Freeriden, Skifahren abseits der Piste, ist nur etwas für Könner. Foto: Dario Farronato/Zermatt Tourismus

Nicht nur ein Ziel für gut betuchte Promis - Freerider, die gerne auf anspruchsvollen Hängen ins Tal brettern, kommen auf ihre Kosten.

Zermatt - Es ist sehr, sehr früh. Aber es ist auch nicht gerade ein Spaziergang, der vor der kleinen Gruppe Sportbegeisterter liegt. 2500 Höhenmeter rauf, fast genau so viele wieder runter und dazwischen kilometerweise nichts als Schnee, Eis und Gletscherspalten. Als die Sonne über den Viertausendern des Wallis aufgeht, stehen sie mit ihren überbreiten Skiern im Schweizer Mattertal an der Bahn. Der Zug wird die Skifahrer hoch nach Zermatt bringen und von dort weiter aufs kleine Matterhorn auf knapp 3900 Meter Höhe. In den Rucksäcken der Gruppenteilnehmern steckt die komplette Ausrüstung für den Tag - Wechselkleidung, Proviant, Sicherheitspaket für Spaltenstürze und Lawinen. Skifahren abseits der Pisten ist angesagt: Freeriden.

„Aber wie lange das Wetter hält, kann man nie genau wissen“

Neben dem französischen Chamonix und Verbier in der Schweiz gilt Zermatt unweit der italienischen Grenze als Hotspot des Sports in den Alpen. Allerdings gibt es hier weniger Freaks und Puristen, die ein halbes Jahr irgendwo auf der Welt buckeln, nur um in den Wintermonaten die unverspurten Pulverhänge genießen zu können. Zermatt am Fuße des legendären Matterhorns ist elitärer. Wer sich hier oberhalb der 3500-Meter-Marke im freien Gelände bewegt, hat meist einen Bergführer dabei oder fliegt gleich mit dem Heli zu den schönsten Flecken Schnee. Alex Römer ist Profi-Bergführer. Für den Reiseveranstalter Hauser führt er immer mal wieder Gruppen in die wilde Bergwelt rund ums Matterhorn. An diesem Tag steht er mit seiner Gruppe oben an der Bergstation des kleinen Matterhorn und macht Druck. Die Tour, die die Gruppe geplant hat, wird mehrere Stunden dauern. Der Himmel ist blau, versetzt mit einigen wenigen Wolken. „Aber wie lange das Wetter hält, kann man nie genau wissen“, sagt Römer und blickt in den Himmel über Italien. „Los, los.“ Unter den Füßen des 38-Jährigen knirschen die Bindungen seiner Tourenskier im pulvrigen Schnee. Die Gruppe windet sich entlang eines Plateaus Richtung Osten. Vor den Skifahrern gleißen Breithorn, Liskamm, Castor und Pollux in der Sonne. Nirgendwo sonst in den Alpen gibt es so viele echte Viertausender auf einem Fleck wie hier am Ende des Mattertals. Nach einer Stunde macht die Gruppe halt.

Die Steigfelle, die bisher das Gehen auf dem hügeligen Plateau ermöglicht haben, werden von den Skiern gezogen; die Lawinenpiepser, die jeder unter seiner Jacke trägt, nochmals geprüft. Die erste Abfahrt des Tages steht auf dem Programm. Bergführer Alex ist immer der Erste, sein Kollege Peter Schatzl, auch ein Hauser-Profi, folgt zuletzt. Dazwischen reiht sich die Kundschaft. Noch ist der Schnee locker-fluffig, und so zieht die Gruppe ohne viel Mühe ihre Schwünge auf dem Gletscher abwärts nach Süden. Entlang holpriger Verwerfungen und mäßig steiler Genusshänge. Nach einigen Minuten Abfahrt ist aber schon wieder Schluss. Die gewählte Linie bringt die Alpinisten ab von ihrem eigentlichen Ziel. Wieder werden die Felle unter die Ski geklebt, und diesmal beginnt ein ziemlich schweißtreibender Aufstieg zum eigentlich Ausgangspunkt der Tour - dem Schwarztor. Das Schwarztor ist eigentlich kein Tor, sondern eine Lücke, die sich zwischen den Ausläufern zweier Viertausender erstreckt. Auf der einen Seite ist eine Nothütte für Alpinisten - eine Biwakschachtel - in den Fels gehauen. Sie soll Bergsteigern, denen bei anspruchsvollen Touren in der abgeschiedenen Bergwelt die Zeit ausgeht, Schutz bieten. Rechts erstreckt sich nun Italien, links eine der wohl prächtigsten Abfahrten in großem Umkreis, hinab auf den Gornergletscher.

Die Landschaft hier bietet das volle Programm

In der Hochsaison wagen sich täglich maximal 50 Skifahrer hier hinunter. Mehr sind es nicht, denn für normale Pistenakrobaten ist diese Tour wohl eher nicht zu empfehlen. Die zuerst relativ weitläufigen freien Hänge verengen sich bald in eine Art Rinne, deren Ränder von steilen Gletscherspalten gesäumt sind. Nur ortskundige und wirklich sehr erfahrene Alpinisten sollten sich hier ohne Führer hinunter­wagen, und auch nur, wenn sie sich zuvor im Tal genau über die Wetter- und Schneebedingungen am Berg erkundigt haben. Für Alex und Peter schlägt jetzt ihre Stunde. Die meterhohen Seracs, Türme aus Gletschereis, und blau schimmernden Gletscherbrüche, durch die sich die Gruppe gerade windet, bedeuten ein ziemliches Maß an Anspannung für die Routiniers. Immerhin gilt es, die Teilnehmer - allesamt sehr gute Skifahrer - einerseits hier sicher durchzubringen und ihnen andererseits den Spaß, sich skifahrerisch auszutoben, nicht durch permanentes Reinreden zu verderben. Die Landschaft hier bietet das volle Programm. Mal blickt man in die gähnende Leere metertiefer Gletscherspalten, dann wieder kommen Pulverschneehänge, die sich wegen der nördlichen Hangneigung der Route bis tief ins Frühjahr halten. Oder es tauchen unvermittelt bizarr geformte Eistürme vor den Alpinisten auf.

Bis zu den Hüften versinken die Skifahrer an einigen steilen Stellen im Schnee, bis die anspruchsvolle Route weiter unten sanft auf den Gornergletscher ausläuft. Zeit zum Ausschnaufen und zum Aufwärmen, denn kaum aus der Sonne, wird es auch am Nachmittag in weit über 3000 Meter Höhe ziemlich kalt. Zudem pfeift von der Monte Rosa - einem blockigen Bergmassiv, in dessen Zentrum mit der Dufourspitze der höchste Gipfel der Schweiz thront - ein eisiger Wind hinunter ins Tal. Dennoch: Bis zu den ersten der urigen und auch recht zahlreichen Skihütten, die Zermatt zu bieten hat, ist es noch mindestens eine Stunde. Die Schwarztorabfahrt ist nur eine von einer schier unendlichen Auswahl an ungespurten Variantenfahrtrouten. Mit den Höhenmetern verbrennen zusehends allerdings auch die Franken im Portemonnaie, denn die Schweiz - und insbesondere das mondäne Zermatt - ist nicht gerade ein günstiges Pflaster.

Infos zu Zermatt

Anreise
Am besten per Bahn über Bern, Sion bis Visp. Dort Umstieg in die Zahnradbahn und weiter nach Täsch und Zermatt. Preis ab Stuttgart ab 70 Euro einfach.

Unterkunft
Hotel Riffelberg, 3920 Zermatt, DZ mit Halbpension ab 299 Euro/Nacht, www.riffelberg.ch ;
Alpenstern Garni, Unterer Mattenweg 41 3920 Zermatt, DZ mit Frühstück ab 173 Euro/Nacht, www.alpenstern.ch.

Touren-Anbieter
Hauser Exkursionen, www.hauser-exkursionen.de. direkt vor Ort: Alpincenter Zermatt,www.alpincenter-zermatt.ch .

Allgemeine Informationen
www.myswitzerland.com, www.wallis.ch.

Was Sie tun und lassen sollten
Wer abseits der Piste fährt, der sollte auf jeden Fall ein Könner sein und zudem über die nötigen Kenntnisse der Bergwelt vor Ort verfügen. Früh aufstehen lohnt sich - zumal von fast überall das Matterhorn zu sehen ist. Wer in Zermatt unterwegs ist, sollte sich im Klaren sein, dass dieser Ort nichts für den kleinen Geldbeutel ist.

Auf keinen Fall sollte man Touren ganz auf eigene Faust unternehmen - zu gefährlich. Berg- und Skiführer lassen sich leicht im Touristenbüro im Zentrum Zermatts finden.

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