zuständigen Landratsamts Böblingen. Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer betrage rund fünf Monate. Die Bearbeitung der Anträge bestehe aus drei größeren Zeitblöcken. „Zunächst muss das Versorgungsamt die behandelnden Ärzte und Gesundheitseinrichtungen anschreiben, um die erforderlichen medizinischen Auskünfte zu erhalten. Im zweiten Schritt werten ärztliche Gutachter die Unterlagen nach den gesetzlichen Bewertungsmaßstäben aus.“ Maßgebend sind Art und das Ausmaß der Funktionsbeeinträchtigung. Danach wird der Bescheid erteilt, mit dem der Grad der Behinderung festgestellt werden.

Erst mit dieser Bescheinigung kann Schief – dann beim Ordnungsamt der Stadt Stuttgart – einen Parkausweis beantragen. „Dieser Ausweis berechtigt die Betroffenen, auf einem Behindertenparkplatz oder an einer Parkuhr zu parken“, sagt Rainer Schlitter vom Ordnungsamt. Der Behinderte könnte sogar einen speziell auf sein Autokennzeichen reservierten Stellplatz beantragen. Dazu müsse er beispielsweise nachweisen, dass er keine Parkmöglichkeit in der Umgebung mieten kann. In Untertürkheim sind bislang 17 Behindertenparkplätze eingerichtet. Darunter auch welche vor Arztpraxen. Wer übrigens unerlaubt sein Auto auf einem dieser Stellplätze parkt, kann tief in die Tasche greifen müssen. Das Ordnungsgeld beträgt „nur“ 35 Euro. „Aber die Polizei lässt in solchen Fällen oft die Fahrzeuge abschleppen. Dann wird’s teuer“, so Schlitter.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: