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Böblinger Kreisräte bremsen - Region Stuttgart soll für die Zugstrecke mitbezahlen.

Böblingen/Calw - Über die Gleise der früheren Schwarzwaldbahnstrecke Calw-Weil der Stadt rollt seit 1988 kein Zug mehr. Das soll sich bekanntlich ändern, doch auf dem Weg zur Rückkehr des Schienenverkehrs sind Hindernisse aufgetaucht. Sie verzögern ein 70-Millionen-Euro-Projekt, das vor allem dem Landkreis Calw nutzt.

Bis vor kurzem noch standen die Signale auf Grün. Der Plan sah so aus: Die Landkreise Calw und Böblingen sorgen für die Reaktivierung der Zugstrecke, die dann ans S-Bahn-Netz der Region Stuttgart angeschlossen wird. Sie finanzieren gemeinsam den Bau, kommen auch für die Betriebskosten auf. Calw muss, weil der Großteil der Strecke in diesem Kreis verläuft, deutlich mehr bezahlen. Als wahrscheinlich galt das Verhältnis 80 zu 20 Prozent. So haben sich die Landratsämter die bisherigen Kosten geteilt. Doch dann hat der Böblinger Kreistag die Gründung des geplanten gemeinsamen Zweckverbands, der den Zug auf die Schiene setzen soll, auf die lange Bank geschoben. Jetzt ist wieder offen, wie - und vielleicht sogar ob - dieser Abschnitt der Schwarzwaldbahn wiederbelebt wird. Auf der 1872 eröffneten Strecke war 1983 der Personen- und fünf Jahre später auch der Güterverkehr eingestellt worden.

Der Rückschlag

Roland Bernhard, seit Oktober 2008 Landrat in Böblingen, spürt "Ungeduld" in sich. Der 53-Jährige, zuvor Vizelandrat in Calw, will den Zug unbedingt - und zwar schnell. Doch er musste jetzt einen Rückschlag verkraften. Zehn Jahre lang haben die Nachbarkreise an einem Strang gezogen, Gutachten um Gutachten machen lassen - und dann gibt es Störfeuer. Vor allem von den Freien Wählern, der stärksten Fraktion im Kreistag. Deren Chef Wilfried Dölker sagt zwar, "es ist in unserem Interesse, dass die Bahnverbindung kommt", doch in der Bürgermeisterfraktion gibt es auch ganz andere Stimmen. Mit der Bahn wird der Kreis Calw mit seinen vergleichsweise niedrigen Grundstückspreisen für junge Familien schließlich noch attraktiver. Sie bauen ihre Häuser und zahlen ihre Steuern dort, sie sorgen für Leben in Kindergärten und Schulen - pendeln aber zum Arbeiten in den Nachbarkreis oder nach Stuttgart. Warum also in Böblingen für etwas bezahlen, das den eigenen Gemeinden schadet? Dölker jedenfalls will die Kreiskasse damit nicht belasten: "Für eine S-Bahn sind die Region und der Landkreis Calw zuständig."

Die Argumente

Wir erinnern uns, dass Calw und Böblingen anfangs nicht an eine S-Bahn dachten. Sie wollten nur eine Nebenbahn einrichten. Vorbilder sind die Schönbuchbahn Böblingen-Dettenhausen und die Ammertalbahn Herrenberg-Tübingen, die von den Kreisen Böblingen und Tübingen reaktiviert wurden und auch betrieben werden. Doch nach einem Gutachten aus dem Jahr 2008 ist die Verlängerung der S6 (Stuttgart, Leonberg, Renningen, Weil der Stadt) in den Kreis Calw für Fahrgäste wesentlich attraktiver. Sie müssen in Weil der Stadt nicht umsteigen und sparen Zeit - wer ab Calw fährt, ist in 58 Minuten am Bahnhof in Stuttgart.

Die Region

Eine S-Bahn macht die Sache komplizierter, weil damit der Verband Region Stuttgart ins Spiel kommt. Er ist der Aufgabenträger für die S-Bahnen. Doch Calw liegt außerhalb der Regionsgrenzen und bezahlt deshalb auch keine Umlagen. Den S-Bahn-Betrieb und den Verwaltungsapparat des Verbands finanzieren die Stadt Stuttgart sowie die Kreise Esslingen, Ludwigsburg, Böblingen, Rems-Murr und Göppingen.

Drei Bedingungen

Der Verband Region Stuttgart (VRS) hat von Anfang an klar gemacht, zu welchen Bedingungen er Calw an sein S-Bahn-Netz anschließt. Regionaldirektorin Jeannette Wopperer hat die drei Fixpunkte kürzlich in einem Brief an die Landräte noch einmal deutlich gemacht: Dem Verband dürfen für Planung, Bau und Betrieb keine Kosten entstehen; für die Fahrgäste und den Betrieb im S-Bahn-Stammnetz darf es keine Nachteile geben; die Region wird der faktische Träger. Letzteres bedeutet, dass der Verband auch auf dem neuen Abschnitt das Sagen hat.

Die Zustimmung

Helmut Riegger, der Landrat von Calw, hat die Bedingungen bereits im Sommer akzeptiert. "Wir können das alles erfüllen", sagte er im Juli bei einem Treffen mit der CDU-Regionalfraktion. Unklar war für ihn nur noch die Trägerschaft. Die sei wegen der Zuschüsse von Bund und Land offen, hieß es damals. Inzwischen steht fest, dass das Land die formelle Trägerschaft bei den beiden Kreisen sieht. Der VRS könne nur Träger von S-Bahnen sein, deren Anfangs- und Endpunkt in der Region liegt. Das Land hat aber nichts dagegen, wenn die Kreise der Region die faktische Aufgabenträgerschaft überlassen. Genau das verlangt die Region.

Die Alternative

Der Böblinger Landrat hat eine Nebenbahn aber noch nicht abgeschrieben. Er nennt sie "S-Bahn light" und hat sie ins Gespräch gebracht, als alle anderen nur noch von der richtigen S-Bahn schwärmten. Er geht davon aus, dass die Züge so schneller auf die Schiene kommen. Als abschreckendes Beispiel führt er die S60 Böblingen-Renningen an, die mit sechsjähriger Verspätung Ende 2012 fertig sein soll - und die statt anfangs 93 jetzt um die 150 Millionen Euro kosten wird. Sein Vorschlag gilt in den Gremien aber nur als zweitbeste Lösung. Die S-Bahn hat klar Vorfahrt. Bernhard hat wohl deshalb nach dem Rückschlag im Kreistag dicke Backen gemacht. Er werde, hat er angekündigt, mit der Region "Tacheles" reden und eine Kostenbeteiligung fordern. Dass er damit Erfolg hat, ist wenig wahrscheinlich. Calw braucht den Zug in die Region, um Wirtschaft und Tourismus zu fördern. Der Region aber bringt Calw nur einige zusätzliche Fahrgäste ins S-Bahn-Netz. Und Böblingen weniger Pendler auf den Straßen.

Das Defizit

Die Planungs- und Investitionskosten für die S-Bahn werden auf 69 Millionen Euro geschätzt. Davon könnten Bund und Land 48 Millionen Euro übernehmen. Gutachter gehen von etwa 3000 Fahrgästen am Tag aus. Die Züge würden ein Defizit von rund 2,7 Millionen Euro im Jahr einfahren. Noch teurer würde es, wenn bei Weil der Stadt-Schafhausen/Grafenau eine Haltestelle angelegt würde. Diesen Haltepunkt haben Böblinger Kreisräte jetzt wieder ins Gespräch gebracht. Auf dieses Stück der früheren Schwarzwaldbahn - die Schleife um den Hacksberg - sollte bisher verzichtet werden. Es kostet Zeit und bringt kaum Fahrgäste.

Die Verhandlungen

Die Böblinger Kreisräte wollen erst wieder über die Zugstrecke reden, wenn Fragen wie die Trägerschaft endgültig geklärt sind. Sie haben ihren Landrat beauftragt "die Schienenverbindung voranzutreiben", aber auch festgehalten, dass mit dem Auftrag zu weiteren Verhandlungen "kein Grundsatzbeschluss" für die Zugstrecke verbunden ist. Der Calwer Kreistag indes hat einem Zweckverband bereits zugestimmt. 20 Prozent der Kosten soll Böblingen übernehmen. Bernhard will in den nächsten Wochen mit der Region verhandeln. Er will, dass sich die Gemeinschaft von 179 Kommunen "mindestens an den Betriebskosten" beteiligt.

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